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Lesung Volker Klüpfel & Michael Kobr, 19.03.2016, Leipziger Buchmesse

Die beiden Autoren betraten sehr entspannt die Bühne, um das erste Mal nicht aus einem Kluftinger-Roman vorzulesen. Mit einem Augenzwinkern erzählten sie, nach acht Kluftis seien sie urlaubsreif gewesen und wollten ausprobieren, ob es auch mit einem anderen Thema klappen würde.

In diesem Roman sind ihre Kindheitserinnerungen verarbeiten, es sei zusagen Trauma-Bewältigung. Beide hätten als Kinder die gleichen Stationen im Urlaub erlebt. Stressige Vorbereitungen und dann mit dem vollem Auto ohne Handy und Navi über den Brenner nach Italien.

Im Mittelpunkt steht der Mitvierziger Alex Klein, der ein Fotoalbum findet – mit Fotos des 15-jährigen Alex aus dem damaligen Italienurlaub. Daraufhin wacht er im Körper des hochpubertierenden Ichs auf, just am Tag der Abreise in diesen Urlaub. In einem krassen Jahrzehnt der Mode, aus dem man viele Fotos lieber verstecken würde. Damals fanden sich die beiden Autoren „wahnsinnig attraktiv“ in ihren Klamotte und Frisuren. Heute würden sie beim Betrachten der Urlaubsfotos verstehen, warum es mit den Italienerinnen nicht klappte.

In jener Zeit seien die bequemen Jogginghosen in Mode gekommen, die auch oft für die Fahrt getragen wurden. Auch heute sei die Jogginghosendichte am Brenner nicht niedriger geworden.

Es folgte eine kurze Lesung Darbietung aus dem Buch, in der ein äußerst charmanter Italiener am Strand den weiblichen Familienmitgliedern „coco bello“ verkaufen möchte und man sah dem Publikum deutlich an, dass hier oft eigene Erinnerungen wach wurden.
Später wurde noch ein Anruf beim daheimgebliebenen Großvater vorgetragen, nicht minder humorvoll. Lachen

Heute wirke die praktisch unveränderte Anlage sehr ungemütlich und viel kleiner, außerdem müsse man heute als Vater das Eis selbst bezahlen. Damals hätten sie sich wie an der Copacabana mit Palmen gefühlt. Die Moderatorin fragte, ob sie nicht lieber in den Ferien in die große weite Welt geflogen wären.

1989 sei nicht nur in Leipzig stark für die Reisefreiheit gekämpft worden. Im Westen hingegen seien viele jedes Jahr wieder an die Adria gefahren. Eine Flugreise konnte sich damals kaum jemand leisten und zweitens empfanden beide Autoren die italienische Adria als die große weite Welt. Es wurden zwei Grenzen überquert, eine andere Währung kam ins Spiel und sobald eine fremde Sprache gesprochen wurde, begann das Abenteuer. Wenn man sich beim ersten Mal nicht den Magen verdarb, fuhr man wieder hin. In der Regel mit reichlich Lebensmitteln aus der Heimat, sogar die selbstgekochte Marmelade wurde mitgenommen. Das könnten sich jüngere Zuschauer heute kaum vorstellen.

Der Held ihrer Geschichte tauche in einer deutschen Kolonie auf, in der man sich um die drei Tage alte Bildzeitung stritt. Heute würde ein 15-Jähriger seine Eltern verklagen, wenn er 14 Tage Urlaub ohne Handy und Facebook verbringen solle. Damals sei die eigene Fantasie gefragt gewesen, wenn das dritte Lustige Taschenbuch ausgelesen war. Heute würde man viel Geld für das Entschleunigen bezahlen.

Ihre Eltern erfuhren erst von dem neuen Gemeinschaftsprojekt, als es schon fertig war. Einer der Väter habe eher irritiert reagiert. Nachdem die beiden Autoren in einer Talkshow erzählten, dass die Eltern damals im Auto rauchten, folgte am nächsten Tag ein Anruf „Wir haben überall geraucht, aber nie im Auto.“

Sie würden vor dem Schreiben genau festlegen, wer welche Szenen schreibt und was passiert. So gebe es keine Überraschungen, auch wenn vielleicht einer in der Hängematte im Urlaub schreibe und der andere von zu Hause aus. Bisher habe auch dieses andere Buch noch alle überzeugt, außerdem erscheine im September der neue Klufti.

Beim Signieren nach der Veranstaltung wurden die beiden von jedem zweiten Fan gefragt, ob sie auch dieses Hörbuch selbst eingelesen haben – was leider verneint wurde. Sie seien keine professionellen Sprecher, andere könnten das besser. Ihre Fans sahen das ganz anders.

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Lesung Karin Duve,19.03.2016, Leipziger Buchmesse

Die Moderatorin Doris Akrap erzählte zu Beginn, dass Macht ihr erstes Buch von Karen Duve war. Als sie gefragt wurde, ob sie diese Veranstaltung am Stand der taz moderieren wolle, habe sie sich das Buch bestellt. Leider sei es erst angekommen, nachdem sie die ersten vernichtenden Rezensionen von „Männern im Mittelalter“ gelesen hatte. Nach der Lektüre der ersten 20-30 Seiten habe sie sich gefragt, ob die Rezensenten ein anderes Buch gelesen hatten.

Macht spielt in unserer Welt im Jahr 2030 und versucht sich an einigen provokanten Themen. Es wurde eine Pille zur Verjüngung erfunden, die die Zellteilung verändert und das marode Gesundheitswesen saniert. Wer diese Pille nehmen möchte, muss unterschreiben, im Krebsfall nur die Grundbehandlung in Anspruch zu nehmen, keine Krebsbehandlung.

Eigentlich wollte Karen Duve einen Krimi aus diesem Thema machen, brauchte jedoch ein Setting, in dem die Menschen Dinge tun können, die völlig außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Also entschied sie sich für Science Fiction. In ihrer Welt wissen die Menschen, dass durch den selbstverursachten Klimawandel die Welt in wenigen Jahren untergehen wird.

Das Grundthema sei von Natascha Kampusch bzw. Fritzl inspiriert. Karen Duve fragte sich damals, ob es so unnormal sei, sich völlige Kontrolle über einen anderen Menschen haben zu wollen. Ob es das nicht auch der normalen Gesellschaft gebe. Im Mittelpunkt ihres Romans steht eine Figur, die sich als Greenpeace Aktivist und Feminist ausgibt. Dieser Mann begegnet einer attraktiven ehemaligen Klassenkameradin, die irgendwann sein Geheimnis entdeckt und in seinem Keller eingesperrt wird.

Eigentlich sei es die Geschichte einer wiederentdeckten Liebe. Er fühlt sich toll in seinem immer jünger werdenden Körper, wäre da nicht seine bereits im Keller eingesperrte Frau…

Und sei es nicht heute schon so, dass Männer nicht offen zugeben könnten, von Frauenquoten genervt zu sein? Es gebe doch sicher Männer mit der Ansicht, dass diese Quoten nicht notwendig wären, wenn Frauen wirklich so intelligent seien? Karen Duve war neugierig, wie es sich im Kopf eines solchen Mannes anfühle. Schuldzuweisungen statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Erstaunlicherweise habe es in ihrem Verlag keinen Widerstand gegeben, sondern großes Interesse.

In ihrem Roman gibt es unsere aktuelle Staatsform nicht mehr, sondern eine „kontrollierte Demokratie“. Es war ihr wichtig klarzustellen, dass sie dies nicht für die perfekte Staatsform halten, sondern nur die Idee von z.B. Eignungstests für Politiker interessant fand.

Abschließend wurde Karen Duve nach ihrem aktuellen Wohnort gefragt, der sich in der sächsischen Schweiz befindet. Ja, sie lebe freiwillig und gerne dort. Leider erschrecke sie die Menschenverachtung und den Hass einiger Bekannter, wie z.B. die ihr gegenüber geäußerte Vorstellung, die griechische Küste komplett abzuschotten und Flüchtlinge ertrinken zu lassen. Das schockiere sie immer wieder, insbesondere bei Menschen, die sie eigentlich möge. Sobald dann Kontakt zu Flüchtlingen bestehe, änderten sich diese Ansichten in der Regel.

Damit endete eine interessante Veranstaltung zu einem Buch, das ich vermutlich hören werde, obwohl es irgendwie überfrachtet wirkte.

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Interview mit Nina George auf der Leipziger Buchmesse 2016

9783426653852Am 20.3.2016 durfte ich als krönenden Messeabschluß mit der Bestsellerautorin Nina George ein Interview führen. Sie hat auf der Messe nicht nur ihren neuen Roman Das Traumbuch vorgestellt, sondern auch jede Menge Termine zu den Themen Urheberrecht und Internetpiraterie wahrgenommen. Am 19.3. fand eine fantastische Lesung aus ihrem neuen Roman statt. Damit Ihr Euch vorstellen könnt wie toll Nina liest, hat sie einen kleinen Absatz eingelesen, den ich unten anhänge.

Liebe Nina, herzlichen Dank, dass Du Dir am Ende einer sehr stressigen Messe Zeit genommen hast für ein Interview. Vor zwei Tagen ist Das Traumbuch erschienen. Es ist Dein dritter Roman nach Die Mondspielerin und Das Lavendelzimmer unter Nina George….

Nein.

Nein?

Nein, das ist nicht mein dritter Roman, sondern ich glaube mein siebter oder achter. Oder Neunter? Ich bin mir gar nicht sicher. Bei 26 Büchern…oder 27? Aber ich befürchte, es sind irgendwie schon mehr als drei Romane. Ich denke, es sind um die acht oder neun.

Nach dem Lavendelzimmer, das in 32 Sprachen übersetzt wurde, das acht Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand, war da der Druck sehr groß?

Der Druck war enorm, vor allen Dingen der, den ich mir innerlich gemacht habe. Ich wollte mindestens etwas schreiben, was genauso intensiv, persönlich und berührend war und auch große Themen beinhaltete. Und ich habe zuerst den Versuch gemacht ein anderes Buch zu schreiben, das wurde relativ schnell nachgefragt, von den Vertretern, vom Verlag, und ich dachte, ich krieg das hin, aber dann suchte und suchte ich die Geschichte, schrieb zweihundertfünfzig Seiten, und nochmal hundert Seiten und nochmal, und ich fand das Thema nicht und nicht den Sound. Ich habe das Buch, das direkt nach dem Lavendelzimmer folgen sollte (Anm. d.R.: Die Sternensucherin), abgebrochen, das wird es wahrscheinlich auch nicht geben.
Erst als ich sehr dicht am eigenen Ableben entlang schrammte, erst dann hatte ich wieder das Gefühl, auch wieder ein großes Thema gefunden zu haben. Das war keine Absicht, also man sollte es als Autorin auch nicht provozieren, dass sie die großen Themen nur findet, wenn es einem schlecht geht. Aber komischerweise hing das miteinander zusammen. Als ich dann wieder endlich eine Idee hatte, habe ich mich tatsächlich ein Jahr lang nur handschriftlich damit beschäftigt, wieder Ton und Geschichte zu finden. Mut zu sammeln, nach diesem großen Erfolg des Lavendelzimmers überhaupt wieder zu schreiben. Die ersten Sätze waren furchtbar. Ich habe sie angesehen und mir gedacht: „Aha, so schreibt also irgendwie eine Frau, die eine Bestsellerin ist, also nee, geht gar nicht, muss wieder weg und nochmal neu schreiben.“ Ich musste mich davon lösen, dass ich einen Erfolg gehabt habe und zu dem zurückkommen, was der Kern meiner Aufgabe ist: eine gute Geschichte zu schreiben. Ich musste alles wegschieben, jede Angst, jede Hoffnung, alles. Und das war tatsächlich ein harter Job, das dauerte über anderthalb Jahre.

Das Schreiben an sich ging dann aber sehr schnell?

Das stimmt, ich hatte sehr viel recherchiert, dann habe ich mich ein paar Monate lang eingeschrieben, aber das Kernschreiben war erneut schnell. Nicht so schnell wie beim Lavendelzimmer, wo es acht Wochen dauerte, diesmal habe ich, glaube ich zehn gebraucht. Also drei Monate einschreiben, ein Jahr recherchieren und dann ad hoc richtig zehn Wochen lang durchschreiben und dann noch ein bisschen Lektorat und so summiert sich dann die Zeit.

© Urban Zintel

© Urban Zintel

Stellst Du uns bitte Deine Protagonisten aus Das Traumbuch vor?

Wir haben vier Protagonisten, wobei ich aus drei Perspektiven jeweils in „Ich“ berichte. Das ist ein durchaus interessantes, komplexes Unterfangen. Die erste Perspektive ist Henri, ein ehemaliger Kriegsreporter, der genau in dem Moment, in dem er weiß, was er im Leben falsch gemacht hat, wo er gezögert hat, wo er sich nicht getraut hat, ein Wagnis eingegangen ist, überfahren wird. Er weiß endlich, was er alles falsch gemacht hat und wie er sein Leben leben muss, damit es seins ist, doch dann fällt er in ein Koma. In diesem Koma erzähle ich einerseits Empfindungen und Wahrnehmungen, die dieser Mann in der Nähe des Todes hat. Ich lasse ihn, ob es nun koma-induziert ist, ob es Halluzinationen, Träume oder Parallelrealitäten sind, immer wieder an Punkte seine Lebens kommen, an denen er sich falsch entschieden hat. Und ich lasse ihn anders entscheiden. Ich lasse ihn immer wieder erleben, was geworden wäre wenn er an einem bestimmten Punkt seines Lebens zum Beispiel nicht diese Frau verlassen, sondern mit ihr geschlafen oder ein Kind gezeugt oder kein Kind gezeugt hätte. Ich führe sozusagen anhand Henris Schicksal im Koma auf, welche Variationen unseres eigenen Lebens es gibt und wie klein und banal meistens die Entscheidungen sind, die zu einem völlig anderen Leben führen. Ich glaube persönlich daran, dass es immer nur die kleinen Momente im Leben sind, die entscheidend sind und selten die großen. Die anderen beiden Figuren sind Eddie, Edwinna heißt sie eigentlich, eine Verlegerin für Phantastik. Phantastik, nicht Fantasy, das ist sehr wichtig. Das ist sozusagen das Wunderbare, das dennoch wissenschaftlich fundiert ist. Dazu gehört Science Fiction, dazu gehören Quantenmechnaik, Jules Verne oder Parallelrealitäten, dazu gehört magischer Realismus. Sie ist eine Exfreundin von Henri, er hat sie verlassen, hat ihr aber zugemutet, dass sie im Falle eines Unfalles für ihn verantwortlich ist. Das heißt, sie ist jetzt zwischen zwei Männern, einem Mann im Koma und einem im Leben und muss sich entscheiden: will sie sich wirklich um diesen Mann kümmern, der sie verlassen hat und jetzt im Koma liegt oder nicht. Der Dritte im Bunde ist ein vierzehnjähriger Synästhetiker, ein Hochbegabter, er heißt Sam, Samuel und er hat nicht nur seine erste zarte Liebe, die er erlebt in diesem Buch, sondern er ist auch fähig aufgrund seiner Synästhesie, aufgrund seiner quasi Übersinnlichkeit, seiner hohen Sinneswahrnehmungen, seinen Vater, der im Koma liegt, auch noch dann zu spüren, wenn die Ärzte ihn schon aufgegeben haben. Diese drei Menschen ringen gemeinsam um Alles: um Familie, um Freundschaft, um Liebe, um Sich-selbst-Finden, um herauszufinden, welche Entscheidungen im Leben einen glücklich machen, ob das vielleicht auch die falschen sein können.
Und sie ringen gemeinsam um Person Nummer 4: Ein Mädchen, Madelyn, die in einem Psychokoma liegt, und sich weigert, in diese Welt hinein zu erwachen.
Dieses Buch ist tatsächlich nicht einfach zu erklären.

Du bist selbst Synästhetikerin, kannst Du erläutern, was das bedeutet?

Entwa sieben Prozent aller Menschen besitzen die Gabe der Synästhesie, sie haben sozusagen nochmal zwei, drei Sinne mehr und diese sind auch anders verdrahtet, sie vermischen sich bei jedem Sinnesreiz miteinander. Wenn ich Zahlen sehe, sehe ich auch gleichzeitig Farben. Für mich ist die Vier gelb, die Acht grün, die Fünf blau. Als wir vorhin ein Podium hatten, habe ich mal rumgefragt, ob es noch Synästhetiker gibt und von den hundert, hundertzwanzig Zuschauern waren drei, die sich gemeldet haben. Das entspricht tatsächlich dem Bundesdurchschnitt von Leuten, deren Sinneswahrnehmungen anders verdrahtet sind. Bei mir ist es noch so, dass ich Persönlichkeiten auch als Landschaften wahrnehme. Wenn ich in Räumen komme, habe ich das Gefühl, die Emotionen, die häufig in diesem Raum gelebt und ausgesprochen wurden, hängen noch in den Wänden. Ich fühle sozusagen traurige Räume oder einsame Häuser oder beschädigte, blutige Landschaften. Bei Sam ist es so, dass er Zahlen auch mit Farben sieht, dass er Musik geradezu körperlich spürt – etwa als Regen oder als milde Brise – und dass er in Menschen hineinsehen kann und an ihrer Stimme ablesen kann, ob sie zum Beispiel lügen (Lügen hören sich weiß an, Wahrheiten grün). Das Leben ist für ihn sehr intensiv und überfordernd. Er ist ein zauberhafter kleiner Kerl, weil er auch gleichzeitig mutig ist und im ganzen Buch über sich hinauswächst. Er wird vom Kind zum jungen Mann.

Du hast einen Sidekick, der ein bisschen Leichtigkeit reinbringen soll. Das ist ein (ebenfalls) Teenager. Wie schwierig war das für Dich?

Ganz leicht. Ich selbst bin mir selbst als Teenager noch sehr nahe. Der Sidekick heißt Scott, das ist der beste Freund von Samuel. Er ist ein Snob, er hat eine lose Zunge, er ist ebenfalls hochbegabt und wahnsinnig intelligent. Er versucht, jede Woche mit einem anderen Look die Girls zu begeistern. Er ist furchtbar reich und gleichzeitig beneidet er Sam um dessen Fähigkeit, das Leben wahrzunehmen. Scott macht immer wieder despektierliche Sprüche über alles Konventionelle. Er ist jemand, der dem Buch auch Leichtigkeit gibt, ich mochte ihn wirklich sehr, sehr gern. Gleichzeitig sind Teenager mir nah, weil ich innerlich immer noch ein Teenager bin. Teenager sind die Menschen, die wir alle, wenn wir älter sind, wieder sein wollen. Als Teenager haben wir schon bestimmte Prinzipen, bestimmte Lebensträume, bestimmte Gefühle und oft erlebe ich, dass Erwachsene, wenn sie dann später in Therapie gehen, versuchen, genau diese verschütteten Prinzipien, Gefühle und Träume ihrer Jugendzeit wieder zu entdecken. Manchmal möchte ich den Teenagern zurufen: Ihr wisst schon alles! Bleibt genauso, wie ihr jetzt seid, denn ihr wisst schon alles. Aber das ist eine recht unorthodoxe Herangehensweise an Teenager.

Jean Perdu hat Bücher empfohlen für alle Lebenslagen. Wem würdest Du Das Traumbuch empfehlen?

Ich würde es Menschen empfehlen, die sich fragen, was sie sich nicht zugetraut haben im Leben. Dieses Buch muss jeder lesen, der sich fragt: was ist noch offen in meinem Leben?
Demjenigen zu sagen, den ich begehre, dass ich ihn begehre. Wage ich es, meine Stimme zu erheben, wenn ich Widerstand leisten muss. Lebe ich mein Leben, traue ich mich das? Oder bleibe ich eingesperrt im kleinen Käfig der Konventionen und in meiner Angst.

Gibt es bei Dir noch etwas Offenes?

Nein, seit einigen Jahren tue ich genau das, was ich will. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, ob noch etwas offen ist und ich etwas zu bedauern habe. Nein, ich habe alles gemacht, was ich machen wollte.
Nachtrag am 28. März: Ich würde sehr gerne Boule spielen lernen. In einem entspannten Club in Berlin, die unter Platanen spielen und dabei Rosé trinken. Bitte meldet Euch, wenn ihr einen kennt!

Du bist unglaublich engagiert für das Urheberrecht, Du bist Mitglied im Verwaltungsrat der VG Wort, Du bist Beirätin im PEN-Präsidium. Wie schaffst Du das?

Alles nach und nach und ich habe eine neue Kraftquelle für mich entdeckt, das Tangotanzen. Ich tanze etwas zwei Stunden pro Tag Tango im Berlin im Mala Junta. Die haben jeden Tag Kurse, ich tanze und dort vergesse ich alles. Dort bin ich auch nur ich. Da bin ich nur Nina. Die Menschen, die ich dort treffe, teilen mit mir die Leidenschaft für den Tango. Es ist die höchste Form von Entspannung und Meditation, danach bin ich tatsächlich wie aufgetankt. Manchmal denke ich mir, ich habe keine Kinder, ich bin gesund, und vielleicht ist das eine gute Arbeitsteilung: Andere haben Kinder und sorgen für den Fortbestand der Menschheit, sorgen dafür, dass wir vielleicht irgendwann in dreißig Jahren eine neue Kanzlerin kriegen oder sorgen für neue Ärztinnen oder Schriftstellerinnen oder für Nachwuchs der Front von Klimaschutzforschung. Mein Job ist es, mich für Autorinnenenrechte und Kultur einzusetzen. Ich finde das eine gute Arbeitsverteilung.

Du hast auf einer der Veranstaltungen auf der Messe einen sehr schönen Satz gesagt: Leser wirken an einer Geschichte mit, weil sie in ihrem Kopf entsteht. Kannst Du das noch ein bisschen erläutern?

Sehr gerne. ich glaube zum Beispiel nicht an „Mitmach-Bücher“, an Interaktivität während des Schreibens oder dass Leser befragt werden sollten: Wie soll meine Figur heißen, was sollte jetzt passieren? Das ist nicht ihr Job. Ihr Job ist es, am Ende dieses Kunstwerk erst in sich entstehen zu lassen. Buchstaben auf Papier sind gar nichts. das ist einfach nur eine Verschmutzung von Papier. Ein Buch entsteht in dem Moment, in dem es gelesen wird. Ohne Leser bin ich auch keine Schriftstellerin, bin ich auch nichts. Ich habe unfassbar viel Respekt vor der Leistung der Leser, weil dieses Werk, dieser Film, diese Gefühle, diese Landschaften erst in ihrem Kopf entstehen und zwar in jedem ganz anders. Meine Aufgabe ist es, ihnen das so gut wie möglich zu ermöglichen, indem ich Bilder schaffe, Assoziationen, indem ich psychologisch überzeugend bin, indem ich eine schöne Sprache benutze. Aber letztlich entsteht dieses Kunstwerk erst im Kopf des Lesers. das ist eine Haltung, die mir gut gefällt, denn sie macht mich auch frei in dem Sinne, dass ich mir gar keine Gedanken machen muss, ob und was ich schreiben muss um einem Leser zu gefallen. Er oder sie wird sowieso seinen oder ihren eigenen Film im Kopf erschaffen, unabhängig von mir. Ich finde das eine unglaublich großartige Kommunikation, weil der Leser und ich, wir zusammen erschaffen diese Kunst erst. Ich könnte das nicht ohne Leser und ein Leser nicht ohne mich. Wir sind eine Symbiose. Das das Verrückte. wenn man sich das einmal bewusst gemacht hat, vergisst man es nie wieder. Leserin und Autorin sind eine Symbiose – aber erst nachdem das Buch geschrieben wurde.

Das Lavendelzimmer soll verfilmt werden. Zerstört das dann nicht in einer gewissen Weise diese Symbiose?

Da bin ich relativ gelassen. Filmemacher sind Kunsthandwerker, die eine andere Kunst als ich beherrschen. Ich lasse in dem Moment mein Buch völlig los, weil ich es ja schon geschrieben habe, es gibt es, so wie es ist, ist es da. Wenn jemand einen Film daraus macht und es so umsetzt, wie er oder sie es versteht, da werde ich nicht reinquaken. Es ist auch nicht mehr meine Entscheidung, wie jemand diesen Film wahrnimmt. Ob er lieber seinen eigenen hat, wenn er das Buch liest oder ob er lieber den Film sieht. Es ist mir zwar nicht egal, aber ich kann es unfassbar gut loslassen, weil es alles eine eigene Kunstform ist. Wenn jemand sich von meinem Buch inspirieren lässt, eine Film daraus zu machen, bin ich dankbar und froh und lass ihn einfach machen.

Gibt es schon konkrete Pläne?

Eine Hollywoodfirma wird es verfilmen und ich denke, so in zwei, drei Jahren ist Drehbeginn und sie werden an Originalschauplätzen drehen. Aber der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, also sind wir noch im Daumendrückmodus. Das Angebot ist da, es ist schon ziemlich konkret, aber noch ist die Tinte nicht trocken.

Wir drücken mit. Kannst Du schon etwas sagen über Dein nächstes Projekt?

Es wird wieder in Frankreich spielen, erst in Paris ein paar Kapitel lang und dann das ganze Buch fast ausschließlich in der Bretagne im Sommer. Die Hauptfigur wird diesmal eine Frau werden, nachdem mit Henri im Das Traumbuch ja wieder ein Mann im Mittelpunkt stand. Zwar auch noch ein Junge und eine weitere Frau, aber ich bin doch sehr froh, dass ich wieder zu einer Frau – übrigens in meinem Alter – als Protagonistin zurückkehren kann. Die in der Mitte ihres Lebens steht und sich fragt, ob sie die geworden ist, die sie hätte sein können. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, aber unter anderem wird die Bretagne vorkommen, versteinerte Geheimnisse und ein verdammt heißer, sehr heißer Sommer.

Findest Du es schwierig, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben?

Überhaupt nicht. Ich habe das große Glück oder auch das große Pech, Empathie an- und ausschalten zu können. Als Kind konnte ich das nicht, da war ich überflutet von Empfindungen und Mitgefühl, jetzt kann ich es bewusst Einschalten. Und auch Aushalten, indem ich einfach die Augen zu mache, die Brille abnehme, mit meinem Handy rumspiele oder wirklich einfach alles runterklappe oder -fahre und niemandem mehr sehe und auch nicht höre.
Wenn ich die Sinne aufmache, fällt es mir sehr leicht, Menschen nachzufühlen. Es ist dann auch völlig egal, ob es kleine oder große Menschen sind, Männer oder Frauen. Es fällt mir sehr leicht, aus der Perspektive eine Mannes zu schreiben, wobei ich aber dann auch männliche Erstleser, zum Beispiel meinen Mann, frage, ob ich psychologisch schlüssig diese männlich Persönlichkeit dargestellt habe. Das ist schon noch so ein bisschen mein Rettungsschirm. Gewisse Dinge, die ein Mann sieht und empfindet, kann ich nicht wissen, weil ich nun mal eine Frau bin. Männer sind anders sozialisiert, Männer verbinden zum Beispiel Sex niemals mit Gewalt oder Gefahr, Frauen immer. Frauen müssen immer fürchten, dass sie vergewaltigt werden könnten oder ungewollt schwanger. Männer verbinden zum Beispiel Sexualität ausschließlich mit Spaß oder vielleicht noch mit emotionaler Verpflichtung. Allein dieser Unterschied schon der Sozialisation hat einen ganz anderen Einfluss auf Psyche, Verhalten und Auftritt, vor allem was den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Das muss einem, wenn man aus der Perspektive des anderen genders schreibt, erst mal bewusst werden. Erst dann kann man eine Figur überzeugend schreiben, die einen anderen Chromosomenbausatz hat.

Du bist Teil des Autorenduos Jean Bagnol. Gibt es da auch bald einen dritten Band?

Wir schreiben gerade an Band Nummer Drei, der im Arbeitstitel heißen wird Commissaire Mazan und die Spur des Korsen. Wir waren gerade jeweils eine Woche in Marseille und der Provence und haben dort recherchiert. Es wird die Mafia dabei sein, es werden Trüffel dabei sein, es werden Polizeiskandale dabei sein und sämtliche bisherigen Mitwirkenden sind auch dabei. Wir haben schon die ersten Kapitel geschrieben und der Prolog ist der Hammer. Das wird ein Erdbeben und von dort aus steigern wir uns. Das wird der rasanteste Jean Bagnol, den wir je geschrieben haben.

Gibt es schon einen Erscheinungstermin?

Ich glaube, 2017 im April.
Herzlichen Dank für dieses Interview und noch eine schöne Restmesse.

Sehr gerne.

 

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Frisch eingetroffen: Christiane Franke/Cornelia Kuhnert – Miss Wattenmeer singt nicht mehr

Während am Strand von Greetsiel die «Ostfriesische Schlickrennen-Wältmeisterschaft» tobt, wird Aleke Dönnerschlach auf ihrer Fischfarm ertränkt. Ihr frisch angetrauter Gatte hat ein wasserdichtes Alibi – er war beim Rennen dabei, im Team von Henner und Rudi. Doch wer hatte ein Motiv, Aleke um die Ecke zu bringen? Die Kripo Wittmund hat schnell einen Schuldigen parat, aber Henner, Rudi und Rosa haben da mal wieder ihre Zweifel. Erst recht, als ein zweiter Mord geschieht. Und als sie erfahren, dass es von Seiten der Tierschützer massive Proteste gegen die Fischfarm gab, legt das Trio sich so richtig ins Zeug …

Christiane Franke wurde an der Nordseeküste geboren und lebt immer noch gerne dort. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Herausgeberin arbeitet sie als Dozentin für kreatives Schreiben.

Cornelia Kuhnert lebt in Hannover und hat dort als Lehrerin gearbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht und Anthologien herausgegeben.

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Lesung Catalin Dorian Florescu, 18.03.2016, Alte Handelsbörse Leipzig

Zu Beginn der Veranstaltung äußerte sich der Moderator Thomas Bille mit einem Grinsen erstaunt darüber, wie viele Menschen sich gerne etwas vorlesen würden (die über 100 Plätze der Alten Handelsbörse waren alle besetzt), jedoch nicht selbst lesen würden.

Catalin Dorian Florescu sieht sich selbst als europäischer Autor, mit rumänischen Wurzeln und jetzt in der Schweiz lebend. Zwar wohne er jetzt schon doppelt so lange in der Schweiz wie in Rumänien, seiner Meinung nach zähle die Kindheit jedoch doppelt.

Die Inspiration zu Der Mann, der das Glück bringt habe er vor zehn Jahren in der Library of Congress in Washington gehabt, bei der Recherche für seinen Roman Zaira. Damals wurde er von einem Mann angesprochen, der sich als Entertainer auf dem Sprung nach New York sah. Florescu bewundert die Fähigkeit der Amerikaner, nur nach vorne zu schauen, den eigenen Schatten vollständig hinter sich zu lassen und die Möglichkeit des Scheiterns zu ignorieren. Aber er sehe auch, wie anstrengend es sei, so zu leben. Er selbst könne das nicht, sei ein melancholischer Europäer.

Die erste Fassung seiner Bücher schreibe er immer noch mit der Hand, in diesem Fall im Kloster Kappeln in der Schweiz. Für die erste Fassung brauche er Papier, die zweite Version schreibe er dann am Computer.

Thomas Bille äußerte seine Enttäuschung, dass Der Mann, der das Glück bringt viel zu schnell durchgelesen war, deutlich dünner als Florescus andere Bücher. Dieser war beim Übertragen an den Computer selbst überrascht, dass es dann nur 320 Seiten waren.

Sein neuster Roman nimmt die Leser mit auf eine Zeitreise in das New York und das rumänische Donaudelta vor 100 Jahren. Die Geschichte beginnt in der Jetztzeit in Manhattan. Ray und Elena treffen sich am 11. September 2001 in einem Keller und erzählen sich die Geschichte ihrer Vorfahren. Ray erzählt von seinem Großvater, der auch Entertainer war. So schwenkt die Geschichte in das Jahr 1899 und in die Perspektive eines Heranwachsenden, der seine Eltern nicht kennt und sein Geld mit dem Verkauf einer Tageszeitung in der New Yorker East Side verdient.

Für Florescu ist es erstaunlich, wie pragmatisch viele New Yorker damals gewesen seien und dass man in dieser verwundeten Stadt noch lachen konnte. Jeder von uns wisse noch genau, wo man an diesem Tag war und in seinem Buch gehe es um ganz normale Menschen, die versuchen würden, ein aufrechtes Leben zu leben. Florescu selbst verbrachte als Neunjähriger einige Monate mit seinem Vater in New York und lernte die Stadt als sehr gefährlich kennen. Damals habe die East Side teilweise leer gestanden und jede Nacht gebrannt, es habe viel Kriminalität gegeben. Sein Vater fühlte sich dort überfordert und reiste nach wenigen Monaten mit seinem Sohn hinter den eisernen Vorhang zurück.

Dann folgte eine weitere Lesung über das harte Leben 1899 in New York und in das Jahr 1919 im rumänischen Donaudelta. Die Landschaft dort sei unglaublich schön, das Leben der Menschen sehr hart. Sie hätten einen unendlichen Horizont, im Winter Winde aus Sibirien, im Sommer brennende Hitze. Es sei ein archaisches Leben dort und obwohl die Menschen in New York sehr anders leben würden, vor lauter Hochhäusern der Horizont nicht sichtbar sei, würde sie auch vieles verbinden. Viele Menschen blieben in ihren Träumen gefangen, sich durchzusetzen und zu überleben sei an beiden Orten nicht leicht. Der Mensch sei dort wie ausgesetzt. Er selbst stelle sich die Frage nach Glück auch oft und rede gerne vom kleinen Glück, das einem im Alltag begegnen könne.

Früher habe es im Donaudelta eine Kolonie für Leprakranke gegeben. Davon wisse heute kaum noch jemand. Florescu besuchte die letzten Überlebenden dort, die nicht mehr ansteckend sind. Teilweise hatten sie sogar gesunde Kinder, die ihnen weggenommen wurden. Eine der Figuren erkrankt an Lepra und landet in dieser Kolonie, just bevor die Kommunisten zum ersten Mal eine Wahl in Rumänien gewinnen. So werden dann zwar der Körper und die Seele der Figur verformt, andererseits ist sie jedoch sicher vor dem Kommunisten wie es damals nur möglich war.

Hier sprach er wieder vom kleinen Glück. Jeder könne die Erzählung seines eigenen Lebens aufrollen. Man müsse nur beginnen, es zulassen können. Heute sei das Leben nicht überall anders als damals 1919 im Donaudelta. Er habe einen Bericht über einen zwölfjährigen Syrer vor Augen, der nach dem Tod des Vaters seine Familie ernähren muss.

Viele Immigranten hätten die Fähigkeit, sich anzupassen. Die Sprache des neuen Landes zu lernen ist seiner Meinung nach das A und O und es sei für ihn selbst nie eine Frage gewesen, Deutsch zu lernen. Die meisten Immigranten wollten sich einfügen, wo auch immer sie landen. Bei ihm selbst sei es nur Zufall gewesen, dass es die Schweiz war. Eine Entscheidung weniger Minuten, sonst wäre es vermutlich Deutschland gewesen.

Das sei die Botschaft seines Buches: Emigration sei die Regel, nicht die Ausnahme.

Damals musste die Immigranten in den USA in Sweatshops arbeiten und die Schlepper logen genau wie heute. Die 2. und 3. Generation habe sich andere Namen gegeben und den unbedingten Willen, es zu schaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunders seien viele Größen im Schaugeschäft aus Einwandererfamilien gekommen. Sie hätten den Grundstein für die moderne Gesellschaft dort gelegt. 1899 habe die Unterhaltungindustrie ihren Ursprung in Tin Pan Alley gefunden, so benannt nach dem Geräusch, das die Klaviere im Sommer machten. Praktisch alle Musikverleger hatten ihre Büros dort.

Die riesigen und sehr populären Vaudevilletheater seien auch eine Form der Demokratisierung des Theaters gewesen, dort hätte jeder eine Chance bekommen und nicht wenige begannen ihre Karriere dort.

Trotz alles Nostalgie war auch klar, dass es harte Zeiten waren, in denen eben jenes kleine Glück zählte.

Dann war die Zeitreise schon vorbei und Thomas Bille bedankte sich bei Florescu, dem Mann, der für ihn das Glück in die Buchmesse 2016 gebracht habe.

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Lesung Eshkol Nevo, 18.03.2016, Leipziger Buchmesse

Die Moderatorin Shelly Kupferberg stellte Eshkol Nevo kurz als einen der erfolgreichsten und beliebtesten Autoren in Israel vor, einem vergleichsweise recht kleinen Buchmarkt. Seine Bücher seien häufig ausgezeichnet worden und in viele Sprachen übersetzt.

Eshkol Nevo erwiderte, er könne sich nicht beschweren, weil in Israel viele Leser sehr emotional seien. Er pflege einen sehr engagierten Austausch und genieße auch die eher fordernden Leser. Dank seiner Fans tourt er praktisch seit 12 Jahren auf Lesereise durch sein Heimatland.

Für ihn immer wieder erstaunlich sei, dass seine Bücher auch im Ausland so gut ankommen. So sei er vor einiger Zeit in Deutschland von einer Frau angesprochen worden, der die Lektüre von „Neuland“ sehr viel bedeutet habe. Dabei wohne sie in einem ganz anderen Umfeld als er selbst und die Figuren im Buch, lese das Buch in einer anderen Sprache. Ihre Begeisterung bewege ihn.

Zu Die einsamen Liebenden könne er ausnahmsweise genau sagen, woher die Inspiration kam. Sein Vater wohne in einer kleinen Stadt im Norden Israels und lud ihm immer wieder ein, dort Zeit zum Schreiben zu verbringen. Seinem Empfinden nach sind 99% der Bewohner dort ältere russische Immigranten, das restliche 1% sein Vater. Die meist über 70-Jährigen sprechen in der Regel ausschließlich Russisch und so war leider kein Austausch möglich, obwohl Eshkol Nevo sich mehr als einmal dachte, dass diese Menschen bestimmt interessante Geschichten erzählen könnten.

Beim Spazierengehen sah er an einem trostlosen Platz einen Kindergarten ohne Kinder, eine Bushaltestelle an der keine Busse hielten und einen Rohbau. Was würde der Bürgermeister dort wohl bauen lassen. Einen Schachclub oder eine Bibliothek mit russischen Büchern?

Ein Jahr später war Eshkol Nevo wieder zu Besuch bei seinem Vater und entdeckte entgeistert an dem neuen Gebäude ein Schild „Mikwe“.

Es war ihm ein Rätsel, weshalb dieses Tauchbad ausgerechnet an einem Ort gebaut wurde, an dem keine jungen orthodoxen Frauen wohnen und er wollte wissen, was der Bürgermeister tun würde, damit die älteren Babushkas (sic) dort baden gehen würden.

(Hier erzählte er kurz, dass er sich bei der ersten deutschen Lesung aus einem seiner Bücher gewundert habe. Denn in seinem Buch kämen ganz sicher keine Hamburger vor. So lernte er das Wort „Bürgermeister“ kenne und möge es sehr.)
Dann wurde ein Auszug aus dem Buch gelesen, in dem mit einem Augenzwinkern um die Entstehung besagter Mikwe ging.
Leseprobe mit dieser Stelle bei dtv

Während der Arbeit an Die einsamen Liebenden habe er mit einer Freundin über die Figuren gesprochen, u.a. Naim (?), ein Ornithologe, der zufällig auch Militärbasis auf der Suche nach seltenen Vögeln beobachtet. Das sei in Israel ein sehr ungewöhnliches Hobby und Eshkol Nevo war sich sicher, dass es so jemanden nicht wirklich geben könne. Genauso einen Menschen kenne sie tatsächlich und stellte die beiden einander vor. Es sei sehr skurril gewesen, eine selbst erfundene Figur dann aus Fleisch und Blut kennenzulernen. Der Ornithologe hatte es vor allem als Kind aufgrund seinen ausgefallenen Hobbys tatsächlich nicht leicht.

Als das Buch dann erschien, erwartete Eshkol Nevo Beschwerden von orthodoxen Rabbis wegen seiner Schilderungen über die Mikwe und das Leben in dem Viertel. Doch ganz im Gegenteil blieb es aus dieser Richtung still und er habe viele positive Reaktionen von religiösen Menschen bekommen.

Vor 15 Jahren sei sein Buch in dieser Form und mit diesem Echo nicht möglich gewesen. Heute beobachte er gerne, wie Leser sein Buch lesen würden, wenn auch manchmal unter dem Tisch.

Die Themen Loyalität, Familie und Begehren seien universell in jeder religiösen Gemeinschaft und seine Leser würden zu Hause über den Inhalt sprechen. Sehnsüchte, Leidenschaft, Beziehungen aller Art sprächen selbstverständlich auch orthodoxe Leser an und er habe sogar Anrufe mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen für das Buch bekommen. Wie z.B., dass eine weibliche Figur selbstverständlich jederzeit einen Mann begehren könne, am Freitag jedoch vermutlich sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen für den Sabbat sei.

Ihm gehe es darum, wie Frauen in einer religiösen Gesellschaft behandelt und wahrgenommen werden. Draußen seien sie orthodox und auf dem Tisch liege der Talmud. Drinnen ändere sich einiges und der Deal mit den religiösen Gemeinden sei derzeit, dass der Wandel in Ordnung sei, solange er zu Hause stattfinde.
Viel zu schnell endete eine humorvolle und interessante Veranstaltung, die zeigte, dass sich auch in Israel vieles im Umbruch befindet.

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Lesung Jo McMillan, 17.03.2016, Leipziger Buchmesse

Jo McMillan hat ihre recht ungewöhnliche Kindheit zu einem Roman verarbeitet und begann die anfangs moderatorenlose Veranstaltung zuerst mit einer kurzen Lesung.

Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend weitgehend isoliert von Gleichaltrigen in der englischen Kleinstadt Tamworth in der Nähe von Birmingham. Ihre Eltern waren dort die einzigen Mitglieder der Communist Party of Great Britain und da das Durchschnittsalter der Mitglieder um die 70 gelegen habe, verbrachte sie viel Zeit auf Beerdigungen. In Ermangelung von gleichaltrigen Freunden in Tamworth suchte sie über eine Kontaktanzeige in der Parteizeitung „Morning Star“ nach Brieffreunden. So begannen zahlreiche Brieffreundschaften in aller Welt, einige ihrer Freunde in der DDR habe sie später auch besucht.

Mit 17 sei sie dann selbst Parteimitglied geworden und ursprünglich voller Stolz die Familientradition fortzuführen. Weil sie von Anfang eine Zweiflerin war, die auch vieles hinterfragte, habe es schnell Probleme gegeben. Ihre Frage, warum die UdSSR und die USA nicht abrüsten würden, man könne die Erde schließlich nur einmal zerstören, habe fast einen Autounfall verursacht. Lachen Sie lernte schnell, dass keine eigene Meinung gewünscht war, entweder man war für die Partei oder dagegen. Eine der Figuren in Paradise Ost vertrete die Meinung der jugendlichen Jo McMillan.

Einerseits sei es spannend gewesen, zu einer sehr ausgewählten Gruppe zu gehören, andererseits erzähle sie die Geschichte einer politischen Desillusionierung. Das Leben sei hart gewesen, wenn man auf der falschen Seite gestanden habe und nicht wenige Familien seien daran zerbrochen.
2009 habe sie damit begonnen, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben, wollte über die Politik schreiben und ging mit ihrer Mutter die damaligen Ereignisse durch. Damals befanden sich ihre Eltern im Scheidungskrieg und um weitere Probleme zu vermeiden, habe sie entschieden, ihren Vater im Buch einen sehr frühen literarischen Tod sterben zu lassen. So entstand eine fiktive Mutter-Tochter-Geschichte, in der sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, ohne an die genauen Details ihrer eigenen Vergangenheit gebunden zu sein. Während ihres Studiums habe sie praktischen in der British Library gelebt und wollte nicht wieder solchen Recherchezwängen unterworfen sein.

Früher sei ihre Mutter sehr zurückhaltend gewesen, wenn es um die Partei ging. Als Jo McMillan 2009 mit ihr viele Gespräche über die gemeinsame Vergangenheit führte, habe ihre Mutter zum ersten Mal sehr offen geredet. Zu diesem Zeitpunkt habe sie nichts mehr zu befürchten gehabt, mit Krebs im Endstadium.

Ihre Suche nach der Vergangenheit führte sie in viele kleinere Städte im Osten Deutschlands und sie entschied sich, die Erzählung 1984 enden zu lassen – lange bevor jemand den Fall der Mauer nur fünf Jahre später ahnen konnte.

Die meisten Menschen hätten bereitwillig über die Vergangenheit gesprochen, auch darüber wie es war, als recht plötzlich die Mauer fiel. Das sei so schnell gegangen, es zu verarbeiten habe für die Menschen viel länger gedauert, die plötzlich fast ohne eigene Identität dagestanden hätten und sich neu finden mussten. Man solle nicht nur an die Stasi denken, sondern auch an das alltägliche Leben zurückdenken, sowie an die anderen Schrecken.

Sie habe ein nettes Buch schreiben wollen, kein verurteilendes, weil Menschen und Freundlichkeit wichtig seien, auch für die Politik.

Nach dem Fall der Mauer habe sie der Politik den Rücken gekehrt und sei nach eigener Aussage eine individualistische narzisstische Konsumentin geworden, quasi ein Kind der 90er. Damit habe sie sich auch nicht sonderlich wohl gefühlt und lief so weit sie konnte von ihrem Leben davon – bis nach China. Dort sei Geld wichtiger alles andere, Menschen seien ersetzbar, egal ob Bildung oder das Gesundheitswesen, alles koste Geld. Ihrer Meinung dürfe über China keine rote Fahne fliegen. Das Frauenbild in der sich so rasch verändernden chinesischen Gesellschaft habe sie fasziniert, die Aufforderung an sie, die Haare lang wachsen zu lassen und mehr pink zu tragen. So kam sie auf die Idee, ihre Doktorarbeit darüber zu schreiben, wie Frauen dort in den Megastädten und auf dem Land leben, wie sich ihr Leben rasch verändere.

Sie sei während des kalten Krieges aufgewachsen, immer in dem Bewusstsein, dass morgen alles vorbei sein könne. Noch heute würde sie den eigenen Kühlschrank bis zum Anschlag füllen, ihre Vergangenheit könne sie nicht ganz hinter sich lassen.

Damit endete eine interessante Stunde mit einer englischen Autorin, die auch gut Deutsch spricht und einen anderen Blickwinkel zeigte.

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Lesung Peter Prange, 17.03.2016, Festsaal Altes Rathaus Leipzig

Peter Pranges neuster Roman beschäftigt sich mit der Anfangszeit der Universität von Paris, dem Recht auf freie Forschung und Lehre.

Während der Recherche für den „Kinderpapst“ sei er eher zufällig über einen Studentenstreik im Jahr 1229 gestolpert. Da er sich nichts darunter vorstellen konnte, habe er weiter geforscht. Angefangen habe alles mit einem Streit in einem Wirtshaus, bei dem es um die Höhe der Rechnung an die Studenten ging. Der Streit artete zu einer tagelangen (!) Wirtshausschlägerei aus, bevor die Behörden eingriffen und einige Studenten zu Tode geprügelt wurden. Daraufhin forderten die Präfekten der Universität, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Die damalige Regentin von Frankreich, Blanka von Kastilien war wenig beeindruckt und letzten Endes legten die Präfekten der Hochschule ihre Arbeit nieder.

Der Streik wurde erst nach zwei Jahren und dem Eingreifen von Blankas Sohn, dem späteren Ludwig IX., beendet. Damals seien rund ein Zehntel der Pariser Bevölkerung Studenten der erst 29 Jahre zuvor gegründeten Hochschule gewesen und somit sei von ihnen auch eine wirtschaftliche Bedeutung ausgegangen. Nicht nur in dem von ihnen bewohnten Quartier Latin, sondern weit darüber hinaus.

Zu jener Zeit konnte man nur an der Pariser Universität die drei großen Fächer studieren, Theologie, Medizin und Jura. Deshalb wurde die Hochschule auch als „Rose der Welt“ bezeichnet. Jeder habe dort studieren können, solange der Bewerber männlich war, eine gewisse Begabung hatte und Latein konnte. Das habe auch oft der Dorfpfarrer gelehrt, womit auch armen Bevölkerungsschichten der Weg an die Hochschule offen gewesen sei, wie z.B. Robert von Sorbon. Einen Kunstgriff habe er sich erlaubt und das Leben von Robert von Sorbon um 20 Jahre verlegt.

Durch den Streik ergab sich die Frage, wer an Universitäten das Sagen haben sollte, der Staat, die Kirche oder gar die Hochschule selbst. Während der zwei Jahre wurden viele Professoren von anderen neugegründeten Hochschulen abgeworben, wie z.B. Oxford und Montpellier.

Letzten Endes gab Papst Gregor, der selbst in Paris studiert hatte eine Bulle heraus. In dieser wurden allgemeingültige akademische Freiheiten festgelegt, die bis heute gültig sind. Das moderne Prinzip von der Freiheit der Wissenschaften, Forschung und Lehre stamme aus dem 13. Jahrhundert und sei einer Wirtshausschlägerei zu verdanken.

Peter Prange stellte bedauernd fest, dass die Forschung und die „Wahrheit“ auch heute leider noch in vielen Regionen im Dienste einer Ideologie stünden. Bei uns nehme die Wirtschaft immer größeren Einfluss, so auch an seinem Wohnort Tübingen, wo sich die Universität inzwischen zu rund einem Drittel aus Fremdmitteln finanziere. Damit drohe der Wissenschaft ein neues Gängelband, das der Ökonomie.

Dann las er noch einen kurzen Abschnitt vor, um zu zeigen, was Universitäten damals bedeuteten. Die Hochschulen stellten das Wahrheitsmonopol der Kirche in Frage und die Kirche spürte diese rasch wachsende Bedrohung.

In diesen historischen Umbruchsphasen könne man durch ein Vergrößerungsglas Themen sehen, die uns heute noch beschäftigen, wie z.B. auch das Urheberrecht und die Suche nach dem Glück.

Wir würden in einer wunderbaren Zeit leben, in der jeder Zugriff auf Wissen habe. Heute gehe uns eher aufgrund des Überangebots die Orientierung verloren.

Abschließend las Peter Prange noch eine Szene über den Karneval in jener Zeit, die Narrenfreiheit und wie drei Tage lang alles verdreht war.

Seine Faszination für das Thema und seine Figuren war deutlich spürbar und viel zu schnell war die Stunde vorbei, noch bevor Fragen gestellt werden konnten.

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Lesung Mai Jia, 17.03.2016, Konfuzius Institut Leipzig

Auf diese Lesung war ich sehr gespannt, immerhin wurde Mai Jia als „chinesischer Dan Brown“ und allgemein als dortiger Bestsellerautor angekündigt und das in China bereits 2002 erschienene Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong liegt hier momentan in vielen Buchhandlungen aus. Die Lesung fand im Leipziger Konfuzius Institut statt, mehr oder minder dem Gegenstück zu den deutschen Goethe Instituten. Moderiert wurde sehr gekonnt durch Frau Dr. Jing Bartz, die interessante Fragen sowohl an den Autor selbst als auch an seine Übersetzerin Karin Betz. (Sehr erfreulich, dass nicht wieder eine englische Übersetzung dann ins Deutsche übersetzt wurde, wie leider so häufig bei asiatischen Autoren üblich.)

Eingangs bedankte Mai Jia sich ausführlich bei DVA Verlag und dem anwesenden Publikum, dann folgte eine kurze Vorstellung. Mai Jia hat bisher sieben Romane auf Chinesisch veröffentlich, von denen alle für das Kino oder Fernsehen verfilmt wurden. Außerdem habe er alle wichtigen chinesischen Literaturpreise gewonnen und seine Bücher seien kommerziell sehr erfolgreich, daher sei er wohl in jeder Hinsicht einer der erfolgreichsten Autoren innerhalb Chinas.

Karin Betz studierte in Chengdu und arbeite als Übersetzerin für Chinesisch, Englisch und Spanisch.

Obwohl es in China üblich sei, dass professionelle Schauspieler einige Textstellen vortragen, las Mai Jia persönlich einen sehr kurzen Abschnitt auf Chinesisch vor. Seiner eigenen Aussage, damit das Publikum kurz seine Stimme hören könne, wenn auch ohne Chinesisch zu verstehen. (Ein guter Teil des Publikums machte den Eindruck, Chinesisch sehr gut verstehen zu können.) Im Anschluss las Karin Betz zwei Schlüsselszenen aus dem Leben der Hauptfigur Rong Jinzhen vor, die fast nebenbei viel über chinesische Traditionen erzählten. Zuerst ging es darum, wie Jinzhen zu seinem Namen kam und welche Schriftzeichen verwendet wurden, dann um den Tag seines Aufbruchs an die Hochschule.

Es folgt die Frage, wie Mai Jia zu der im Westen gerade sehr aktuellen Debatte persönliche Freiheit versus Staat bzw. System stehe. Seiner Meinung nach sind die Menschen heute ausgeliefert, auch Frau Merkel könne mit ihrem Handy nicht entkommen. Zwar wünschten sich die Menschen Freiheit, jedoch solle gleichzeitig auch verhindert werden, dass andere sich ihren Wunsch zu töten erfüllen können. Vielleicht stecke tief in den Menschen der Wunsch, die individuelle Freiheit für Sicherheit aufzugeben.

Auf die Frage ob 17 Jahre bei der Armee und dem Geheimdienst ihn geprägt hätten und die Inspiration zu diesem Buch waren, kam eine unerwartete Antwort.  Mai Jia sei vor langer Zeit in eine Frau verliebt gewesen, die ihn nach einem Jahr verließ weil er nicht gut genug für sie gewesen sei. Diese Erfahrung habe ihn geprägt und die so erlittene Verletzung wollte er verarbeiten. Auch beim Geheimdienst seien die Erwartungen sehr hoch gewesen, man lebe mit einer besonderen Gruppe von Menschen in einer sehr speziellen Welt. Laut seiner Aussage sei er nicht gut genug für diese Arbeit gewesen, wolle seinen Lesern jedoch diese Welt zeigen.

Das war natürlich eine Steilvorlage für die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Buches. Zuerst antwortete er mit „alles in dem Buch sei fiktiv“, er könne nicht das aufschreiben was er erlebt habe. Andererseits seit auch nicht alles gelogen, es verhielte sich hier wie mit Rosen und Rosenöl. Das Manuskript wäre in China zuerst von 17 Verlagen abgelehnt worden, danach sei es durch seine eigenen Überarbeitungen ein guter Roman geworden. Wir sollten keine Angst vor Ablehnung haben, vielleicht liege darin die Wurzel unseres Erfolgs.

Karin Betz erzählte, dass sie an der Universität rund 2000 Schriftzeichen gelernt habe, die im Laufe der Zeit immer neu zusammengesetzt weitere Wörter zum Lernen ergeben.
Für sie sehr angenehm ist Mai Jias moderner Schreibstil, während zahlreiche chinesische Autoren ihre Bücher auch heute noch in vormoderner Sprache mit vielen antiken Sprichwörtern verfassen. Mai Jia hingegen schreibe so, wie die Menschen heute sprechen.

© ottifanta

© ottifanta

Bisher seien noch nicht so viele Romane aus China ins Deutsche übersetzt worden, weil einerseits die fremdländischen Namen problematisch seien und es auch erst seit den 80er Jahren wieder einen Markt für Literatur in China gebe. Andererseits interessieren sich viele Leser für das Exotische, wie z.B. die Erklärung der Namensgebung oder die Rituale beim Abschied. Die deutsche Presse möge Bücher aus China nicht so gerne und einen Roman zu lesen dauere länger als sich eine Meinung über den Autor zu bilden. Wie z.B. bei Mo Yan, der als Vorsitzender des staatlichen Schriftstellerverbandes automatisch als völlig regimetreu eingestuft werden. Seine durchaus dem Staat gegenüber kritischen Bücher würden dann nicht mehr gelesen.

Mai Jia wich Fragen in Richtung Politik aus. Es sei schnell von Literatur zu Politik gewechselt worden, die in den Augen eines Literaturkritikers vielleicht eine große Rolle spiele – in Mai Jias Augen hingegeben sei die Literatur größer als die Politik. Politik lehre und zu streiten, Literatur wie ein Mensch seine Persönlichkeit entwickele. Wenn man schon im großen Land der Literatur zu Hause sei, dort frei sei, warum solle man in das kleine Feld der Politik springen.

In Hollywood arbeite bereits ein zehnköpfiges Team daran, ein Drehbuch zu diesem Roman zu schreiben. Wie es sein Leben verändert habe, der kommerziell erfolgreichste Autor Chinas zu sein.
Diese Frage wolle er nur unter vier Augen beantworten, über Geld würde man in der Öffentlichkeit nicht reden, aber hier schon klarstellen, dass er immer korrekt Steuern bezahlt habe.

Dann durfte das Publikum noch Fragen stellen und zuerst kam die übliche Frage nach seinem nächsten Buch. Darin kehre er in seine Heimat und Kindheit zurück, es sei ganz anders als das aktuell vorgestellte. Seiner Ansicht nach gab es in der chinesischen Literatur kein Vorbild für einen Spionageroman. Die Vorbilder für dieses Buch seien tatsächlich aus dem Westen gekommen, aber auch die chinesische Literatur habe in anderer Hinsicht als Vorbild gedient.  Er würde sich freuen, wenn weitere Romane von ihm ins Deutsche übersetzt würden. Die Vielfalt und Intensität des Austauschs mit anderen chinesischen Schriftstellern würde unsere Vorstellungskraft vermutlich übersteigen. Es gebe zahlreiche Partys, teilweise von der Partei, teilweise privat organisiert. Schriftsteller zu sein sei ein harter Job, aber er genieße es, mit anderen Autoren gemeinsam etwas zu trinken, essen und zu lachen.

Karin Betz erzählte dass für sie eigene Lebenserfahrung die wichtigste Vorsetzung für einen guten Literaturübersetzer sei. Selbst intensiv leben und andere Menschen beobachten, sonst könne man das Leben nicht abbilden.  Auf die Frage, ob die Thematik nicht 50 Jahre der Geheimhaltung unterliege reagierte er sichtlich irritiert und wollte wissen, wo die Fragestellerin arbeite. Und ja, die Thematik unterliege 30-50 Jahren Geheimhaltung. Damit endete gut 90 Mintuen eine interessante Veranstaltung die auch irgendwie das Gefühl hinterlies, kein Stückchen schlauer zu sein – was bei der Thematik Geheimdienste und Spionage in China auch irgendwie zu erwarten war.

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Frisch eingetroffen: Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

»Alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich mitnahm in die Wunderwelten seiner Geschichten.«

Samirs Eltern sind kurz vor dessen Geburt aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Als sein geliebter Vater spurlos verschwindet, ist Samir acht. Jetzt, zwanzig Jahre später, macht er sich auf in das Land der Zedern, um das Rätsel dieses Verschwindens zu lösen. Eine große Familiengeschichte, berührend, überraschend und meisterhaft verwoben mit dem dramatischen Schicksal des Nahen Ostens.

Samir ist auf einer Reise, die Gegenwart und Vergangenheit verbinden soll: Er will endlich die Wahrheit über seinen Vater erfahren, der die Familie vor zwanzig Jahren ohne eine Nachricht verlassen hat. Mit einem rätselhaften Dia und den Erinnerungen an die Geschichten seines Vaters im Gepäck macht der junge Mann sich in den Libanon auf, das Geheimnis zu lüften. Seine Suche führt ihn durch ein noch immer gespaltenes Land, und schon bald scheint Samir nicht mehr nur den Spuren des Vaters zu folgen. Vielmehr ist es, als seien die Figuren aus dessen Geschichten real geworden. Sie bringen Samir einer Lösung näher, die seine kühnsten Vorstellungen übersteigt. Vor dem Hintergrund des dramatischen Schicksals des Nahen Ostens erzählt Pierre Jarawan eine phantasievolle, berührende und wendungsreiche Geschichte über die Suche nach den eigenen Wurzeln.

Link zur Leseprobe

Pierre Jarawan wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman, Jordanien, geboren, nachdem diese vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Im Alter von drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Seit 2009 zählt er zu den erfolgreichsten Bühnenpoeten im deutschsprachigen Raum. 2012 wurde er Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. »Am Ende bleiben die Zedern« ist sein Romandebüt, für das er 2015 das Literaturstipendium der Stadt München erhielt. Pierre Jarawan lebt in München. Mehr zum Autor unter www.pierrejarawan.de.

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