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Nachtgedanken unterhält sich, Folge 1

Interview mit dem Kultur-Fan NachtSchatten

Du wirst in Zukunft Beiträge auf diesem Blog schreiben. Worüber?
Ich gehe häufig in die Oper, meistens ins Gärtnerplatztheater. Manchmal lese ich ein Buch. Außerdem liebe ich Fernsehserien, in der Originalfassung: “Mad Men”, “True Blood”, “Life on Mars”, “LFN”. Mit Musik kann ich nicht dienen, ich höre meist viele Wochen lang nur eine einzige CD, momentan ist das “Blood like Lemonade” von Morcheeba.

Warum hast du das Pseudonym NachtSchatten gewählt?
Ich finde das Theater faszinierend, aber für die Bühne wäre ich ungeeignet. Ich bleibe im Dunkel und beobachte.

Was qualifiziert dich dafür, über Oper zu schreiben?
Ich bin halber Österreicher. Für eine Intendanz reicht es also nicht, zum Bloggen aber wohl schon.

Ernsthaft jetzt?
Ich entspreche exakt dem statistischen Durchschnitt für deutsche Opernbesucher: intelligent, gebildet, gutaussehend.

Sind wir das nicht alle? Was noch?
Ich brauche keine Qualifikation, um in die Oper zu gehen. Interesse reicht. Shakespeare hat auch für das ganze Volk geschrieben, und das Volk hat ihn geliebt. Ich finde, Kunst ist eine sehr demokratische Angelegenheit. Jeder hat Augen, jeder hat Ohren. Es geht ja darum, was diese Kunst in deinem Kopf anstellt. In der Oper erlebe ich manchmal magische Momente, die mich in gewisser Weise auch verzaubern, sie verändern meinen Blick auf die Welt oder auf mich selbst.

Was ist für dich das Besondere an Oper?
In der Oper wird es nie langweilig. Meistens ist dreimal soviel geboten, wie ein normaler Mensch überhaupt aufnehmen kann: Menschen singen und reden, es glitzert und funkelt, Körper wuseln durcheinander, und die Instrumente gibt es ja auch noch. Man muß dann wirklich einen Teil ausblenden, und dann nochmal gehen, um die andere Hälfte auch mitzubekommen.
Ich liebe es, wenn eine Inszenierung opulent ausgestattet ist, mit Farben und schönen Kleidern, die vorbeirascheln. Wenn da mal auf der Bühne nichts los ist, kann man notfalls immer noch den Musikern zuschauen. Was mich aber wirklich interessiert, sind Beziehungen zwischen Persönlichkeiten. Auf der Bühne, und manchmal auch dahinter. “Boy meets girl” ist ein allgemeingültiger Topos, das kann man unendlich variieren, und es wird nie langweilig. Ein Seitenblick aus geschminkten Augen unter blonden Locken; Carmen, wie sie hochmütig den Kopf zurückwirft; der spöttische Zug um den Mund des Piratenkönigs; oder wenn die Sänger versuchen, ihr Lachen zu unterdrücken, weil sie nämlich weitersingen müssen – das sind unglaubliche Momente. Wenn in kalten Winternächten der Schneesturm durch die Straßen fegt, dann denke ich an solche Augenblicke zurück.

Wer nicht in die Oper geht, weiß gar nicht, was er verpaßt?
Ja, auf jeden Fall. Wobei ich aber sagen muß: Manchmal muß man der Oper ein bißchen Zeit geben. Das ist wie beim Flirten: Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick. Manchmal braucht man mehrere Begegnungen, um zu erkennen, daß da große Gefühle möglich sind. Wenn man sich darauf einläßt. Bei mir ist es so, daß mich etwa – äh – ein Drittel der Produktionen nicht interessieren, und da gehe ich dann auch nicht hin. Der Opern-Anfänger kann das natürlich nicht einschätzen, probiert mal todesmutig was Unbekanntes aus, sitzt dann vielleicht in einer Produktion, wo er den Komponisten nicht mag, den Hauptdarsteller unsympathisch findet, und wo die Diva aus privaten Gründen an diesem Abend schlecht drauf ist, und schon ist er für die nächsten zehn Jahre bedient. Das ist schade.

Wie bist du zur Oper gekommen?
Ich hatte als Teenager eine ganz tolle Aufnahme von “Carmen”. Es vergingen einige Jahre, und dann hat mich eine Freundin mal ins Gärtnerplatztheater mitgenommen. Ich hatte gar nicht so richtig Lust dazu, denn jedesmal, wenn ich aus Versehen fünf Minuten irgendeiner Oper im Fernsehen mitbekommen habe, fand ich das ziemlich gräßlich. Ich glaube mittlerweile, dass Oper im Fernsehen gar nicht funktionieren kann. Der Information Overload gehört einfach dazu, und der wird ja durch die Kameraführung ausgeblendet. Ich kann nicht wirklich ausdrücken, warum Oper auf der Bühne ganz anders wirkt als auf dem Bildschirm. Vielleicht ist das wie der Unterschied zwischen Porno und echtem Sex. Kein Vergleich, aber ich kann nicht erklären, warum. Man muß es selbst erleben.
Meine erste richtige Oper, live und in Farbe, war dann “Fra Diavolo” am Gärtnerplatztheater. Das war zur Einführung in die Opernwelt wirklich ideal: ein leichtes, witziges Stück in einer schönen Inszenierung mit eingängigen Melodien. Gutaussehende Sänger, die gut singen. Ein Dirigent, der wild in der Gegend herumfuchtelt. Herrlich. Beschwingt und gutgelaunt schwebt man danach die Treppe hinab, in die milde Abendluft hinaus, und geht dann mit Freunden noch was trinken – das war damals ein perfektes Opernerlebnis, und so wird man dann neugierig auf mehr.
Für mich selber habe ich mittlerweile herausgefunden, daß es drei Arten von Opernabenden gibt: Viele sind einfach schön, eine solide Vorstellung. Dann gibt es manche Abende, die sind irgendwie unbefriedigend, fahrig, unkonzentriert, oder ich habe es mal wieder mit einem Komponisten versucht, der mir nicht so liegt, und es hat mir nicht gefallen, oder die Inszenierung ist eine frustrierende Angelegenheit voller verschenkter Möglichkeiten. Da muß man durch.
Und dann gibt es noch die Erlebnisse der dritten Art: Ich kann mich an eine “Carmen” im Gärtnerplatztheater erinnern, da war ich völlig hypnotisiert. Ich hätte nie damit gerechnet, dass Rita Kapfhammer und Harrie van der Plas was miteinander anfangen, aber diese Beziehung war der Hammer. Ich habe mich an den Armlehnen festgekrallt und mitgefiebert. Kriegen sie sich? Es war so unglaublich spannend. Leider gab es kein Happy-End.

Was wirst du dir in nächster Zeit anschauen?
Am Gärtnerplatztheater? “Die Liebe zu den drei Orangen” werde ich mir ansehen, so oft ich kann. Irre. Toll. Überirdisch. Außerirdisch. Außerdem freue ich mich wie ein kleines Kind auf die Wiederaufnahme der “Piraten von Penzance”. Auf die Oper “Der geduldige Sokrates” bin ich auch sehr gespannt, darunter kann ich mir noch gar nichts vorstellen, aber ich weiß zumindest schon, daß es eine tolle Besetzung sein wird. Und an der Staatsoper möchte ich “I Capuleti e i Montecchi” sehen.

Wir werden noch viel Spaß haben.
Ja, das werden wir. Für alles andere ist das Leben auch viel zu kurz.

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