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Interview mit Tereza Vanek

Tereza Vanek Liebe Tereza, herzlichen Dank, dass du dich bereiterklärt hast zu einem Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Stellst du dich uns kurz vor?

Ich bin Tereza Vanek und schreibe historische Romane. Den fünften habe ich gerade veröffentlicht, jetzt im Januar ist er lieferbar geworden, offizieller Erscheinungstermin war im Dezember 2011. Ich bin 46 Jahre alt und ich lebe in München.

Wie hat das bei dir angefangen mit dem Schreiben? Wie bist du dazu gekommen?

Eigentlich wollte ich das schon immer machen, das war schon mein Berufswunsch als Teenager. Ich hatte in dem Alter bereits ein paar Geschichten geschrieben und konnte es auch später nicht lassen, mir ständig welche auszudenken, aber es kam mir sehr unrealistisch vor, dass da wirklich mal eine Buchveröffentlichung daraus werden könnte. Ja, und dann so mit Mitte 30 habe ich endlich beschlossen, dass ich es doch mal ernsthaft versuchen sollte, und siehe da, es hat wirklich geklappt.

Du hast fünf historische Romane, aber eigentlich fünf sehr unterschiedliche historische Romane geschrieben: Von der Gegend, von der Zeit her, vom Sujet her. Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?

Das ist schwer zu sagen, es geht Hand in Hand. Da waren bestimmte Themen, die mich schon lange interessiert haben. Zum Beispiel bei dem ersten Buch, “Schwarze Seide”. Ich hatte mich bereits vorher recht ausführlich mit der Geschichte der Sklaverei beschäftigt und bin eben so auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen. Dann, bei “Die Träume der Libussa” war es eine Legende, die ich von Kindheit an kannte und von der ich mir schon öfter gedacht hatte, dass das ein ganz guter Stoff für so einen mystisch-historischen Roman in der Tradition von MZ Bradley wäre. Manchmal sind es auch Sachen, die man in einem Geschichtsbuch liest oder über die man einfach zufällig stolpert. Wenn ich an einem Buch schreibe oder dafür recherchiere, kommen mir oft schon wieder Ideen für andere Bücher. Oder auch wenn ich die Bücher anderer Autoren lese, dann fällt mir plötzlich ein: also, so etwas in der Art, aber eben anders, würde ich vielleicht auch gerne mal machen. Es ergibt sich dann so Schritt für Schritt, dass aus einer vagen Idee langsam auch eine konkrete Geschichte wird, und oft – meistens – steht zuerst die Epoche fest, und der historische Hintergrund, und dann erst entsteht die Handlung.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Ich schreibe eigentlich immer, wenn ich die Zeit dazu finde. Das war früher eigentlich nur abends, jetzt gottseidank auch nachmittags und abends und dann eben am Wochenende. Wenn es mal nicht so gut läuft, hilft meistens eine kleine Pause, so Viertelstunde, halbe Stunde, um wieder den Kopf freizukriegen. Also einfach etwas anderes machen, Einkaufen gehen, mit den Katzen spielen oder irgendwas, damit man ein bisschen Abstand bekommt, und dann geht es meistens auch wieder besser.

Sind deine Figuren sehr lebendig – sitzen sie bei dir am Frühstückstisch?

Also, am Frühstückstisch sitzen sie ehrlich gesagt nicht. Das wäre etwas komisch, mit Reifrock und Perücke. Aber sie begleiten mich tagsüber immer mal wieder, und sind dann auch manchmal schuld daran, dass ich mit dem Bus eine Station zu weit fahre oder in eine andere Richtung laufe, als ich eigentlich laufen wollte. Weil mir dann eine Szene im Kopf herumspukt, was gerade passiert und wie ich das weiter ausgestalten könnte, und dann bin ich geistesabwesend. Die Figuren entwickeln sich im Laufe der Geschichte auch mehr und mehr. Es kommen neue Charakterzüge dazu, ein konkreteres Aussehen und auch eine konkretere Persönlichkeit.

Aber sie beeinflussen die Geschichte nicht?

Die Figuren? Ja, in gewisser Hinsicht schon, was Kleinigkeiten betrifft. Die Geschichte als solche steht meistens am Anfang fest, weil da schon das Expose geschrieben wurde und an einen Verlag verkauft wurde. Aber was die Details betrifft, wie sie sich in kleinen Szenen benehmen oder wie sie alle konkret zueinander stehen, da beeinflussen sie die Entwicklung der Geschichte schon.

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Die alleranstrengendste, muss ich sagen, sind immer so die ersten 100 Seiten, die auch noch mit sehr viel Recherche verbunden sind, wobei ich das Gefühl habe, vor einem Berg zu stehen, denn es gibt so viel, das ich nicht weiß. Nachdem ich mich durch den Anfang gekämpft habe, nehmen Ort und Personen konkretere Formen in meinem Kopf an. Dann habe ich eine genauere Vorstellung von dem ganzen Hintergrund meiner Geschichte, weil ich parallel zum Schreiben auch immer wieder Bücher zum Thema lese oder mir Fotos anschaue und so weiter. Wenn ich dann, sagen wir mal, so die Hälfte geschafft habe, geht der Schluss wesentlich besser. Am Ende muss natürlich alles nochmal überarbeitet werden.

Möchtest du denn auch noch in einem anderen Genre schreiben – und was hält dich davon ab, in einem anderen Genre zu schreiben?

Also, grundsätzlich ist es so, dass das mit den historischen Romanen jetzt angelaufen ist und ich auch immer wieder neue Ideen habe, von daher mache ich da erst einmal weiter. Unter Umständen hätte ich auch noch Ideen für Thriller. Allerdings liegt mir diese Tendenz zur Blutrünstigkeit, die da momentan doch sehr stark vorherrscht, eigentlich nicht. Ich mag das mehr psychologisch abgründig, von daher weiß ich nicht, wie gut meine Ideen ankämen. Fantasy habe ich mal probiert, aber ich glaube, dass ich da mehr in die Richtung High Fantasy gehe, also Marion Zimmer Bradley zum Beispiel, und das ist derzeit angeblich nicht so gefragt. Das könnte sich natürlich aber auch wieder ändern.

Welches Genre liest du selbst gerne, und hast du einen Lieblingsautor?

Bevor ich angefangen habe, selbst zu schreiben, habe ich hauptsächlich eher literarische feministische Texte gelesen. Margaret Atwood habe ich sehr geschätzt, lese sie auch heute noch gerne, Marge Piercy, dann eine finnische Autorin, Sofi Oksanen, die vor kurzem einen großen Erfolg hatte. Historische Romane habe ich auch schon immer geliebt. Die Klassiker, wie “Sinuhe der Ägypter”, “Vom Winde verweht”, “Ein Kampf um Rom” und so weiter. Seit ich selbst historische Romane schreibe, lese ich sie natürlich verstärkt: Charlotte Lyne, dann eine englische Autorin, die in Deutschland nicht besonders bekannt ist, Vanora Bennett. Natürlich Sarah Waters, die ist meine Lieblingsautorin. Sonst: die Bücher von Julia Kröhn lese ich gerne. Ach ja, Nicole Vosseler und Laila El Omari fallen mir jetzt spontan noch ein.

Lässt du dich von Musik beim Schreiben inspirieren, und welche Musik hörst du am liebsten?

Inspirieren, ja, manchmal. Wenn zum Beispiel im 18. Jahrhundert jemand in meinem Roman Klavier spielt, dann recherchiere ich im Internet, was es damals für Musikstücke gab, und suche mir ein passendes, und das höre ich mir ein paarmal an. Bei einem Mittelalter-Roman höre ich natürlich mittelalterliche Musik, um Beispiele für Melodien zu haben, die dann auch in das Buch mit einfließen. Oft höre ich aber Musik, die zeitlich überhaupt nicht passt. Generell liebe ich Folk und Independent. Diese Songs lasse ich beim Schreiben nebenher laufen. Manche Lieder spiele ich immer wieder, wenn ich schreibe. In dem Buch “Das Geheimnis der Jaderinge” wird sogar ein solches Lied am Ende erwähnt, weil das ein schottisches Volkslied ist, das damals schon bekannt war. Ich hatte allerdings die Version einer modernen Sängerin: Joanna Newsom. Deren Musik habe ich sehr, sehr oft gehört, als ich das Buch schrieb. Bei den Katharern hatte ich dann so eine Phase, da habe ich immer Adele, “Rolling in the Deep”, gehört, weil ich das auf der Recherchereise entdeckt hatte. Zufälligerweise lief das Lied in einem Laden in Carcassonne, in den ich kurz gegangen bin, und es hat mich sofort gefesselt.

Wie und wo schreibst du am liebsten? Brauchst du bestimmte Bedingungen zum Schreiben?

Naja, also ich sollte einigermaßen bequem sitzen können. Auf dem Schoß könnte ich zum Beispiel den Laptop nicht haben, das finde ich unbequem. Ansonsten sitze ich meistens an meinem Tisch zu Hause. Ich bin ganz froh, wenn ich meine Katzen um mich habe. In einer vertrauten Atmosphäre geht das Schreiben besser.

Aber du könntest auch unterwegs schreiben?

Wenn ich bequem sitzen könnte, ja. Und wenn nicht zu viel um mich herum los wäre, was mich ablenkt.

Du wohnst in München. Ist das die Stadt, in der du leben möchtest, oder gibt es noch eine andere Stadt, die dich fasziniert?

Also, grundsätzlich bin ich ein ziemlicher Stadtmensch. Mich hat es nie besonders aufs Land gezogen. Ich habe lange davon geträumt, in London zu leben. Später hatte ich Berlin anvisiert, das würde mich auch heute noch reizen, aber es sind praktische Erwägungen, die mich von einem Umzug abhalten. Ich habe immer noch eine Teilzeitstelle, und in Berlin ist so etwas nicht so leicht zu finden wie in München. Dann war meine Beziehung ein Grund, warum ich in München geblieben bin. Ich finde München in Ordnung. Es ist eine Stadt, in der sich ganz gut leben lässt.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Die Bücher? Es sind jetzt momentan nicht ganz so viele, vielleicht so 20, weil ich mir immer einen Kaufstopp auferlege und sage: Jetzt kaufst du erst mal nichts, bis du wieder ein paar weggelesen hast. Ansonsten kommen immer wieder Bücher rein, weil man mit Autoren tauscht. So wächst der SUB dann doch langsam, aber beständig.

Soeben ist dein neuer Roman “Das Geheimnis der Jaderinge” erschienen. Bereits dein vorletztes Buch “Chinatown” spielte teilweise in China. Was fasziniert dich so an diesem Land?

Das ist natürlich spontan schwer zu sagen. Es wirkt auf mich sehr ästhetisch, sehr harmonisch. Es hat mich schon als Jugendliche fasziniert, da habe ich sehr viel Pearl S. Buck gelesen, und später Han Suyin, das waren die bekannten Autorinnen, die über China geschrieben haben. Es reizt mich optisch, und es hat so etwas Geheimnisvolles, was einen in den Bann zieht. Grundsätzlich bin ich jemand, der lieber über – sagen wir mal: Hochkulturen schreibt als über schlichte Naturvölker, weil mich die Hochkulturen einfach mehr reizen.

Du warst selbst auch in China auf Recherche-Reise. Hast du auch Chinesisch gelernt?

Ein bisschen. Ich hatte einen Chinesisch-Grundkurs, den habe ich auch noch fortgesetzt. Schließlich aber war ich mit dem Schreiben des Buches so eingespannt, dass ich einfach nicht die Zeit hatte, mich intensiv mit der Sprache zu befassen. Es ist ja wirklich eine für uns sehr fremde Sprache, da müsste man sich täglich mehrere Stunden hinsetzen, damit man wirklich das Gefühl hat, voranzukommen. Aber Chinesisch ist etwas, das ich bei Gelegenheit gerne noch weiter lernen würde.

Würdest du noch einmal einen Roman schreiben, der in dieser Ecke der Welt spielt?

Es ist eine Fortsetzung von “Das Geheimnis der Jaderinge” geplant, die die folgende Generation behandelt. Es gilt jetzt abzuwarten, wie das erste Buch läuft und ob der Verlag an einem weiteren Buch Interesse hat. Aber grundsätzlich würde ich sehr gern wieder über China schreiben.

Erzähle uns doch ein bisschen von dem Buch “Das Geheimnis der Jaderinge”.

Um nicht zu viel zu verraten: Es geht um ein junges Mädchen, ein, sagen wir mal, recht verwöhntes junges Mädchen, das für die damalige Zeit ein ungewöhnlich privilegiertes Leben mit sehr vielen Freiheiten hatte, von ihrem Vater zum Freigeist erzogen wurde. Sie verliert ihre ganzen Privilegien, sehr unerwartet und sehr schnell. Daraufhin geht sie nach China, um dort eine Stelle als Gesellschafterin einer englischen Dame anzunehmen. Sie muss sich in einem fremden Land zurechtfinden und stößt in der Familie, für die sie arbeitet, auf ein langgehütetes Geheimnis, das sie aufklären will. Dann lernt sie nach einer ersten, schweren Enttäuschung wieder einen Mann kennen, der ihr gefällt, der allerdings aus einer völlig anderen Kultur stammt. Die Beziehung gestaltet sich von Anfang an schwierig, und es bleibt sehr, sehr lange unklar, ob sie zusammenkommen oder nicht.

In diesem Roman spielt ein Aufstand eine Rolle. Bist du über diesen Aufstand gestolpert und kam dann die Geschichte, oder war es eher umgekehrt?

Ich muss sagen: in dem Fall war es umgekehrt. Ich wollte die Geschichte schreiben, und ich wollte auch ein wichtiges Ereignis der chinesischen Geschichte mit hineinpacken. Ich habe mich über die damalige politische Lage informiert und bin auf den Taiping-Aufstand gestoßen. Davon hatte ich bereits vorher gehört, hatte aber kaum Detailkenntnisse. Ich habe mich mehr und mehr eingelesen, und das Thema gewann an Faszination, so dass der Taiping-Aufstand in dem Buch nun eine sehr wichtige Rolle spielt. Es gibt eine Rückblende, in der ausführlich über ihn berichtet wird. Ursprünglich war er nur als Ereignis im Hintergrund geplant.

Demnächst wird es eine Leserunde zu deinem Buch beim Bücherforum Büchereule geben. Genießt du den Kontakt mit den Lesern?

Es freut einen Autor natürlich immer, Feedback von den Lesern zu bekommen. Man hat aber auch Angst: es könnte darauf hinauslaufen, dass sehr viele Leser unzufrieden sind, und das ist für einen Autor frustrierend. Allerdings ist es auch gut zu wissen, was die Leute gestört hat, weil man aus Kritik durchaus lernen kann. Aber im Großen und Ganzen sind Leserunden für mich eine sehr aufregende, aber auch bereichernde Erfahrung, weil ich mitbekomme, wie Leute in das Buch einsteigen, welche Ideen ihnen beim Lesen kommen. Da sitze ich nicht mehr alleine in meinem Schreibzimmerchen und tippe vor mich hin, sondern habe Rückmeldung.

Bei zweien deiner Bücher sind die Liebespaare zwei Frauen. Macht es für dich einen Unterschied, über eine homosexuelle Liebe zu schreiben anstatt über eine heterosexuelle?

Im Großen und Ganzen: Nein. Ich kann mich in beides einfühlen. Das mit der lesbischen Geschichte hatte bei meinem Erstling, “Schwarze Seide”, auch pragmatische Gründe: ich wollte in einer gemischtrassigen Beziehung die üblichen Klischees vermeiden. Bei historischen Romanen ist es schwieriger, so eine Beziehung realistisch zu schildern, weil sie damals ein Tabu war, weil sie geheim bleiben musste. Das gibt der Geschichte aber auch zusätzliche Spannung.

Kannst du uns schon etwas über dein nächstes Projekt sagen? Dieses Jahr erscheint ja noch ein Buch von dir.

Ja, das ist „Die Ketzerin von Carcassonne“. Dieses Buch hat Parallelen zu meinem vorletzten Roman, der „Dichterin von Aquitanien“. Es spielt ungefähr zur selben Zeit, es spielt ebenfalls in Südfrankreich. Hintergrund sind jetzt allerdings die Katharer und der Albigenser-Kreuzzug. Es steht auch wieder eine historisch dokumentierte, bedeutende Frau im Mittelpunkt: Esclarmonde de Fois, manchmal Fürstin der Katharer genannt. Die Hauptfigur ist allerdings eine fiktive Gestalt einfacher Herkunft.

Wie gehst du mit historisch dokumentierten Personen um? Ist es so weit dokumentiert, dass man wirklich sagen kann: So waren sie, diesen Charakter hatten sie – oder kann man da durchaus noch eigene Züge hineininterpretieren?

Grundsätzlich kommt es darauf an, wie gut die Person dokumentiert ist. Bei Eleonore von Aquitanien konnte ich relativ wenig dazu erfinden, wobei man natürlich immer Dinge hinein interpretiert, sich Dialoge und Gedanken der Beteiligten von historisch belegten Ereignissen ausdenkt. Man hat Vorgaben, wie sie sich verhalten haben, und zieht daraus Schlüsse über ihren Charakter. Bei Esclarmonde de Foix hatte ich wesentlich mehr Freiheiten, weil nicht viel über sie bekannt ist, außer, dass sie die Katharer unterstützt hat und eine recht selbstbewusste Frau war. Aber zum Beispiel die Beziehung zu ihrem Mann – sie war sehr lange verheiratet und hatte etliche Kinder – davon weiß man nichts. Man weiß nicht, ob sie in der vermutlich arrangierten Ehe glücklich waren oder ob sie sich vielleicht gegenseitig nicht leiden konnten. Man weiß auch nicht, unter welchen Umständen sie gestorben ist. Die meisten Freiheiten hatte ich bei “Die Träume der Libussa”, weil das Sagengestalten waren. Aus denen konnte ich machen, was ich wollte.

Genießt du das dann, den Figuren eigene Charakterzüge zu verleihen?

Bei der Beschreibung von Eleonore von Aquitanien hatte ich anfangs Bedenken: Darf ich das überhaupt? Würde sie sich nicht im Grabe umdrehen, wenn sie meinen Text lesen könnte? Letztendlich habe ich mir dann gedacht: Ja, ich mache es jetzt, ich darf. Ich habe andere Romane über sie gelesen und gemerkt: alle Autoren haben sich Dialoge und Szenen über sie ausgedacht, die nicht historisch belegt sind. Es macht einem die Sache trotzdem manchmal leichter, wenn man seine eigene Figur entwerfen kann, deren Verhalten nirgends dokumentiert ist. Andererseits können historisch gegebene Tatsachen solide Bausteine für eine Geschichte sein.

Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und gibt es auch irgendetwas daran, was dich nervt?

Zunächst einmal: eine herausragend erfolgreiche Autorin bin ich soweit nicht. Das ist immer relativ zu sehen. Das Beste an meiner gegenwärtigen Situation ist, dass ich machen kann, was ich gerne mache. Ich empfinde es dabei als großen Vorteil, dass ich zu Hause arbeiten kann. Ich sehe zwar durchaus gerne Leute, aber acht Stunden am Tag immer mit anderen Menschen zusammen zu sein fand ich in meinem früheren Berufsleben manchmal auch ganz schön stressig. Wenn ich jetzt Leute sehen will, dann treffe ich mich mit Freunden, und meine Arbeit mache ich daheim. Der Nachteil ist, wie in allen freien Berufen, die Unsicherheit. Es kann eine Weile laufen, und dann plötzlich nicht mehr. Es kann sein, dass der Trend sich ändert, dass irgendwann historische Romane gar nicht mehr gefragt sind und man keine andere Wahl hat, als sich umzuorientieren. Das sehe ich, weil ich eigentlich ein Sicherheitsmensch bin, als Nachteil. Dass man sich von Buch zu Buch durchkämpft, und dazwischen immer wieder in der Luft hängt.

Und hemmt dich das beim Schreiben, oder beflügelt es dich eher, zu sagen: Jetzt will ich ein besonders gutes Werk abliefern?

Ich muss sagen: Weder, noch. Denn wenn ich schreibe, dann denke ich gar nicht daran. Es geht mehr um so Sachen wie Lebensplanung. Wenn einem Fragen durch den Kopf gehen, ob man sich eine Eigentumswohnung kaufen will oder nicht, dann ist so etwas eher eine Bremse, logischerweise. Überhaupt bei der Planung von größeren Ausgaben. Ich weiß ja nicht, wie es nächstes Jahr läuft. Aber wenn es um das Schreiben als solches geht, dann ist das irrelevant. Denn da denke ich einfach nur an den Text.

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?

Mir fällt jetzt nur eine Geschichte ein, die mich sehr glücklich gemacht hat. Ich habe ungefähr zwei Jahre vor der Veröffentlichung meines ersten Romans Sarah Waters für mich entdeckt und war sofort total begeistert von dieser Autorin. Mein Traum war, auch so schreiben zu können wie sie. Dann erschien mein Erstling, “Schwarze Seide”. Ich surfte an einem Wochenende im Internet und stellte fest, dass er bei Amazon zusammen mit dem neuesten Buch von Sarah Waters angeboten wurde, mit dem Vermerk: Kunden kaufen oft zusammen. Da machte ich im Geiste Luftsprünge.

Als letzter Punkt eine etwas schwierige Frage: Gibt es eine Frage, die dir schon immer mal jemand stellen sollte, aber niemand hat sie jemals gestellt? Die du gerne beantworten würdest?

Hm. Vielleicht so etwas wie: Was würden Sie gerne von Ihren Lesern wissen? – Dann soll ich wahrscheinlich auch gleich die Antwort sagen? Also, grundsätzlich hätte ich, wenn Kritik kommt, lieber konstruktive Kritik – das mag wahrscheinlich jeder lieber. Außerdem Hinweise darauf, was Leuten in den Büchern besonders gefallen hat. Vielleicht auch einmal Vorschläge, was für Bücher sie in Zukunft gerne hätten, das fände ich auch nicht schlecht. Einfach als Anregung für mich.

Dann sage ich herzlichen Dank für dieses Interview und alles Gute für “Das Geheimnis der Jaderinge” und “Die Ketzerin von Carcassonne”.

Danke!

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