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Der Kaiser von Atlantis, 31.03.2012, St. Thomas Augsburg

Oper und Kirche, geht das zusammen? Im Falle der Aufführung von Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann kann ich das mit ganzem Herzen bejahen. Oper und Location wirkten perfekt miteinander, ohne dass das eine das andere dominierte. Das Werk entstand 1943 in Theresienstadt, kam dort allerdings nur bis zur Generalprobe und wurde erst 1975 in Amsterdam uraufgeführt. Seitdem wird es überall auf der Welt gespielt, meist an kleineren Häusern, da es sich eher um eine Kammeroper handelt. Trotz seiner tragischen Entstehungsgeschichte, Ullmann, sein Librettist Petr Kien und ein großer Teil des Ensembles wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, ist das Werk nicht auf den Holocaust fixiert, sondern allgemeingültig, denn Diktatoren gibt es auch heute noch. So spielt diese Inszenierung der Greek National Opera von 2008 wohl eher im Müll einer modernen Konsumgesellschaft:

Der Kaiser Overall lässt durch seinen Trommler verkünden, dass alle Menschen in seinem Reich bewaffnet werden und in den Krieg ziehen müssen, um den Gegner bis aufs Blut zu bekämpfen. Das missfällt dem Tod, der sich zur Maschine degradiert sieht. Er tritt in einen Streik und fortan sterben keine Menschen mehr. Verwundete und Kranke ringen mit dem Leben (eine sehr schöne Formulierung aus dem Libretto), aber die erhoffte Erlösung tritt nicht ein. Kaiser Overall nützt die Situation vermeintlich aus und verspricht seinen Untertanen ewiges Leben, aber das Land versinkt im Chaos. Er bittet den Tod, sein Handwerk wieder aufzunehmen, der fordert allerdings, dass der Kaiser sein erstes Opfer sein soll. In einem zweiten Strang treffen ein Mädchen und ein Soldat, die auf unterschiedlichen Seiten kämpfen, aufeinander. Weil sie sich nicht töten können, verlieben sie sich ineinander und selbst der Trommler kann sie nicht trennen. Auch das ist eine sehr schöne Parabel für sich.

Der Abend begann mit Selig sind, die da Leid tragen aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Der Chor der Kirchengemeinde St. Thomas, die Chaplains, wies damit den Weg zu einer sehr berührenden Aufführung. Währenddessen irrte ein Scheinwerfer durch den Raum und erinnerte an den Wachturm eines Konzentrationslagers. Judensterne an der Kleidung wiesen die Beteiligten als Insassen aus, so dass trotz einer spärlich bestückten Bühne der Kontext klar wurde. Spätestens bei der schnarrenden Stimme aus dem Lautsprecher (Hanspeter Plocher), der die Protagonisten vorstellte und die Handlung kommentierte, war sich jeder Zuschauer bewusst, zu welcher Zeit das Stück spielt. Der Kirchenraum wurde in seiner Gänze genutzt, vor dem Altar diente ein Podest als Bühne, die mit einem Vorhang abgetrennt war. Die szenische Umsetzung unterstützte die berührende Musik sehr, so dass der Abend ein, leider einmaliges, Erlebnis war.

Musikalisch war es ganz wunderbar. Tobias Peschanel am Klavier und Walter Freyn an der Orgel ließen durch ihre einfühlsame Begleitung andere Instrumente nicht vermissen. Eva Maria Amman als Mädchen, Cornel Frey als Soldat, Daniel Fiolka als Kaiser, Stefan Sevenich als Tod gefielen mir alle ausgezeichnet in der musikalischen und szenischen Umsetzung. Edda Sevenich als Trommler beeindruckte mich mit ihrem dramatischen Mezzosopran, ihre Stimme gefiel mir vom ersten Moment an.

Ein wirklich in jeder Hinsicht fantastischer Abend, vielen Dank an alle Beteiligten auf und hinter der Bühne, die ihn möglich gemacht haben.

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