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Die Leiden des jungen Publikums – Werther nach Goethe am Volkstheater

[singlepic id=1494 w=320 h=240 float=left]Man kann wütend und traurig aus dem Theater kommen. Im besten sowie im schlechtesten Falle. Die Wertheradaption am Volkstheater stellt idealtypisch Letzteres dar.

Nach Goethe wird dort dessen Durchbrecher, Everburner, Briefroman und Schulbuchklassiker eingestampft, durchgedreht, ausgetanzt und an seltenen Stellen wiedererkannt. Vom Werther verbleibt dann allein texttechnisch maximal ein trauriges, verstrichenes Fünftel.

Dabei beginnt es gar nicht mal so schlecht. Die allesamt jungen fünf Darsteller laufen sich warm im grellen Bühnenlicht vor kahler Wand; ja auch im Volkstheater zeigt man neuerdings und innovationsbedingt Unverputztes.

Leider bleibt es dabei. Das Laufen läuft ins Leere, die Regieidee ist damit bereits schon am Ende. Der Rest uninspiriertes Textverteilen und Missverstehen von Charakteren, Handlung und eben dem Werther. Der mittlerweile etablierte Regiegriff der Dopplung von Figuren – meisterhaft durch Kriegenburg beim Kammerspielprozess vorgeführt – wird dabei weder durchdrungen noch durchgehalten. Dazu das leidige Problem des Sprechniveaus und der Verständlichkeit des jungen Volksensembles im Haus. Man folgt den im Grunde ja leichten und sprecherfreundlichen Texten nicht, da sie nicht gebracht werden. Nach der Reihe scheitern die Schauspieler leider am leichtesten Goethe.

Ohnehin vertraut Regisseur Gehler dem Text unverständlicherweise nicht im Geringsten. Hilflos vertanzt und verfilmt er Pantomimenhandlung, um das Publikum scheinbar nicht zu überstrapazieren. Dafür langweilt er es mit überlang ausgewalzten Regieblitzchen die ausgekocht werden, bis das fade Partygehüpfe auch die letzte Bühnenemotion ertränkt. Die mit Morricone-Elektro-Georgel unterlegten Ensemblemomente bilden dabei noch die Höhepunkte dieses uninspirierten Abends, der es schafft die TV-Schmonzette Goethe! zum Thema Werther deutlich zu unterbieten.

Zu den Darstellern: Pascal Riedel gibt den Titelhelden anscheinend bewusst emotionslos inszeniert und auf exakt einem Sprechton/-tempo leiert er die an sich so emotionsgeladenen Bruchstücke der Vorlage herunter und verliebt sich in Publikumsextempores, die ihm mehr Erfolg bescheren, aber der Figur nicht zuträglich sind. Da kalauert er sich durch die Ränge und hüpft konzentrationsverlustig in seiner eigenen Welt durch den Applaus. Leider ließ er uns nicht an der Gefühlswelt Werthers teilhaben. Damit er nicht zu viel und zu lange sprechen muss, stellt man ihm zwei Stichwortgeber Männlein a und Weiblein b zur Seite. Das negiert die notwendige Vereinsamung der Figur leider vollkommen, ermöglicht aber noch mehr Hüpfen. Lenja Schultze spricht dabei ebenso fad, wie ihre inhalts- und charakterleere Figur angelehnt ist und schafft es leider mit dem Rest des Ensembles nicht, den Pferdetakt zu halten. Justin Mühlenhardt – einige lichte Momente – gibt einen Wilhelm/Bauernburschen mit famoser Überschätzung der Spiegelfigur nach Goethe. Noch weniger wird Albert verstanden, sondern gleich komplett verraten. DJ Albert holpert Knarre ziehend im Sido-Look und doch moralisierend, dabei den Werther teils doppelnd, ebenfalls vom Text überfordert und verzweifelt ob des Wohin-mit-den Händen um seine Turntable (Sohel Altan G.). Zuletzt Mara Widmann als Lotte. Eine Ikea-Paradiesstiege führt vom Schnürboden herab (Bühne: Sabrina Fox). Herunter tritt aber dann doch die sehr irdene Widmann. Ihre Lotte ist eine doofe, langweilige, nichtinteressierte und – ist der Schmeichler weg – zickige Göre im hässlichsten Kostüm aller Zeiten. Sie macht es an diesem Abend niemanden leicht sie zu mögen, geschweige denn sich zu verlieben.

Diese schrillen 5 müssen dann 80 Minuten lang die unwichtigsten Werthermomente überreizen, ohrfeigen und erneut viel tanzen. Wie Jugendkultur halt so funktioniert. Drum auch das DJ-Pult, die Batterie Dosenbier und die Null-Bock-Attitüde. Gedrängt wird woanders, stürmen tut‘s nur beim Bierschaum. Aus der Gesandtenszene weiß Gehler freilich nichts anzufangen, ebenso wie mit den starken Natur- und Kunstausbrüchen. Sie fehlen komplett ebenso wie die notwendigen Passagen, die eine Entwicklung der Liebe, der Grausamkeit, der Eifersucht und schließlich der Krankheit zum Tode erschlossen hätten. Dieser Werther stirbt, weil es halt so bei Goethe steht. Und um den missglückten Abend zu beenden.

Unverzeihlich ist das dem jungen Publikum gegenüber, dem ein falscher, fader und blöder Werther geboten hat. Dabei goutiert das gütige Volkstheaterpublikum ja sogar jeden Zuspätkommer, Handyklingler und deren stümperhafte Vereinnahmung der Impro-Dilettanten an der Rampe. Szenenapplaus statt Massenflucht zurück zum Reclam-Bändchen. Dabei sollten Schüler wie Erwachsene jedoch bleiben, um dieser unverzeihlichen Verwurstung fernzubleiben. Unverzeihlich ist dies deswegen, da der Text ja allein reichen würde.

Nimm einen guten Sprecher/Leser, setz ihn an einen Tisch und der Werther erzeugt und bringt mehr als durch diese Ver-Soap-ierung eines zeitlosen Stoffs. Dann verlässt das Publikum auch aus gutem Grunde erschüttert, ja traurig ob der Tragik der jungen Liebe und wütend ob des verschwendeten Genius das Theater. Bis auf ein paar billige Lacher und dem gefühlten Grauen vor schlechtem Adaptierungstheater erzeugt Gehler leider kein Gefühl und hat bei dieser verkorksten Inszenierung wohl auch keines empfunden.

Besucht wurde die Vorstellung am 06.04.2013

Regie: Jan Gehler; Bühne: Sabrina Rox; Kostüme: Katja Strohschneider; Albert: Sohel Altan G., Wilhelm: Justin Mühlenhardt, Werther: Pascal Riedel, Sophie: Lenja Schultze, Lotte: Mara Widmann

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Ge-Stückl-te Geschichtsstunde – Der Stellvertreter im Volkstheater

[singlepic id=1462 w=320 h=240 float=left]In einem Interview mit dem Merkur ließ Stückl durchblicken, dass er rein zufällig bei einem Berliner Bücherflohmarkt auf das Leseheft mit Hochhuths beginnendem Dokumentardrama gestoßen sei. Er kannte es nicht, es hätte ihn interessiert, dann hat er‘s inszeniert. Nun läuft es seit geraumer Zeit an seinem Volkstheater.

Ein wichtiges Stück aus den Sechzigern, dass die Untätigkeit oder das schwierige Verhältnis der katholischen Kirche zum Nationalsozialismus aufarbeitet, sich akteweise in den Akten vergräbt, deklamiert und dialogisiert, um dem Kern der Auseinandersetzung von Regime und Religion näher zu kommen. So wichtig das Thema, so leicht daran zu scheitern. Das ist nun Stückl mit seiner Fünffachgeschichtsstunde passiert, bei dem selbst der geneigte Volkstheaterfan oder Historiker den Pausengong sehnsüchtig erwartet.

Stückl bettet aus überdeutlich pädagogischen Gründen die Handlung in einen Rahmendialog zwischen zwei Studenten in einer weder besonders realistischen noch artifiziellen Bibliothek ein (Bühne/Kostüm: Stefan Hageneier). Auch das Studentenleben folgt eher Stückls Logik als realistischen Unibedingungen (und das im Dokutheater). Fesche, intellektuelle Posterboyjünglinge, die wahlweise der Neonredaktion oder der katholischen Universität entsprungen scheinen, schöngeistern und diskutieren sich die Seele aus dem Leib, bevor sie verspätet und mit etwas Bühnenzauber in die NS-Handlung springen.

Das Problem ist dabei die dauernde pädagogische, moralische Keule auf beiden Zeitebenen. Der wichtige Grundkonflikt wird dermaßen gedehnt, zerkaut, aufgedröselt, dass die Dramatik schwindet, die Emotionen verschwinden. Das darf im Dokutheater passieren, soll im politischen Theater so funktionieren. Doch dann muss es besser gespielt sein. Das junge Volkstheaterensemble ist mit dem textlastigen Vielsprechen überfordert. Schwer zu verstehen, ohne genügend Töne und als Akteure blaß stemmen sie Hochhuths hohen Sprachanspruch nicht. Es sei niemand beim Namen genannt.  Doch der Wechsel von übergroßen Gesten, nerviger Sprachmelodie und Scherenschnitten von Charakteren lässt den Besucher sehr kalt. Das ist bei der essentiellen Thematik nicht zu entschuldigen und auch durch faden Bühnensprinklerregen nicht zu erzeugen.

Was aber tun? Die Finger davon lassen? Es den Profis überlassen? Nicht von ungefähr wird Hochhuth selten gespielt, Kipphardt praktisch nicht mehr. Wie geht man mit dem Stoff um, ohne sein Publikum zu verlieren? Rettung naht aus der Maximilianstraße!

Die Kammerspiele nämlich führen es vor! Mit Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) überfällt den Zuschauer die Drastik, die Härte und das Grauen der NS-Vergangenheit mit verwandten Methoden (Aktenstudie, Tätersprache, hist. Handlung). Doch die böse Stimme aus Österreich verwandelt die kalte Akte in heiße Anklage, macht aus Horror Kunst, ohne an Substanz zu verlieren. Der ebenso textlastige Botenbericht wird dann von grandiosen Sprechern (allen voran die große Hildegard Schmahl) direkt dem Publikum entgegengeschleudert, erzeugt Abscheu, Verwirrung, Berührung. Auf diese Weise lernen wir und werden angesprochen. Erleiden sozusagen stellvertretend das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiter. Am Volkstheater wird vom Leid nur stellvertretend und geschwätzig erzählt.

Die sicher zahlreichen Schulklassen, die den Stellvertreter am Volkstheater sehen werden, lernen dadurch durchaus etwas aus der Geschichte, doch nichts vom Theater und seiner Wirkung.

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