Archives

  • 2019 (22)
  • 2018 (59)
  • 2017 (40)
  • 2016 (6)
  • 2015 (15)
  • 2014 (52)
  • 2013 (83)
  • 2012 (109)
  • 2011 (153)
  • 2010 (179)
  • 2009 (279)
  • 2008 (213)
  • 2007 (33)
  • 2006 (21)

Kategorien

Gespräch Frank Goosen, 21.03.2019, Leipziger Buchmesse

®Kiepenheuer&Witsch

®Kiepenheuer&Witsch

Die Veranstaltung begann mit Frotzeleien über die zahlreichen Schilder auf der Messe mit „… erlesen“. Dabei sei es kein neues, sondern ein altes Trendwort. Noch schlimmer als Kneipen mit Namen wie „Blumenbar“ und „Wunderbar“ fände er Wortspiele mit „Haar“ bei Frisörsalons, wie zB. „Haarmony“ usw.

Die Moderatorin Doris Akrap hatte sich bei Wikipedia über Frank Goosen informiert und schnell stellten die beiden fest, dass die Informationen weder vollständig noch alle korrekt sind. Sein Vater hatte einen Elektrobetrieb und wird erwähnt, seine Mutter machte die Buchhaltung und wird nicht erwähnt. Außerdem fehle seine Omma (sic) im Wikipediaeintrag, dabei sei sie für ihn besonders wichtig gewesen. Sie lebte länger als seine Eltern. Bis 1985 habe sie eine Dienstwohnung im Bochumer Rathaus gehabt und von ihr habe er das Quasseln gelernt. Bis 1985 musste er weder Papier noch Büromöbel kaufen, das habe dort einfach so rumgestanden. Bei ihrem Auszug habe sie die Badewanne mitgenommen, die Stadt habe dann direkt Kopierer reingestellt. 2010 habe er bei einem Besuch dort noch die gleichen Prilblumen auf den Kacheln und den orangefarbenen Rasiererhalter seines Großvaters gesehen.

Bei der Band „Vatermörder“ habe er nur zwei Mal zufällig mit ihnen auf der Bühne gestanden – sei jedoch nie Bandmitglied gewesen. (Das steht inzwischen nicht mehr bei Wikipedia.) Dafür sei er stolzes Mitglied der Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und gehöre zur Jury für die Sprüche des Jahres von denen er gleich ein paar seiner Lieblinge zitierte. (z.B. Manuel Neuer „Wir schießen so wenig Tore, vielleicht heißen wir deshalb auch die Knappen.”) Über den deutschen Fußball zwischen 1933-45 rede keiner, daher wüssten auch die wenigsten, dass der VfL Bochum 1938 durch die Zusammenlegung von drei Vereinen entstand sei – damit die Gauhauptstadt Bochum auch einen großen Fußballverein habe.

Über die sieben Jahre im Vorstand des VfL Bochum könne er aus juristischen Gründen nicht viel erzählen, müsse einen Roman darüber schreiben, in dem alles erfunden sei. Es sei im Fußball alles so absurd geworden, nicht nur bei den großen Vereinen. In den Vorstand sei er aufgrund eines Anrufs gekommen, ob er bereit sei, auch Verantwortung zu übernehmen, nachdem er sich sehr kritisch über den Verein geäußert hatte.

Auf die Verfilmung seiner Bücher angesprochen, wollte Frank Goosen lieber über vor 2018 entstandenen Filme sprechen. „Liegen lernen“ von 2003 sei ein sehr schöner Film, „Sommerfest“ habe ihm gut gefallen und zu „So viel Zeit“ (2018) meinte er mit einem Augenzwinkern, es sei ein tolles Buch.

„Tresenlesen“ sei durch einen Zufall entstanden. Jochen Malmsheimer habe in einer bestimmten Kneipe gesessen und zu fortgeschrittener Stunde aus einem Roman von Flann O’Brien vorgelesen, wozu er von Harry Rowohlt inspiriert wurde. Am dritten Abend seien es von Robert Gernhardt inspirierte Texte gewesen und später auch eigene Texte. Nach Frank Goosens Meinung gebe es niemanden, der so mit Sprache umgehe wie Jochen Malmsheimer und er habe die Zusammenarbeit sehr geschätzt.

®CK

®CK

Bei der WDR-Serie „Unser Land in den 80ern“ sei es um die Suche nach der Seele des Ruhrgebiets gegangen. Der Titel sei nicht von ihm gewesen. Er sei quer durch das Land gereist, habe alte und neue Orte besucht, die unterschiedlichsten Menschen getroffen und bedauere es immer, dass viel zu selten im Fernsehen Menschen auftauchen, die „Pott sprechen“. Ein Freund https://de.wikipedia.org/wiki/David_Schraven von ihm werde gelegentlich für die „Tagesthemen“ interviewt und habe die Erfahrung gemacht, dass er unterschätzt werden, wenn er „Pott spreche“. Gerade deshalb würde er es immer wieder gezielt einsetzen.

Dann ging es um sein neues Buch Kein Wunder, in dem die aus Förster, mein Förster bereits bekannten Figuren im Mittelpunkt stehen, Fränge, Brocki und Förster, allerdings schon Jahrzehnte früher. Schauplatz sind Bochum und Berlin im Jahr 1989. Fränge sei ein hedonistischer Typ, lebe in Berlin, weil es uncool sei, untauglich zu sein. Also tue Fränge so, als ob er aus Widerstand in Berlin lebe, wo er eine Freundin im Westen habe und eine im Osten. Daher sei Fränge gegen einen möglichen Mauerfall. Frank Goosen wollte im Ruhrgebiet in jener Zeit in einen größeren Zusammenhang stellen und zeigen, dass der Mauerfall auch Auswirkungen auf das Leben im Westen auswirkte.

Mitte/Ende der 80er Jahre sei das Ruhrgebiet dabei gewesen, fast cool zu werden. Es seien immer mehr Filme im Ruhrgebiet gedreht worden, es habe immer mehr Freizeitangebote gegeben, wie z.B. Tour de Ruhr. Werner Schmitz aus Bochum habe ungewollt die Regionalkrimis erfunden, dabei wollte er nur über etwas schreiben, das er gut kenne.

In den 80ern seien viele von der ZVS an die Ruhruni in Bochum geschickt worden, wo es damals rund 40.000 Studenten gab. Sicher sei die Architektur nicht so pralle, aber es gebe eine super Kneipenszene rund um das Bermudadreieck, gute Theater usw. In den 80ern habe man in Bochum seine Freundin ins Theater eingeladen, nicht ins Kino. So habe er manche Stücke mehrmals gesehen, stets in anderer weiblicher Begleitung. So seien viele positiv von Bochum überrascht gewesen, auch wenn die Uni selbst komplett aus Beton sei. Die Geisteswissenschaften seien damals schon schwarz-gelb angemalt gewesen, dabei habe gerade diese Farbkombination nichts mit Geisteswissenschaften zu tun. (Dieser Witz musste einigen im Publikum erklärt werden :grin)

In seinem neuen Roman habe er bewusst die gewisse gemeinsame Kaputtheit von Ostberlin und einigen Stadtteilen in Bochum genutzt. Während Brocki Ostberlin für das Reich des Bösen halte, aus dem bestimmt jeder weg wolle, idealisiere Fränge es etwas wegen seiner Freundin. Förster stehe in der Mitte und versuche, sich unvoreingenommen anzunähern.

Die Kaulsdorfer Seen als Schauplatz habe ihm ein Bekannter empfohlen, weil viele Häuser dort älter als die DDR waren, meist aus den 1920er Jahren und es so gewisse Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Bochum gebe. Die meisten im Roman genannten Kneipen gebe es in Bochum tatsächlich, nur eine habe er erfunden.

Die Herkunft der Figuren in „Kein Wunder“ sei sehr unterschiedlich, daher könne er durch sie auch verschiedene Perspektiven darstellen. Er selbst sei Menschen wie Förster erst auf dem Gymnasium begegnet. Dort habe er oft das Gefühl gehabt, in der Mitte zu stehen, irgendwie außen vor zu sein und weder zu den einen noch den anderen zu gehören. Seiner Meinung nach die typische Situation eines Aufsteigers in den 70er Jahren. Doris Akrap merkte an, dass diese Perspektive in Wenderomanen selten sei.

Er habe einen Freund gefragt, was man mit den 25 Mark Zwangsumtausch in der DDR kaufen konnte und eventuell gewinnbringend in der BRD verkaufen. So sei er auf den Juwel-Campingkocher gekommen, der mit Benzin betrieben wurde und bekam auch ein Exemplar, das noch fabrikneu eingepackt war, mit eingestanztem Produktionsdatum. Dieses Datum liege genau 30 Jahre vor dem Erscheinungstag von „Kein Wunder“. Das sei nicht so geplant gewesen, sondern zufällig durch eine Produktionsverzögerung so gekommen.

Zum Abschluss wünschte Doris Akrap Frank Goosen und seinem neuen Roman viel Erfolg.

Das Hörbuch ist auf meinem Wunschzettel gelandet.

Ähnliche Artikel