Einführungsmatinée: Der Bettelstudent, 07.04.2013, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Der Bettelstudent Krakau 1704. Eine polnische Universitätsstadt mit turbulenter Geschichte. Polen war ein Wanderpokal, der von einem Machthaber zum nächsten weitergereicht wurde und um seine territoriale Integrität bangen musste. Zu der Zeit, in der die   spielt, war ein Sachse König von Polen: Friedrich August I. von Sachsen, genannt August der Starke, war ein kunstsinniger Monarch, der Dresden zu einem Barockzentrum ausbaute. Kreativ war auch sein Griff nach der polnischen Krone: Er hatte die polnischen Adligen bestochen, ihn auf den Thron zu manövrieren. Ständig trug er eine Urkunde mit sich herum, die seine Konversion zum katholischen Glauben bezeugte. Es wurden ihm 365 Nachkommen und ein leidenschaftlicher Hang zur Sauferei nachgesagt, wobei davon auszugehen ist, dass diese Legenden zumindest teilweise in dem Hass der Bevölkerung auf die Fremdherrschaft begründet sind. Die polnischen Adelsfamilien waren zerstritten, halb ausgestorben und verarmt.  Jozef Wybicki schrieb 1797 das Lied, das später zur polnischen Nationalhymne wurde und mit den Worten beginnt: “Noch ist Polen nicht verloren”. Rein zufällig findet sich in dieser ebenfalls ein Fürst Wybicki.

Der Komponist wurde am 29. April 1842 in Wien geboren (in dieses Jahr fiel übrigens auch die Gründung der Wiener Philharmoniker). Er wurde nicht Goldschmied, wie der Herr Papa, sondern trat schon in jungen Jahren als Flötist auf und wurde später Theaterkapellmeister im Theater an der Wien. Bald begann er, Stücke zu schreiben. Die Librettisten für diese waren das österreichische Erfolgsduo Zell/Genée. war zuständig für das Finden neuer Stoffe und plünderte dafür mit Vorliebe die französische Bühnenliteratur. schrieb die Liedtexte. 1882 wurde uraufgeführt und wurde alsbald zum Welterfolg.

, ein beiläufig-brillianter Moderator, der mit seinem Wiener Charme im Handumdrehen die Herzen der stolzesten Abonnenten erobert, widerlegte gleich zu Anfang das Vorurteil, dass Männer nur ein Paar elegante Schuhe besitzen: Der Trend geht ganz eindeutig zum Zweitschuh. Der musikalische Leiter hat diese Produktion schon 2010 in Klagenfurt dirigiert, hat aber jetzt mit einer anderen Fassung des Stücks gearbeitet, wo interessante Elemente zu entdecken waren. Für die Produktion des Gärtnerplatztheaters hat er einige neue Elemente aufgenommen, die zu einem früheren Zeitpunkt herausgenommen wurden (ein Duett wurde z.B. noch von den Autoren gestrichen, ist aber dramaturgisch sinnvoll). Der Dirigent erzählte von Mazurkas, von einer “Täuschungs-Mazurka” in dem Stück, wo das Taktschema ineinander verschachtelt ist, und erklärte, dass die Mazurka, Varsovienne, Polka mazur bzw. der mazurkische Walzer, wie auch immer man es nennen will, zur großen Walzer-Familie gehören.

Die Regisseurin leitete von 1988 bis 2005 das Volkstheater in Wien. Sie kann schnell und amüsant erzählen und erklärte, dass in diesem Stück ständig gelogen und betrogen wird. Es war ihr wichtig, diese ständigen Drehungen herauszuarbeiten. Der Ausstatter stellte eine Kulisse für ein heruntergekommenes Hotel in Krakau auf die Bühne. Die Regisseurin wollte die Atmosphäre bewusst ärmlich halten. Das Krakauer Volk war damals ärmlich, sagte sie. Nachdem  eigentlich in der Barockzeit angesiedelt ist, aber die Regisseurin keine Barockkostüme wollte, wurde es für diese Inszenierung in die Entstehungszeit verlegt (um 1880 – da war Krakau übrigens von den Österreichern besetzt).

Also, wenn ich das richtig verstanden habe, hat die Regisseurin die Handlung aus der Barockzeit, wo die Damen wunderprächtige Barock-Kleider und Lockenperücken trugen, in eine Zeit verlegt, wo man modisch eher fad unterwegs war. An dem Ausstatter lag es vermutlich nicht, dessen Kostüme sind der Regisseurin immer noch ein bisschen “zu schön”. Aber zumindest gibt es Kostüme und die Klamotten sind nicht zeitgeistig vom Discounter; wir Zuschauer haben gelernt, schon für Selbstverständlichkeiten dankbar zu sein. Der Geschmack von Künstlern, die nicht primär durch die oder sozialisiert wurden, beißt sich zuweilen mit dem, was traditionelle Opernliebhaber gerne sehen. kommt vom Sprechtheater, und aus der Gewohnheit heraus verwendete sie auch mal das Wort “Schauspieler”. Sie korrigierte sich jedoch umgehend, denn das trifft es im Musiktheater natürlich nicht so ganz … da hat im Zweifelsfall der Gesang Vorrang vor dem Szenischen.

Kleiner Exkurs: Der berühmte Schulterkuss, bekannt durch das Lied des Oberst Ollendorf, war in römischer Zeit ein Begrüßungsritual unterwürfiger Bittsteller gegenüber dem Kaiser. Von dieser Erkenntnis war , der Bass-Buffo, der den Ollendorf singt, selbst überrascht: Da dachte man, das sei ganz einfach sexistisch zu verstehen, und dann gehört da so ein intellektueller Überbau dazu… (Wobei man das vermutlich unter “information overload” verbuchen kann; dramaturgisch scheint dieser Aspekt in dieser nicht wirklich relevant zu sein.) In einem alten Operettenführer stand neben der Partie des Ollendorf nicht “Tenor” bzw. “kann auch von einem Bariton mit guter Höhe gesungen werden”, sondern da stand schlicht “Komiker”. Es handelt sich jedoch um eine Rolle, die einen guten Sänger braucht, weil sie durchaus anspruchsvoll ist. Zum Beweis hörte das Publikum gleich das Lied “Ach, ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst…” In dieser Inszenierung wird der Oberst glücklicherweise nicht einfach als tumber Tor dargestellt. Das Problem, dass für seine Rolle eigentlich zu gut und distinguiert aussieht, kann von der Maskenbildnerin leicht behoben werden.

Sechs Opernsänger für vier Euro, das hat was. Vor allem, wenn es Sänger sind, für die ich auch gerne vierzig Euro ausgebe. Diese vier Euro sind natürlich nur ein Schnupperpreis, vormittags. Normalerweise singen die Herrschaften abends, und dann wird es teurer. Gehen Sie also am besten gar nicht hin, nicht dass es Ihnen noch gefällt … Man weiß ja, wie das endet: Erst kauft man sich eine Eintrittskarte, dann noch eine, dann ein Abo, und dann geht dieses Hobby allmählich ins Geld. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber wie meine Freundin so schön sagte: “Man hat ja sonst nichts anderes.” Jedenfalls nichts sonst, was so unterhaltsam wäre. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Einführungsmatinée nur schwer zu übertreffen sein dürfte: Die Reihen waren voll.

Die beliebte Sängerin sowie und sangen ein reizendes Terzett, in dem sie (als Gräfin Palmatica Nowalska mit ihren beiden Töchtern Laura und Bronislawa) zum Shopping gehen. Oder zumindest so tun als ob, weil sie eigentlich überhaupt kein Geld haben. begleitete am Klavier. Es gab ein zauberhaftes Liebesduett von und . Die Rolle des armen Studenten Jan Janicki ist eigentlich eine Tenor-Rolle. Sie wird hier aber von dem wunderbaren Bariton gesungen, der dann eben auf ein paar der hohen Töne verzichtet. Für den anderen Bettelstudenten, Symon Symonowicz, hat der Komponist nämlich schon genügend hohe Töne geschrieben: sang ein hochromantisches Duett mit , ein “Konditionalduett”, wie es der Moderator nannte (Ich setz den Fall…): Wenn wir einfach mal ganz theoretisch annehmen, dass ich eventuell das alles gar nicht hätte, was ich dir da so erzählt habe, und arm wäre wie eine Kirchenmaus… Laura hat eine ganz andere Frage: Gesetzt den Fall, ich bin irgendwann mal nicht mehr die Jüngste, und eine andere macht dir schöne Augen…? Was antwortet da der Operettenheld? Aber auf gar keinen Fall wird es für mich jemals eine andere geben, Schatzimausi!

, der befragt wurde, warum er nicht wie viele Kollegen spezialisiert ist, sondern , und singt, sagte, dass er keine Genre-Grenzen im Kopf hat. Diese Einteilung ist seiner Meinung nach eine Sache für Musikwissenschaftler, Dramaturgen und Kritiker, aber er sieht da auf der Bühne keine Unterschiede – es geht nur um die Rolle selbst. hat in München studiert und ihr Gesangsstudium gerade erst abgeschlossen. (Die nicht ganz einfache Partie der Laura wird ihre letzte Prüfung sein.) Für das begeisterte Publikum hörte sich das ausgesprochen gut an. Großer Applaus für alle Beteiligten.

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Einführungsmatinée: Don Pasquale, 14.10.2012, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Don Pasquale ist eine Opera Buffa – das italienische Pendant zur . Sie wurde im Januar 1843 uraufgeführt. war der wichtigste Opernkomponist dieser Zeit; Rossini und waren da schon nicht mehr aktiv. In Wien wurde Donizetti zum Kaiserlichen Kammerkapellmeister ernannt und war sehr stolz darauf, dass er also einen Posten bekleidete, den zuvor innehatte. Zu diesem Posten gehörte auch ein Ausgehrock, auf den Donizetti ebenfalls sehr stolz war und den er auch noch trug, als er mit Anfang 50 im Irrenhaus verdämmerte. Zuvor schrieb er aber 71 (!) Opern; sein Durchbruch war Anna Bolena. Das Wichtigste für Opernkomponisten jener Zeit war es, in Paris Erfolg zu haben. Aus diesem Grund hat Don Pasquale auch so eine lange Ouvertüre: Das Pariser Publikum schätzte längere Potpourri-Ouvertüren. Die Handlung ist auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich originell: Ein älterer Herr auf Freiersfüßen wird gefoppt und steht dann als Depp da, und den hübschen Sopran, den kriegt natürlich … der Tenor, wer sonst. Donizetti, so sagte der wunderbare Dramaturg , der diese ausgesprochen unterhaltsam moderierte, Donizetti wollte die Charaktere der Opera Buffa etwas komplexer gestalten, was man an der Figur des Malatesta sehr schön sehen kann.

An dieser Stelle erschien der Überraschungsgast , der am Ende dieser Spielzeit in der Uraufführung der Cerha- Der Präsident singen wird. Sein Auftritt war auch für ihn selbst überraschend, da er anscheinend erst nach dem Aufstehen erfahren hatte, dass er der Gewinner eines Freiwilligen-Castings war: Der Sänger, der den Malatesta singen wird, hatte vernünftigerweise die obligatorische Erkältung vor die Premiere gelegt und war deshalb verhindert. sang ”Bella siccome un angelo”, mit einem volltönenden Bass. Ich persönlich bin nicht der allergrößte Fan von obertonreichen Stimmen, aber er gefiel mir trotzdem gut. begleitete am Klavier.  

Ernesto will die arme Witwe Norina heiraten, aber sein Onkel Don Pasquale erlaubt es nicht. Da lässt Malatesta sich etwas einfallen. Die Regisseurin dieser Produktion ist , weit über München hinaus bekannt, die zehn Jahre lang als Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper sang. Sie sieht Don Pasquale als bitterböse Komödie und sagte: Eine Komödie muss ernstgenommen werden. Im Cuvilliés-Theater muss man subtil arbeiten. Die Situation ist komisch, aber nicht die Figuren, die sind ernst. Don Pasquale ist für ein Kammerspiel, ein Schauspiel mit Musik. Bühnenbild und Kostüme werden von verantwortet. Die ursprüngliche Anweisung “in borghese moderno” bedeutet: “in moderner Kleidung”, es soll kein historisches Sittengemälde gezeichnet werden.  musste also eine Welt erfinden, die beides zulässt, die damaligen Konventionen und das Heutige.

Der Tenor sang die Arie ”Com’è gentil la notte a mezzo april”. (In Italien besingt man die lauen Aprilnächte.) , der den Ernesto geben wird, ist ein sehr sympathischer junger Sänger aus Rumänien. Er begann als Bariton, bis ihm sagte: “Du bist ein Tenor!” Er schätzt den Belcanto und lernt gerade Deutsch. Sehr schön. Der Dirigent hat seinen Namen nicht nur aus dem Veneto, sondern sogar aus Venedig mitgebracht. Sein Großvater war Gondoliere, das ist witzig, aber trotzdem wahr. Don Pasquale wird am 25. Oktober seine Einstiegspremiere am sein, aber er hat diese zuvor schon in Kassel dirigiert. Alle Figuren in dieser sind komplex; aus den Klischees der Commedia dell’arte muss man die Figuren erlösen, das hat Donizetti schon gemacht. Das ist in der Musik enthalten, sagte .

Norinas Klosterschülerinnen-Kleidung ist gewissermaßen eine Geschenkverpackung für den Don Pasquale. Kaum dass der (fingierte) Ehevertrag unterzeichnet ist, explodiert Norina zur Furie. Sie dekoriert alles um, will sich amüsieren und ins Theater gehen, während Don Pasquale Wert auf seine Ruhe legt. Das komplette Komplott des gewitzten Drahtziehers Malatesta ist eine Überraschung für Ernesto, den jugendlichen Liebhaber, und Don Pasquale ist natürlich am Ende der Letzte, der versteht, was gespielt wird. Don Pasquale ist eine gebrochene Figur, ernsthaft, mit Tiefe und verletzlich. Es wurde wieder gesungen, wieder mit Programmänderung: Zu Beginn hatte der Bariton durch seine Abwesenheit geglänzt, und nun konnte man mit einer erkrankten Sopranistin Furore machen. Bei den Proben zuvor hatte man das Vergnügen gehabt, als Norina zu erleben – schade, dass das so eine exklusive Vorstellung war! Das Casting für einen adäquaten Ersatz dauerte nicht lange, eine charmante Bitte über den Frühstückstisch hinweg genügte: ist mit der Sopranistin verheiratet, die von 2000 bis 2007 Ensemblemitglied am war. Sie sang mit den Noten in der Hand mit das Duett, wo Norina und Don Pasquale streiten und sie ihm schließlich eine Ohrfeige gibt – uups, das war zu weit gegangen, das merkt sogar Norina selbst. “È finita”, singt Don Pasquale, es ist alles aus, und dann fehlen ihm die Worte – aber dafür kommentiert das Orchester, das ist wichtig, sagte der Dirigent. Dieses Duett war ausgesprochen gut gesungen, ganz fabelhaft.

Die Runde unterhielt sich dann über ältere Herren, die bei jungen Mädchen keinen Erfolg haben, wobei das Adjektiv “älter” hier in der Definition “ab 50 Jahre” verwendet wurde. Hmm? Also bittschön, fünfzig ist ja nun wirklich kein Alter – das ist übrigens auch eine Frage des geistigen Alters, oder nicht? Drei meiner Bekannten im Publikum, alle drei über 80 Jahre und geistig übrigens fitter als ich, schüttelten den Kopf über so viel Unverstand bei den jungen Hupfern. (Wobei natürlich diese Geisteshaltung mit der Entstehungszeit dieser korrespondiert: Der Romancier Stendhal (1783 – 1842) erzählt in einem Buch von der Marquise Sowieso, die zwar “schon 28 Jahre alt war, aber immer noch gut aussah.”) Nach der Ohrfeige will Pasquale diese Frau loswerden, genau wie Malatesta es sich gedacht hat. Mit einem fingierten Liebesbrief wird ein (gestelltes) Stelldichein angekündigt. Don Pasquale gibt die Norina schließlich seinem Neffen Ernesto, damit er seine Ruhe hat. Das Finale verläuft gewissermaßen im Sande, sagte , es ist ein eigenartiger Schluss, besonders für den Pasquale. Die Figur verliert sich, das ist schwierig zu spielen. Dieses Finale ist eine Absage an das Opera-Buffa-Klischee. Donizetti interessierte sich für die Konfrontation, für den Kern der Figuren. Das Stück besteht aus lauter Duetten: Donizetti wollte das Zwiegespräch. Es gibt kein langes, zähes Finale, bei dem das Publikum unruhig wird: Wo ist das Ballett? Außerdem hatte Donizetti keinen Da Ponte als Librettisten, der für Mozart alles schreiben konnte, was dieser nur wollte. Donizetti hatte nur einen beleidigten Ruffini; bei der Uraufführung stand auf dem Programmzettel M.A. (maestro anonimo). Donizetti musste vieles selbst ändern, also machte er den Schluss lieber etwas kürzer.

Die Runde war sich einig, dass das Stück auf Italienisch besser wirkt, weil es diese “Italianità” braucht. Die Eitelkeit der Hauptfigur, Don Pasquale, versteht man nur, wenn man die Eitelkeit von Italienern kennt. Alle blickten auf den Italiener in der Runde, der wunderschöne cognacfarbene Lederschuhe trug, wie sie nur ein Italiener tragen würde bzw. tragen kann.  lachte und sagte: “Alles eine Frage der Prioritäten.” hatte seine Prioritäten anders gesetzt: Er hatte offenbar erst daran gedacht, dass er an diesem Tag singen sollte, nachdem er sich schon morgens im Dunkeln angezogen hatte. Wobei er bei dieser schönen Stimme für mich auch im Zwiebelsack daherkommen könnte, da muss dann einfach eine große Papiertüte über den Kopf. Über den des Zuschauers, meine ich. Aber vor seinem Premierenauftritt kommt ja noch die Kostümbildnerin ins Spiel.  konnte jedoch sehr unterhaltsam erzählen: Er findet, die Figuren müssen modern sein. Der Pasquale ist ein gesetzter Herr, ein erfolgreicher Geschäftsmann mit allen möglichen Statussymbolen, ein eitler älterer Egoist, der sich nicht ändern wird. Lernen wir also, Prioritäten zu setzen, liebe Gemeinde, nämlich Familie und Freunde und so. Amen. Übrigens kann man auch heute noch Musiktheater schreiben: die moderne “Donna Pasquale” gärt noch in Brigitte Fassbaenders Kopf. Wir sind gespannt.

Es ist ja amüsant zu beobachten, wie der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters die Termine dieser Spielzeit nach den tagesaktuellen Bezügen ausgerichtet hat: Das Weisse Rössl ist direkt nach dem Oktoberfest in München gut aufgehoben, Der Präsident wird möglicherweise die schrägsten Auswüchse der amerikanischen Präsidentschaftswahl rekapitulieren, und passenderweise kurz vor der Premiere des Don Pasquale wurde jetzt der Wirtschaftsnobelpreis 2012 an Lloyd Shapley und Alvin Roth vergeben, für ihre bahnbrechende Forschung unter anderem in Sachen Heiratsmärkte. Die theoretische Forschung zu Heiratsmärkten gehört ja zur Spieltheorie (wohin auch sonst), und die Grundsätze, nach denen eine Frau einen Mann aussucht, kann man in mathematischen Algorithmen zusammenfassen. Aus der Psychologie weiß man übrigens, dass eine Frau für eine effiziente Auswahl nur weniger als zehn Männer zu begutachten braucht, um eine einigermaßen sinnvolle Wahl zu treffen: Die ersten vier dienen nur als Vergleichsmatrix, von den nächsten vier wirklich interessanten Typen, die ihr über den Weg laufen, nimmt sie den Besten, fertig ist die Laube. Erfahrungsgemäß ist diese Methode effektiv und hat auch Bestand, wenn die Frau vierzig oder vierhundert Kandidaten weiter ist. Ich habe tatsächlich Freundinnen, die sagen: “Den von damals hätte ich nehmen sollen.” – Wobei es natürlich niemanden überrascht, dass der alte Algorithmus (den Mann mit dem bislang höchsten Marktwert unauffällig warmhalten, ein bisschen weitersuchen, feststellen, dass nix Besseres nachkommt, heiraten) nicht mehr greift, wenn die Dinge kompliziert werden, also bei der nächsten Runde. Aber das ist ein anderes und deutlich schwierigeres Thema, bei dem die Forschung noch am Anfang steht und der dazugehörige Nobelpreis in weiter Ferne ist. Mit theoretischen Überlegungen kommt man da nicht wesentlich weiter als mit Versuch und Irrtum. Viele Versuchsanordnungen verändern sich ja schon, wenn da einer lässig am Heizkörper lehnt und das Versuchsobjekt beobachtet, ob dieses nun Martha, Norina oder Ottilie heißt. Und wenn er das Ganze von einer höheren Warte aus noch mal kurz in Augenschein nimmt, dann kann sie ihren akkurat ausgetüftelten Algorithmus über die Brüstung werfen, auf dass er einem Theaterbesucher auf den Kopf fallen möge. Denn dann ist die ganze Theorie beim Teufel.

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Einführungsmatinée: Im Weissen Rössl, 30.09.2012, Gärtnerplatztheater (im Akademietheater)

Im Weissen Rössl Na, das lässt sich ja schon mal sehr vielversprechend an. Ich bin anscheinend der einzige Mensch in Deutschland, der das Weisse Rössl noch nie gesehen hat. Wenn das Stück genauso charmant und abwechslungsreich ist wie die Einführungsmatinée dazu, dann ist das tatsächlich eine Bildungslücke, die schnellstens aufgefüllt gehört: Premiere ist am 11. Oktober. Eines der vielen Highlights bei dieser sehr unterhaltsamen Veranstaltung war , der einem breiteren Publikum als Kommentator des Wiener Opernballs bekannt ist. Mit österreichischem Charme und Esprit erzählte er von dem “Vaterschaftsprozess” des Weissen Rössls. In diesem Fall hat der Erfolg sehr viele Väter, nämlich viele große Namen der damaligen Unterhaltungsbranche, die ich alle sofort wieder vergessen habe (das war nämlich vor meiner Zeit).

Es fängt an im Jahre Achtzehnhundertweißkohl, mit der Uraufführung des Stückes 1897. Im Jahr 1926 gab es einen Stummfilm, und die Uraufführung der war 1930 (das Jahr, in dem auch der Tonfilm aufkam). Das Weisse Rössl wurde ein riesiger internationaler Erfolg, mit sehr großen, teuren Produktionen (in der englischsprachigen Welt lief es als The White Horse Inn). Die besten Leute haben sich damals des Unterhaltungstheaters angenommen, und auch der Regisseur ist der Ansicht, dass Theater ganz generell und prinzipiell unterhalten muss. Da bin ich unbedingt seiner Meinung: schlafen kann man auch zuhause. Herr Köpplinger sagte, dass der Regisseur im Dienst des Werkes stehen soll. Seiner Erfahrung nach wirkt die Originalfassung meistens am besten, so auch in diesem Fall: Das Weisse Rössl ist eine Berliner , ein Lustspiel im Stil der “Roaring Twenties”, also der wilden 20er Jahre. Die Originalfassung von 1930 war zwischenzeitlich verloren gegangen und wurde erst vor einigen Jahren wiederentdeckt. Die Fassung, die wir in München zu sehen bekommen, ist musikalisch spritzig und rasant, frech und fast subversiv im Tonfall. Sie unterscheidet sich deutlich von der gediegenen Variante, die das Publikum kennt: Es wurde ein Ausschnitt aus dem Film mit Peter Alexander von 1960 gezeigt (der aber mit seinem Retro-Look durchaus auch heute noch seinen Charme hat).

Die Uraufführung dauerte über vier Stunden, mit einem Riesen-Orchester (hat er tatsächlich “zweihundert” gesagt?) und der unglaublichen Zahl von 400 Mitwirkenden. Man braucht nicht weiter zu erwähnen, dass das Weisse Rössl damals in Berlin eine Sensation war. , nicht nur Regisseur dieses Stückes sondern auch neuer Intendant des Gärtnerplatztheaters, bietet in dieser Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit 104 Mitwirkende auf, die das Publikum zweieinhalb Stunden lang unterhalten werden. (Achtung: Da das Stammhaus renoviert wird, wird das in der nächsten Spielzeit an vielen Spielstätten in München spielen, bloß nicht am selbst. Das Weisse Rössl wird im Zelt des Deutschen Theaters in Fröttmaning aufgeführt.) Bei der Uraufführung 1930 waren schon Riesen-Mikrofone in Blumenkübeln oder so versteckt, heute ist die Technik etwas weiter.

Der gutaussehende Dr. Otto Siedler sang mit seiner entzückenden Ottilie alias das Duett “Mein Liebeslied wird ein Walzer sein”. begleitete am Klavier. Der Tenor ist seit vielen Jahren eine feste Größe am Münchner und beim Publikum sehr beliebt. Er erzählte, dass diese Rolle des Doktor Siedler tatsächlich sein Berufseinstieg war, die erste Rolle nach dem Gesangsstudium in Würzburg. Sigismund und Klärchen, das zweite Pärchen auf der Bühne, werden dargestellt von und . sah etwas zerknittert aus, aber einen schönen Mann kann nichts entstellen, nicht mal ein Besuch auf dem Oktoberfest. Er ist ein Wahlmünchner, der seine Berliner Schnauze beim besten Willen nicht verbergen kann. Bis auf mich kennt ihn in München anscheinend jeder Theaterbesucher (Sprechtheater allerdings), aber ich habe eine Zeitlang im Ausland gelebt. Im Fernsehen sehen kann ich ihn auch nicht, weil auf meinem Fernseher so eine dicke Staubschicht liegt. (Ja, ich bin tatsächlich blond, weshalb fragen Sie?) Im Gegensatz zum schönen Sigismund ist ein echtes Münchner Kindl, derzeit abonniert auf die Partie der dümmlichen aber ganz reizenden Blondine – eine Charakterrolle, die meistens schwerer zu spielen ist als die der intellektuellen Brünetten. Die beiden sangen ein sehr hübsches Duett, aber ich habe vergessen, was es war. Ich war mit Gucken beschäftigt, und Blondinen können ja bekanntlich nicht alles gleichzeitig machen.

Es wird allerdings der Leopold sein, der die Herzen der stolzesten Frauen brechen wird. Was für ein süßer Bengel! Eine Fotostrecke mit dem in der Bravo-Girl, und dann gehen auch die blasiertesten fünfzehnjährigen Mädels ganz freiwillig ins Musiktheater. – Obwohl, nein, blöde Idee, bloß nicht, das lassen wir besser! Der Oberkellner Leopold hat sowieso nur Augen für seine Wirtin, die Josepha Vogelhuber. “Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden”, singt er und fällt vor ihr auf die Knie. Hach, Romantik pur! Die einzige, die das kalt lässt, ist Josepha; die will kein Herz geschenkt haben, sondern sie will nur, dass er seine Arbeit tut. ist vermutlich der überqualifizierteste Leopold in der Geschichte dieses Stücks: Man braucht gar keine so große Stimme, um den Leopold zu singen; aber wenn er sie nun mal hat, beschwere ich mich auch nicht. , die Gastwirtin, ist zwar dunkelhaarig, aber sie hat so eine tolle Ausstrahlung, dass man darüber großzügig hinwegsehen kann. In Wien ist sie ein Star, in München zwar noch unbekannt, aber das wird sich ändern. Sogar gab sich die Ehre, erzählte ein paar Anekdoten und zeigte im Gespräch eher beiläufig einige Kostproben seines beachtlichen Könnens. Er wird den Kaiser darstellen; der Bart ist noch in Arbeit, aber bis zur Premiere wird er lang genug sein. Insgesamt dauerte diese kurzweilige zwei Stunden, da bekam das Publikum wirklich etwas geboten. Diese Operettenlustspielrevue wird amüsanter als ich dachte.

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Einführungsmatinée: Turandot, 27.11.2011, Bayerische Staatsoper

Soll ich das nun peinlich finden? Oder lächerlich? Oder ganz einfach unverschämt? Ich habe mich so über die Form dieser Veranstaltung geärgert, dass ich über den Inhalt nichts schreiben werde. Ein befreundeter Arzt sagte mir mal vor einiger Zeit: “Männer sind auch Menschen.” Das ist mir klar, doch, wirklich, und ich versuche aufrichtig, diesen Grundsatz im Alltag zu beherzigen. Im Gegenzug fände ich es erfreulich, wenn auch die Herren der Schöpfung im Hinterkopf behalten könnten, dass 50% der Menschheit weiblich ist. Das Panoptikum, das dem Auditorium hier geboten wurde, war – wie soll ich sagen – aufschlussreich.

Ich habe zum Thema Gleichberechtigung ein durchaus differenziertes Verhältnis, und den Ausdruck “patriarchalische Strukturen” habe ich in meinem ganzen Leben noch nie verwendet, aber die Bühne der Bayerischen Staatsoper bot an diesem Vormittag wirklich ein trauriges Bild. Ich wüßte sehr gerne, was die hauseigene Gleichstellungsbeauftragte dazu sagt. Allein die Tatsache, dass schon im Vorfeld offensichtlich keiner der Zuständigen diese monochrome Aufstellung als befremdlich empfunden hat, lässt interessante Rückschlüsse auf den Münchener Kulturbetrieb zu. Auf der Bühne waren zu sehen:

Ein Intendant (1 Mann),

ein Dirigent (1 Mann),

ein Regisseur (1 Mann),

ein Dolmetscher (1 Mann),

ein Dramaturg (1 Mann),

ein Bühnenbildner (1 Mann),

ein Pianist (1 Mann),

drei Sänger (3 Männer).

Die Veranstaltung dauerte von circa elf Uhr bis viertel nach zwölf. Um 12.09 Uhr erschien eine Sängerin (1 Frau), die bis 12.13 Uhr sang. Zwei Minuten später war Schluss, und damit hatte ich auch genug gesehen. Diese wird vermutlich ohne mich auskommen müssen.

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Einführungsmatinee Les Contes d’Hoffmann, 23.10.2011, BSO

Es ging schon gut los. Eine Dame mit rauchiger Stimme trat auf die Bühne, und anstatt sich vorzustellen, las sie einen ellenlangen altmodischen Text, psychologisch zwar nicht uninteressant, den man aber trotzdem unbesehen unter der Rubrik “Beziehungsunfähige Künstlerseelen” hätte abheften können. Die Geschichte, aus den Serapionsbrüdern von E.T.A. Hoffmann, wurde später im Gespräch noch begeistert als romantisch-fantastisch beschrieben und ist jedenfalls die Grundlage für die Figur der Antonia in dieser , aber es nützt ja nix, ich mochte sie nicht. Der Rest des Publikums lächelte intellektuell auf die Bühne. Ich erzähle Ihnen mal kurz, worum es geht, damit Sie beim nächsten Sektempfang mitreden können: A&C und B&A sind die wesentlichen Konstellationen, C fährt mal nach D, dann wieder nach E und schließlich nach F, und am Schluss sind die Frauen tragisch dahingerafft und die Männer können endlich in Ruhe ihre Kreativität ausleben. Als das Ding endlich zu Ende war, tauchte der gutaussehende auf, parlierte lebhaft von Offenbach, dem Erfinder der französischen , die blauen Blumen der Romantik flogen ziemlich tief, aber ich konnte mich nicht richtig auf das Ganze konzentrieren. Dann marschierten noch ein paar adrette Pinguine auf die Bühne, dazu eine Meerjungfrau und ein Papageientaucher. Alle lächelten artig und ließen sich in den Sesseln nieder. wirkte für einen Staatsoper-Regisseur überraschend zugänglich und erzählte, dass der Soundtrack seiner Kindheit die Barcarole von gewesen sei. Die Figur aus E.T.A. Hoffmanns Geschichte, Rat Crespel, ist ein eitler, narzisstischer Mann, und sagte etwas ganz Hinreißendes: “The main relationship is with his imagination.” Der Künstler hat also eine wundervoll kreative Beziehung zu seinem eigenen Künstlergehirn, da würden irgendwelche Frauen nur stören.

Der Dirigent erklärte, dass er an “Hoffmanns Erzählungen” ganz blank herangehe, denn die zwei Fassungen, die er zuvor mal dirigiert hat, seien ja nicht seine eigenen gewesen. Das Bonmot, dass es mehr Fassungen von Hoffmanns Erzählungen gebe als Aufführungen, wirft die Frage auf: Was ist Original, was ist Tradition, und was eben nicht? Nach welchen Kriterien wählt man also die Fassung aus? Carydis bevorzugt da die intuitive Herangehensweise und findet, man sollte aus sowas keine wissenschaftliche Angelegenheit machen: Man muss sinnvoll straffen, einen harmonischen Fluss herstellen, und die schlichte Struktur von Offenbachs Musik soll natürlich beibehalten werden. Carydis nimmt hier Dialoge, weil die Rezitative unbefriedigend ausgearbeitet seien. Die potentiell abendfüllende Diskussion, ob es sich nun um eine operettenhafte oder eine opernhafte handele, erstickte  im Keim, indem er sagte, er wolle das Stück nicht in eine Schublade stopfen. Dann sang Angela Brower die berühmte Geigenarie und wurde heftig beklatscht.

wird alle vier Frauenrollen verkörpern: “Hoffmanns Erzählungen” ist ein romantisch-fantastisches Werk (wobei das Wort “fantastisch” hier nicht “hinreißend” bedeutet, sondern im Sinne von “Hirngespinste” gebraucht wird), das eigentlich aus drei Opern besteht, drei Einakter, gewissermaßen, wo sie sich fühlt wie in einer Verwandlungsshow: Es gibt jeweils einen Akt für Olympia, Giulietta und Antonia, mit denen Hoffmann, der Protagonist, aus völlig unterschiedlichen Gründen keine richtige Beziehung aufbauen kann, was für die Kunst hier nur von Vorteil ist. erläuterte mit seiner wunderschönen Sprechstimme, dass der Bösewicht mehr oder weniger die dunkle Seite des Künstlers ist, seine inneren Dämonen sozusagen. (Yes! Höchste Zeit, dass diese Floskel mal wieder ausgegraben wurde!) Auch wenn sein kleiner Sohn den Papa gerne als Held sehen würde und ihn schon einmal fragte, warum er auf der Bühne immer böse sein müsse, ist mit seinem Dasein als Bariton durchaus zufrieden: Ein Bariton spielt immer Schurken oder hochgestellte Persönlichkeiten, das ist eigentlich nicht das schlechteste Los. Der Dramaturg Rainer Karlitschek erzählte, dass der Bösewicht in diesem Stück von der Muse eingeführt wird, und fragte: Braucht man das Böse, um das Gute zu zeigen? sagte, der Bösewicht diene zur Ablenkung, denn die Muse habe ihre eigenen Pläne. Da wir ja alle so weltläufig unterwegs sind, wurde nicht jeder Satz für das Publikum übersetzt, was auch deswegen bedauerlich war, weil die Übersetzungen unfreiwillig komische Elemente in die Gesprächsrunde einführten. So war die Rede davon, dass eine der weiblichen Hauptfiguren dieser als “sex worker” tätig sei, was der Dramaturg galant als “Kurtisane” übersetzte. Woraufhin der Gesprächsleiter sofort protestierte. (In der Geschichte ist Giulietta tatsächlich eine Kurtisane, sie besitzt sogar ein eigenes Haus.)

 hing in seinem Sessel, als sei er gerade erst aufgestanden. Es war auch noch recht früh am Morgen, so etwa halb zwölf, er hatte einen weißen Kaffeebecher und etwas Lektüre dabei, und seine Stimme, für einen Tenor sehr tief, klang am Anfang unglaublich rauh. Meine Güte. Als der zu reden anfing, wurde ich auch richtig wach. Ich tausche jederzeit eine Premierenkarte für noch ein Podiumsgespräch mit Villazon. Der Mann hat mehr Ausstrahlung im kleinen Finger als bei anderen Kollegen die Höhensonne im Keller. Er brauchte nur mit der Hand durch die schwarze Pudelwuschelfrisur zu fahren, um alle Blicke auf sich zu ziehen, und erklärte dann in seinem wunderbar funktionierenden Dreivierteldeutsch, mit den orangefarbenen Hemdsärmeln wild vor dem tiefblauen Hintergrund gestikulierend, dass diese drei Frauenrollen alle ein Teil von Hoffmann sind – “psychological transfer” – und ebenso die Muse, die ihm sagt: Du bist ein Künstler.

Die Runde war sich einig, dass Sehnsucht hier ein großes Thema ist. Ich hatte auch Sehnsucht, nach den guten alten Zeiten. Immer, wenn ich Männer sehe, die sich auf der Bühne (!) ihre Socken hochziehen, muss ich daran denken, wie die Profs uns gewarnt hatten, dass wir für so ein Vergehen gnadenlos durch die Dolmetscherprüfung rasseln würden. Nun ja. wurde gefragt, wie ein Kind die Herangehensweise an die Rolle beeinflusst. (Die anwesenden Männer, ebenfalls mit Kindern ausgestattet, wurden das übrigens nicht gefragt. War wohl keine Zeit mehr.) Sie sagte, dass sie nun dreimal so viel zu tun habe wie vorher, wo sie sich auch schon ausgelastet fühlte, aber wenn man mit dem Partner ein Team ist, funktioniert das, und die Wärme einer guten Partnerschaft strahlt positiv auf die Bühnenarbeit aus. erklärte, dass er bei der Vorbereitung mit dem Text anfängt, und das Singen kommt ganz zuletzt. Rolando Villazon versucht, völlig “ignorant” in eine Neuproduktion einzusteigen, damit der Regisseur ihn als weißes Blatt nutzen kann. Er verglich den Prozess des Inszenierens mit Kindern auf einem Spielplatz und sagte, die Rolle des Hoffmann sei eine Traumrolle für einen Tenor: “Was ist in diese Gehirn? Deswegen Offenbach hat einen Tenor. Chaos im Hirn.” Die Reaktion des Publikums kann man sich lebhaft vorstellen. Als alle mit Lachen fertig waren, wurde die unvermeidliche Barcarole mit Cello und Klavier zum Vortrag gebracht. Meine Begleitung fand sie sehr schön. Mir gefiel die Klangfarbe des Flügels nicht. Applaus, Applaus. Und wenn man den Besuch einer oder auch nur einer als Gesamtkunstwerk begreift, dann war die Garderobensituation in der ein unbefriedigender Abschluss.

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Auftakt Die verkaufte Braut, 25.09.2011, Gärtnerplatztheater

Der Regisseur Peter Baumgardt fühlt sich am ganz wie zu hause. Von 1980-92 arbeitete er an diesem Haus. Er plauderte kurz über die Inszenierungen, die er schon gemacht hatte (viele!), die Qualität des Ensembles, das er am vorgefunden hatte (gut!) und schwärmte dann von der “Verkauften Braut”. Anfangs war eine Inszenierung im Stil der 50er Jahre angedacht, mit Petticoat, Nierentisch und Tütenlampe, aber dann entschloss sich der Regisseur, ”Die Verkaufte Braut” als Kammerspiel anzulegen, für das man sich bewusst nicht zeitlich festlegen wollte, es gibt also auch keine ganz modernen Accessoires. Das Bühnenbild, gebaut von Stefan Rinke, ist ein Pilzkiosk, in einem Design, das, so wurde uns gesagt, in Süddeutschland früher allgemein bekannt war, und die wenigen verbleibenden Exemplare stehen mittlerweile unter Denkmalschutz. Das muss vor meiner Zeit gewesen sein, aber jedenfalls bekommt Marie zur Existenzgründung von ihren Eltern Ludmilla und Kruschina besagten Pilzkiosk. Dafür haben die Eltern bei dem Ehepaar Micha und Hata ein Darlehen aufnehmen müssen. Daran geknüpft war die Bedingung: Marie heiratet den Sohn des Micha. Marie hat sich ihr Leben aber schon ganz anders ausgemalt: Sie hat sich in den pfiffigen Hans verliebt, der zwar seine bewegte Vergangenheit vor ihr geheimhält, aber mit Elan und Charme ihr Herz gewonnen hat. Die kleinbürgerliche, spießige Welt mit ihren festen gesellschaftlichen Regeln und ihrem Gruppendruck, aus der Marie sich befreien möchte, wird durch die Kostüme illustriert. Heißt es. Leider gab es keine Zeichnungen zu sehen. Stefan Rinke ließ nur durchblicken, dass er einen großen Bogen um die aktuelle Mode gemacht hat. Das Modell des Bühnenbildes war extrem schlicht gehalten: Eine zweite Drehscheibe wurde auf die Drehscheibe der Bühne gesetzt, was ungewöhnliche Perspektiven ermöglichen soll.

Szenenfoto Die verkaufte Braut

Die Figuren in dieser prallen, runden Geschichte sind psychologisch interessante, komplexe Persönlichkeiten. Der Zuschauer soll sich in dieser Inszenierung identifizieren können mit den Menschen auf der Bühne, die Handlung soll nachvollziehbar sein. ”Die Verkaufte Braut” ist eine komische , die ihre ernsten Momente hat. In dem ersten Ausschnitt, der geboten wurde, stellt der Heiratsvermittler Kecal sich dem Hans vor und erklärt ihm, dass die Liebe geht, die Mitgift aber bleibt. Kecals Arie spiegelt sein Leben wieder: er wurde verletzt, betrogen und belogen und ist dadurch zum Materialisten geworden, der sich an Geld und Verträge klammert. Hans gibt ihm natürlich die einzig richtige Antwort: Sein Mädel ist die Beste. Derrick Ballards kräftiger Bass sprengte fast das Foyer, und als der Hans ihm antwortete, hatte man fast den Eindruck, die beiden lieferten sich einen Sängerwettstreit. sang den Hans mit verschmitztem Charme – da freut man sich schon auf die Aufführung. Stefanie Kunschke (die noch am Abend davor im “Sokrates” gesungen hatte) als die umworbene Marie überzeugte mit ihrer schönen, klaren Sopranstimme. Der Regisseur erklärte, dass man das Süßliche, Folkloristische vermeiden wollte. Marie hat zwar eine träumerische Seite, sie ist aber eine starke Frau und kein Püppchen. Mit der Erfüllung ihres Traums, nämlich ihren Hans zu heiraten, will sie sich durchsetzen und die Regeln brechen. Hans ist nicht nur der Hallodri, für den man ihn anfangs halten möchte, sondern er setzt sich sehr ernsthaft mit der Beziehung auseinander. Eine der vielen spannenden Fragen hier ist eher langfristiger Natur: Wie sieht diese Beziehung zwischen Hans und Marie zehn Jahre später aus? (Leider gab es dazu vorläufig keine Antwort: das müssen die beiden wohl mit sich selber ausmachen.) Danach sang Hans Kittelmann den Wenzel, und das war wirklich beeindruckend. Man konnte seine Gedanken und Zweifel förmlich sehen: Soll er auf Marie, die ihm doch versprochen wurde, verzichten? Überzeugend gab seine Stimme seine Seelennöte wieder. Das Duett von Marie und Wenzel war einfach wunderschön: Marie will Wenzel seine Braut, die er noch nie gesehen hat, ausreden (sie erzählt ihm, dass diese Marie ein Frauenzimmer von ganz unerfreulichem Charakter ist). Obwohl so eine -Veranstaltung ja eigentlich nur konzertante Ausschnitte bietet, war ich von der darstellerischen Leistung der Solisten völlig begeistert. Auch das Zusammenspiel der Darsteller war einfach toll. begleitete die Sänger am Klavier.

Der Dirigent Lukas Beikircher erläuterte, dass die Musik anspruchsvoller zu spielen ist, als es den Anschein hat, weil sie sehr überhöht ist, mit komplizierten Harmonien, wobei die Natürlichkeit aber beibehalten wird. Die Sprache wird moduliert, und die Betonungen finden ihre Entsprechungen in der Musik. Weil das Tschechische einen ganz anderen Sprachduktus hat, kommt man da im Deutschen manchmal in Kalamitäten. Dementsprechend hat sich der Regisseur grosse Mühe gegeben, die Übersetzung zu überarbeiten und anzupassen. Bedrich , der übrigens nie Musik studiert hatte, ist auch bekannt als Komponist der sinfonischen Dichtung “Die Moldau”. An der “Verkauften Braut” feilte er fünf bis sechs Jahre, bis er die endgültige Form für diese gefunden hatte. Die Musik erinnert unter anderem an Mozart. Sie enthält traditionelle Tanzformen wie Polka und Furiant, mit schnellen, rhythmischen, klaren Melodien. “Die Verkaufte Braut” wurde anfangs regional in Böhmen viel gespielt. Nach Smetanas Tod wurde diese ein Welterfolg.

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Einführung I Capuleti e i Montecchi, 20.03.2011, BSO

Wenn am Anfang eine Filmsequenz eingespielt wird, darf man als Zuschauer nicht allzu viel Live-Gesang erwarten. Diese Lehre habe ich aus den bisherigen Einführungen gezogen und es hat sich auch diesmal wieder bewahrheitet. Da die nur eine Woche vor der Premiere stattfand, ist das auch verständlich. Die Einspielung war übrigens “William Shakespeares Romeo + Julia”, mit Leonardo DiCaprio und Clare Danes. Mich hat sie auf alle Fälle dazu inspieriert, mir demnächst mal Tristan und Isolde anzuhören.

Staatsintendant informierte umfassend über die Entstehungsgeschichte und Inhalt der , bevor er mit Yves Abel (Musikalische Leitung), Vincent Boussard (Regie) und Rainer Karlitschek (Produktionsdramaturgie) über die aktuelle Inszenierung sprach. Vesselina Kasarova, mir noch in bester Erinnerung als Charlotte in Wien, beteiligte sich ebenfalls an der Runde und sagte ein paar sehr persönliche, berührende Dinge. Sie sang selbst nicht, es wurde aber eine Aufnahme eingespielt, die mir ausgezeichnet gefallen hat. Im Nachhinein ist es natürlich leicht zu sagen, aber mir ist schon während ihres Auftrittes aufgefallen, dass sie sehr blass ist. Ich wünsche ihr gute Besserung, eine Lungenentzündung ist eine ernste Angelegenheit.

Live gesungen wurde eine Arie der Julia, die mich leider gar nicht überzeugt hat. Vielleicht hat die Sängerin sich geschont, aber sie war in der 7. Reihe stellenweise nicht über den Flügel hörbar und ihre Haltung sprach Bände.

Ich fand diese zwar ganz informativ, es reizte mich aber nicht, los zulaufen und mir einen Karte für die Premierenserie zuzulegen.

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