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Das Wo beim Was – Theatertopologie

Das Wo beim Was – Theatertopologie

Es muss nicht immer die erste Reihe an der ersten Geige sein, sollte es auch nicht, denn gerade ganz hinten und ganz oben lernt man loben.
Doch manches Mal bietet der vordere Platz ein grandioses Erlebnis: Kürzlich briet Anette Paulmann als Hausmutti in Armreichweite am Bühnenrand voller Hingabe Rührei. Das war showcooking besser als bei Lanz, direkter und olfaktorisch schon ein Genuss, während sich dabei das Pfanneninnere noch in der dicken Hornbrille der Ausnahmeakteurin spiegelte. Aus der ersten Reihe saß der Enthusiast sozusagen direkt am Essenstisch mit der großen Kunst, durfte selber einen Löffel mitnehmen vom Stück, anstatt wie sonst nur in die Fernsehküche zu lechzen. Das geht übrigens auch vom Balkon: Unvergessen der kollektiv knurrende Magen des ganzen Resipublikums, als Courage Froebess Schnitzel in ihrer Feldküche brutzelte.
Moment jetzt wird’s zu kulinarisch. Bevor wir die Kreditkarte für Kusejs Gorillaaffenküchencirkus zücken müssen – zurück zur Sitzplatznummer. Die Oper verlangt zumindest die dritte Reihe, um nicht nur das Stiefelgeklapper eines Carlos, sondern auch seinen Tenor mitzubekommen – vor allem, wenn weniger Graben als in München ausgehoben wurde. Durch den Pulverduft nach der Cavaradossierschießung erschnuppert man dafür bei der aktuellen Tosca noch vor der verladenen Diva, dass ihr Geliebter tatsächlich das Zeitliche gesegnet hat.
Alles in allem überprüft ja gerade der Stehplatz in der Oper die Akustik des Hauses ebenso wie die Klangfülle der Astralresonanzkörper an der Rampe. Die Wiener Staatsoper schluckt die tiefen Töne wie so manches Haus. Der Sopran trägt sich dagegen glockenklar ins renovierte Rund. Wer da als Bass ankommen will, muss stützen und schicken. Vertrackte Architekturen jenseits des allgemein geliebten Concertgebouws Amsterdam fordern eben alles.
Im Sprechtheater darf es dafür näher dran sein.
Doch dann Obacht: Bühnenblut, Dosenbier, Champagner und Stullenspucke drohen auf die ersten beiden Reihen überzugehen! Mittlerweile wird ja gerne rumgesaut auf modernen Bühnen, selbst in alten Stücken. Eine eigens benötigte Abtropfrinne schützte das RoseBernd-Publikum über Jahre vor der fließenden Dreckbühne. Die Drohung, mit Echtpferd in die erste Reihe zu reiten, verängstige das alte Abopaar dann schon sehr. Mit Gummicape und Hut und Becher lässt es sich da besser aushalten und dann sieht man schließlich jede Regung, jede Zuckung, jedes Lachen, jede Träne, jede… Falte.
Noch schwieriger im Kabarett: Die Angst für den nächsten Gag auf die Bühne geholt zu werden, verdarb einer Begleitung gleich den ganzen Abend. Da half es auch nichts, dass Schauspielkabarettschwergewicht Helmut Schleich die Befürchtung seiner Zuschauer verbalisierte und gleich alle nacheinander zum Kinderliedersingen auf einen Bühnenstuhl bat. Kommen musste dann nämlich keiner.
Es ist demnach gar nicht so einfach akustisch, ästhetisch und abschirmbar zu sitzen. Wie man es macht, es ist verkehrt. Flieht man an den Ausgang nach hinten für etwaiges Aufgeben nach zweieinhalb Stunden Quasirezitation eines wiederentdeckten rumänischen Teilbühnenautors, dann entwickelt sich der Abend so klasse, dass man sich nach vorne wünscht. Erobert man beim wenig besuchten Liederabend die vordere Mitte, fühlt man sich auch nach der endlosesten Zugabe bemüßigt, dem Sänger vor den wenigen Zuhörern ein gutes Gefühl zu geben, wo man sich doch eigentlich nur erst in die Pfälzer und dann ins Bett wünscht.
Tja wo ist fast so entscheidet wie was, aber wann überwiegt das wo das was während das wie irgendwann was wird…?

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