Just call me bad news, baby.
Männer, die Authentizität auf Frauenmagnet reimen, sind nicht so mein Fall. Eine Frau braucht ihre kleinen Geheimnisse. Ein Mann auch. Unbedingt. Als ich noch klein und doof war und das noch nicht wusste, hatte ich einen Bekannten namens Raimund. Er war groß, hatte Stil, sah gut aus und war eindeutig zu cool für sein Monatseinkommen (sind wir das nicht alle). Trotzdem war er ein strikt platonischer Freund: Bei einem Mann, der sich mit der Hälfte der Münchner Prostituierten duzt, ziehe ich irgendwo einen Strich. Wir unterhielten uns aber jedesmal blendend. Immer, wenn ich ihm in meiner jugendlichen Naivität eine indiskrete Frage stellte – zum Beispiel: ”Hat Marina diesmal endgültig Schluss gemacht?” oder: “Wo hast du eigentlich so viel Geld her?” – sah er mir aufmerksam in die Augen, nickte und redete wie ein Wasserfall auf mich ein, untermalt von einer italienisch anmutenden Gestensprache. Seine Antworten waren immer weitschweifig, interessant und witzig. Erst auf dem Nachhauseweg fiel mir auf, dass er die Frage, die ich ursprünglich gestellt hatte, gar nicht beantwortet hatte. Kluger Mann.
In a sentimental mood.
“Wieso meldet er sich nicht? Wir haben uns doch so gut verstanden!” – Eben deswegen, Schätzchen. Manche Leute haben den Rest der Woche auch noch was anderes zu tun, als mit romantischen Kuhaugen im Meeting zu sitzen – wer noch vom Wochenende her so sentimental drauf ist, dass er auch dem Abteilungsleiter seine nette Bitte nicht abschlagen mag, wird mit Überstunden nicht unter vier Stück bestraft. Flirten für Intellektuelle ist ja nicht: wie kriege ich IHN oder SIE ins Bett. Das ist normalerweise keine echte Herausforderung: Frauen nehmen einen Minirock, Männer starten eine Charme-Offensive. (Die Komplimente dürfen auch gerne mit der Maurerkelle aufgetragen werden, wenn sie nur eine persönliche Note haben – dann geht’s schneller.) Das wirklich Spannende ist etwas anderes: Wie bringe ich den anderen dazu, mir etwas zu zeigen, was ich eigentlich gar nicht sehen sollte: Wünsche, Ängste, Träume, Irrationales? Die emotionale, verletzliche Seite? Und wie gebe ich dabei möglichst wenig von mir preis? Fortgeschrittene können dabei lügen, ohne rot zu werden. Noch versiertere Kandidaten können viel reden, aber wenig sagen, ohne ein einziges Mal zu lügen. Ich persönlich hasse es wie die Pest, die Emotionen hinter dem Schutzpanzer zu zeigen. Aaaber, um es mit Erich Kästner zu sagen: Im Übrigen soll sich keiner unterstehen, meinen Mangel an Mut komisch zu finden. Ich müsste ihm sonst, lediglich zur Aufrechterhaltung meines Ansehens, eine runterhauen. Es hat seine Gründe, warum es so viele Singles gibt: Solo lebt es sich stressfreier. Manchmal rutschen auch Einzelgänger auf der Bananenschale ihrer Gefühle aus, aber meistens hat man das ganz gut im Griff. Ships passing in the night … Manchmal gibt es aber tatsächlich Männer, die das Radar einer technisch perfekt hochgerüsteten Luxusyacht schlicht unterlaufen: Sie sind zu nett. Das ist äußerst ungewohnt: mit distanzierten Machos können die meisten Frauen besser umgehen. Darum verlieben sich viele Frauen auch bevorzugt in supercoole Typen (anstatt in die netten Jungs von nebenan): Das wird sowieso nichts Ernstes. Wie beruhigend.
Ist Kermit ein guter Liebhaber?
Miss Piggy ist glücklich mit ihm, das ist die Hauptsache. Casanova sagte, Liebe sei zu drei Vierteln Neugier. Was war das vierte Viertel? Habe ich vergessen. Wenn SIE die Farbe Grün attraktiv findet, kann es wohl auch ein Frosch sein. Für mich wäre er nichts. Auch nicht nach vier Vierteln Grüner Veltliner. Was ist das überhaupt für eine Frage? Genauso sinnlos wie die Frage, ob beispielsweise ich ein interessanter Gesprächspartner bin: Das kommt darauf an, wer da im Raum ist. Es gibt hunderte von Leuten, die bestätigen können, dass ich phänomenal langweilig bin und praktisch nichts zu einer Konversation beitrage. Insbesondere, wenn ich mit den Anwesenden nichts anfangen kann. Dann treten an meiner Mundmuskulatur spontan psychosomatische Lähmungserscheinungen auf und ich schaffe es nicht mal, eine generische Bemerkung über das Wetter zu äußern. Ich muss das wirklich mal üben: Ganz schön kalt heute. Oder: Meinen Sie, das Wetter bleibt so? Das ist doch nicht so schwer, verdammt noch mal! Ich schreibe mir einen Spickzettel aufs Handgelenk. – Was die Liebhaberei angeht, so gibt es Theoretiker, die meinen, zur Ekstase gehöre immer auch Angst. Distanz, und ihre Überwindung. Finden Sie auch? Soso. Für mich klingt das eher wie: Schön, wenn der Schmerz nachläßt. Überhaupt würde ich den Begriff Ekstase eher in der Theologie verorten. Ich kann aber auch nicht erklären, warum welche zwei zusammenpassen. Es gibt eine Studie, wonach sich schon bei der ersten Verabredung andeutet, ob aus den beiden was wird: man beobachtet, ob die Bewegungen synchron sind. Aber warum bei manchen Konstellationen die Chemie einfach stimmt und es plötzlich drei Grad wärmer im Saal ist, das entzieht sich den wissenschaftlichen Deutungsversuchen. Man geht nach Hause und schüttelt den Kopf: Blödsinn, da war nichts. Aber bei der nächsten Begegnung ist der Zauber wieder da. Vielleicht hat es etwas mit einem Lächeln zu tun, das jemand über den Raum schickt, mit einem Seitenblick, mit dem richtigen Wort zur richtigen Zeit.
Mauerblümchen
Sogar ich kenne dieses Gefühl. Obwohl mein Name auf Chinesisch “Primadonna” bedeutet. Für Menschen, die an Selbstwirksamkeit glauben – die Gewissheit: ich kann etwas bewegen, ich kann meine Welt beeinflussen – die also Wert darauf legen, sich selbst und ihr Leben unter Kontrolle zu behalten, ist Zwischenmenschliches teilweise schwer erträglich. Eigentlich lächerlich, dass wir von Beziehungen sprechen, wo doch gerade in diesem Bereich die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung teilweise außer Kraft gesetzt ist. (Oder zumindest kaum nachvollziehbar auf einer ziemlich irrationalen Ebene herumwuselt.) Beim Flirten liegt Schönheit nämlich im Auge des Betrachters, und nur dort: Mein Gegenüber entscheidet, ob ich das faszinierendste Geschöpf bin, das jemals über diese Erde schwebte … oder ein aufdringliches Trottelwesen. Nirgendwo sonst liegen Größenwahn und Selbstzweifel so eng beisammen, außer vielleicht in der Psychiatrie. Warum tun wir uns diesen Zirkus an? Anscheinend gibt es tatsächlich die physiologische Notwendigkeit, sich zu verlieben. Ein instinktives Bedürfnis. Weil der Nachwuchs eines verliebten Pärchens bessere Überlebenschancen hat: das gilt für Schwäne, Trottellummen und Menschen. Deshalb machen wir uns alle regelmäßig zu Idioten? Hin und wieder zweifelt man an der Weisheit der Schöpfung. So lange jedenfalls, bis man von einem Blick unter dunklen Wimpern getroffen wird … Ein Flirt ist ein Versuch, den anderen besser kennenzulernen. Eine Variante der Kommunikation, die nicht jeder zu schätzen weiß. Per definitionem ist ein Flirt ein Übergriff: Man dringt in die Komfortzone des anderen ein. Zeitgenossen, die sich darüber in halbgespielter Empörung laut aufregen, werden von der Vorsehung bestraft, ohne Ausnahme. Es gibt weiß Gott genug andere Möglichkeiten, einen Annäherungsversuch zu stoppen. Oft genügt ein kühler Blick, oder der freundliche Kommentar: “Sind Sie schon wieder hier?” - Keine Sorge, ich bin schon weg. Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich so schrecklich neugierig bin, da fällt man zwangsläufig mit schöner Regelmäßigkeit auf die Nase. In manchen Augen gibt es mich, in anderen nicht. Contenance. Für promptes Feedback muss man tatsächlich dankbar sein, denn die Erfahrung lehrt: Ein Mann, der kein Traummann sein will, ist auch keiner.
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