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Nur nicht verbiegen – Vorbeugendes über Verbeugegehabe

Ist es nicht erstaunlich, wie leicht man nach drei bis sechs Stunden Spitzenleistung die Gunst des Publikums binnen Millisekunden verlieren kann, indem man es sich beim Applaus verscherzt?
Denn es besteht nur ein Bravo-Ruf Platz zwischen der großen feierwürdigen Diva und dem frechen Hagestolz, der sich übermäßig abfeiern lässt, zwischen dem sympathischen Tenor und der unantastbaren Leadinglady, zwischen der verdienten Grand Dame und dem peinlichen Publikumsanbiederer.
Hier also ein Guide für alle Rampensäue und selbige, die es werden wollen, wie man auch beim Verbeugen vor dem Publikum besteht:

1. Wir wissen es, wie großartig du bist – oder entscheiden gern selber darüber – also versuch uns nicht davon zu überzeugen, indem du deine eigene Größe auch noch überdeutlich bis über den Souffleurkasten hinaussabberst! So geschehen bei Schmalz-Italo-Tenor Vittorio Grigolo (pardon, neuerdings Grigòlo) nach einer ausgesprochen mittelmäßigen Boheme. Da kam der Messias mit erhobenen Händen durchgetreten und grinste seinen Schäfchen zu, weil er sie mit seiner bloßen Anwesenheit erleuchtet hat, ohne auch nur ein Detail der Schenkinszenierung auf den Punkt gebracht zu haben.

2. Eng damit verbunden: die vollkommene Überschätzung der Rolle an diesem Abend (sog. Baritonkomplex). Eine alte Anekdote besagt: Bleibt man beim Verbeugen nur lang genug unten und außer Sicht der Publikums, ist leicht selber das ein oder andere Bravo zu schreien. Und keiner hat‘s gemerkt – außer dem Kulturenthusiasten.

3. Bitte auch nicht das Gegenteil: den schüchtern-ernsten, blutleeren Schüler, so wie drei Viertel jedes Schauspielensembles an die Rampe kriechen, die dem Applaus als bourgeoisen Kontrapunkt der postdramatischen Intellektualität ihres Stoffes misstrauen und lieber wieder zurück auf die Probenbühne zum Grübeln wollen. Das kaufen wir den Bühnentieren ohnehin nicht ab, dass sie der Publikumsgunst schon enthoben schweben, auch wenn sie dafür wieder mal als Einzige (trotz Einführung) das Regiekonzept des Abends durchdrungen haben.

4. Ebenso schlimm der/die Sympathling/-in, der/die den halben Chor umarmt, sich vor Freude überschlägt, die Bühne hibbelig durchrennt und am Liebsten noch den Inspizienten nach vorne zehrt, als wäre er/sie selber noch auf zwei Flaschen Bordeaux und einem Liter Elisir dazu. Etwas Contenance bitte, u. a. Herr Filianoti. Mehr Gesang und weniger Overacting ergibt gescheiten Applaus.

5. Der verängstigte Regisseur. Zugegebenermaßen hat der es schwer, da die Merkurkritik ihre Meinung nur mehr nach den Buhrufen abzählt (4 Grauenhafts von 5). Aber dann stehen sie zu den blutigen Gämsen, den Misteisflächen, den Sofaserails und den Nackig-nackigen bitte. Schließlich seid ihr ja auch dafür verantwortlich. Die Gesichter sind beim braven Zeitlosen – wenn die ‚Juhus‘ kommen – allerdings auch nicht fröhlicher. Ist es der Hunger oder das Schuldbewusstsein? An beidem leidet GonzoCastorf natürlich nicht; bei seinem 13-er Bayreuth-Ring hätte man ihn – aufgegeilt vom Buh – fast mit einem Wasserschlauch von der Rampe spülen müssen, so sehr badete er moonwalkend im Publikumshass. Chapeau, und ab!

6. Bitte nicht die Durchtretzeiten abstoppen, dass sich Madame auch wirklich lange bitten lässt, bis sie…erscheint, dafür gleich in vollkommener Gebets-Haltung mit verschränkten Beinen und den Armen wahlweise nach Holzbläser, Blumenstrauß, Himmel oder Verfolger gerichtet. Länger ist wie beim Allem nicht gleich besser, ja wir meinen auch sie Frau Martínez!
So also nicht. Wie aber dafür?

Mit Mittelmaß: Ein verschmitzter Leo Nucci, der wendiger als in der ganzen Inszenierung nach vorn watschelt und es sichtlich einfach nur genießt. Herzig wie die Netrebko als Mischung aus PrimaAnna und Russin von nebenan. Ruhig die stemm-ige Diva mit Hand aufs Herz – aber bitte dafür auch den Saal aussingen. Denn nicht vergessen, verbiegen allein ist es gar nicht, was den Applaus ausmacht.
da capo
7. Ach ja, Herr Giordano – fast wären sie mir entkommen. Aber dieser Gebärdenpantomimenveitstanz – schlimmer als
bei einem Fußballspieler mit all den Bussis, Winkis, Herzchen und Eigenumarmungen etc. ist dann auch ein bisschen viel.

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