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Moritz Kienast (Hrsg.) – I hate Berlin: Unsere überschätzte Hauptstadt

Berlin, das ist für mich Klassenfahrt mit dem Leistungskurs Geschichte, das ist am Kudamm stehenbleiben und mit Tränen in den Augen auf der großen elektronischen Anzeige lesen, dass die ersten DDR-Bürger über Ungarn ausreisen dürfen, das ist MoMA ohne Langstreckenflug. Ich war jetzt schon ein paar Jahre nicht mehr dort, aber ab nächstem Jahr stehen regelmäßige Besuche an und schon allein deshalb hat es mich interessiert, warum einige von mir sehr geschätzte Autoren unsere Hauptstadt nicht mögen.

Das erste Essay hätte mich beinahe das Buch wieder aus der Hand legen lassen, denn ich empfand es als polemisch und garstig, es war zwar sehr gut geschrieben, hinterließ bei mir aber irgendwie einen schlechten Nachgeschmack. Versöhnt hat mich aber gleich danach die “Fünfzehn Gründe, als “ambitionierter Künstler” von Hamburg nach Berlin zu ziehenvon Nina George. Die Anführungszeichen im Titel geben den Ton vor, satirisch nähert sich die Autorin Künstlern in Berlin an, da konnte ich schon mehr als einmal schmunzeln. Berührend erzählt Henner Kotte von seiner Zeit als Grenzposten an der Mauer und bringt mir die Geschichte der Stadt damit viel näher als jeder Leistungskurs es je vermag, ebenso wie Hauke Hückstädt mit seiner sehr persönlichen Sicht auf Berlin. Stefan Bonner und Anne Weiss vergleichen Berlin mit Köln und es ist zwar nicht überraschend, wer das Duell gewinnt, aber durchaus gut argumentiert. Tom Liehr findet zwar, dass Berlin die mit größtem Abstand wunderbarste Stadt der Welt ist (hier muss ich ihm leider widersprechen, besser als in München lässt es sich sicher nicht leben), warnt den Leser aber trotzdem vor Taxifahrten vor Ort. Nach der Lektüre von Zoë Becks “Weltstadt der Agoraphobiker” versteht man, warum Berlin eigentlich ein Dorf ist, oder vielmehr viele Dörfer. Bov Bjerg schließlich hat mich mit seinem Vergleich von Berlinern und Schwaben heftig zum Lachen gebracht. Auch die Geschichten der anderen 17 Autoren, darunter so bekannte Namen wie Wiglaf Droste, Wiebke Lorenz, Andreas Izquierdo und Alina Bronsky sind sehr interessant und beleuchten Berlin und Provinz gleichermaßen. So bekommt man als Leser einen umfassenden Eindruck, der zwar nicht immer so total negativ ist, wie der Titel vermuten lässt, aber der Hauptstadt durchaus ein wenig die Schminke aus dem Gesicht wischt und das verlebte, gequälte Lachen darunter zum Vorschein kommen lässt. Bereichert wird das Ganze durch Zitate über Berlin, die zum größten teil aus dem 19. Jahrhundert stammen und zeigen, dass Berlin damals schon gehypt wurde, dem aber nicht jeder folgen kann. Die Cartoons von Claas Janssen mit Texten von Tommy Mayer peppen das ganze noch optisch etwas auf und erzählen auch eine eigene Geschichte.

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