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Bericht von der Leipziger Buchmesse 2017

Ein schönes Motto

Ich erreichte mein Hotel am späten Nachmittag, bezog mein Zimmer, warf allen überflüssigen Ballast ab und bergab mich zurück in die Stadt, die in den nächsten paar Tagen für alle Arten von Literaten zur ganzen Welt werden sollte.

Ein Ort, wie geschaffen für eine Kriminacht, wo heruntergekommen aussehen zum Stilmittel erhoben wurde, ein Platz zum Wohlfühlen und ein weiteres Bier bestellend den Abend um weitere mit anregenden Gesprächen gefüllten Minuten und Stunden zu verlängern.
Das ist für mich die Essenz der Buchmesse! Das gemütliche Zusammensitzen mit Autoren, Verlegern und all den anderen, die ihren Anteil am Buchmarkt haben, die meinen Job erst möglich machen, die ihn auch nach mehr als 20 Jahren noch aufregend und interessant gestalten.

Taxifahrt ins Hotel, die erste von mehreren kurzen Nächten. Zum Frühstück esse ich vier hartgekochte Eier.

Tag 1 der Messe. Sieht aus wie immer.

Das Jenseits ist in praktisch allen Religionen ein Idealbild der Lebenswirklichkeit des gläubigen Volkes. Die Indianer idealisierten ihre “Ewigen Jagdgründe”, ohne Weiße und mit vielen Büffeln, und so scheint es mir nur konsequent zu sein meine Idealvorstellung des Paradieses meiner Lebenswirklichkeit anzupassen.
Eine Buchmesse, ähnlich jener, welche mich die nächsten Tage in ihren Bann schlagen wird, nur mit weniger Dummdödeln mit Trolli, aber der gleichen Anzahl an Crossplayern!

Ich habe mir einige Termine notiert, Auftritte von Autoren vor Allem, aber kein wirkliches Konzept, Ich lasse mich treiben.

Als erstes treffe ich zufällig Hardy Ketliz, den ich bei einer Grillparty beim Golkonda Verlag kennengelernt habe und der jetzt für Festa arbeitet. Er ist geeignet eine Haufen Buchhändler zu Teilen der Einrichtung zu degradieren, und so sehr ich es bedaure von seiner Art nicht mehr bei uns zu haben hat er anderseits für die Verlagswelt einen unschätzbarem Wert, seine Begeisterung ist ansteckend – man hat nie des Eindruck er würde hier nur einen Brotjob für die Miete machen, er lebt seinen Job!
Und durch ihn lerne ich Frank Festa kennen, unter all den Schlips-und-Kragen-Verlegern, den Kaufmännern und Erbsenzählern einer jener Idealisten, die immer schon wichtig waren, weil die wahren Impulse, die echte Substanz unserer Branche von ihnen ausgeht. Mag auch ein guter Teil des Verlagsprogramms nicht meinem Geschmack entsprechen so muß doch jeder Verlegern wie Frank Festa seinen Respekt zollen.

Weiter, an Verlagsständen vorbei, bis zur Verlagsentsprechung von Sun Records aus Memphis, dem in Bielefeld heimischen Verlags Pendragon, während der Messe immer wieder einer meiner Anlaufpunkte.
Hier treffe ich nicht nur David Gray alias Ulf Torreck, sondern einen weiteren von mit sehr bewunderten Schriftsteller, Willi Achten, dessen “Nichts Bleibt” zu den Höhepunkten der Thrillerliteratur zählt, weil er alle Genrekonventionen unterläuft und ignoriert und Literatur erschafft, die sich einer eindeutigen Kategorisierung konsequent verweigert.

Am Abend dann eine Buch-Release-Party von Rowohlt. Das Buffet ist sagenhaft…….

Eine neue Nacht und ein nicht erquickender Schlaf. Drei hartgekochte Eier und Kaffee…..

Um auf die Messe zu gelangen müssen wir an Halle 1 vorbei, der Comic.- und Manga-Halle – wo ich nicht sicher bin ob ich die kunstvoll und mit viel liebe zum Detail gefertigten Kostüme bewundern soll oder dem nächstbesten orkigen Troll die Axt entreißen und mein Leben so teuer wie möglich verkaufen soll….
Ich tue so als sei ich als Buchhändler verkleidet, direkt dem Manga “書店” entsprungen…… Und ich komme durch.

Jenny Benkau stellt ihr Buch und ihre Arbeit als Deutschlehrerin im Flüchtlingsheim vor

Weiter in Halle 2, wo Jennifer Benkau ihre Erfahrungen als freiwillige Deutschlehrerin in einem Flüchtlingsheim mit dem Publikum teilt, womit sie unser aller Respekt verdient! Ihre Einblicke aus erster Hand empfinde ich persönlich als ungeheuer bereichernd.

Random House ist heute noch nicht so überlaufen, so bleibt Zeit für ein schönes Gespräch, weiter zu Rowohlt, ein zufälliges Treffen mit meiner ehemaligen und meiner aktuellen Vertreterin. Seit 7 Tagen habe ich nicht mehr gearbeitet, und ich kann kaum der Versuchung widerstehen irgendwas zu bestellen….. Man sollte in diesem Zustand nicht gerade bei Rowohlt stranden!

Zum ersten Mal hörte ich den Begriff “Lieblingsmensch” von Sarah Kuttner, die ihn vermutlich erfunden hat. Ich denke wenn sie die beiden Cass-Verlagslinge kennengelernt hätte würde sie meiner Verwendung dieses Begriffs nicht widersprechen!

Wir trafen und schon letztes Jahr auf der Messe, vorgestellt wurde ich von Günther Butkus, damals noch am Nachbarstand angesiedelt.
Nur etwa fünf Sekunden nach der Vorstellung hatte ich das Gefühl alte Freunde, die ich bisher nicht kannte, getroffen zu haben.

Die Tabledance-Bar in der die Cassverlagsler ihre Lesung abgehalten haben

An diesem Freitagabend bescherten sie uns eine Lesung der besonderen Art! Das Buch “Der Schlüssel” des japanischen Autoren Junichiro Tanizaki, welches aufgrund seines erotischen Inhalts in Japan für eine Skandal sorgte wurde für ihre Ausgabe neu übersetzt, wobei sich Katja Cassing des weiblichen und Jürgen Stalph des männlichen Part annahm.
Ort der Lesung: Das Metropolis, eine Tabledance-Bar am Fuße eines Burgerladens, der Rockabilly in die leipziger Nacht herausbläst.
Ich hatte das Vergnügen schon zahlreiche originelle Lesungen an sehr kreativ ausgewählten Orten erleben zu dürfen, doch diese Lesung muß als Höhepunkt meiner Lesungsbesuchskarriere in zumindest meine Annalen eingehen. Kaum jemals war eine Umgebung passender für eine Lesung.
Leider musste ich nach dem Ende der Lesung aufbrechen, um mir von einem lustlosen italienischen Kellner einen Campari servieren zu lassen…..

Wieder vier hartgekochte Eier……

Am Samstag dann das von mir lang ersehnte Treffen mit Michelle Raven, dem ich sehnsuchtsvoll entgegengeblickt hatte, da mit ihr Roman “Tödliche Verfolgung” seltsamer Weise wirklich gefallen hatte.
Wow! Was für eine Frau! Ich hatte auf einmal das Bedürfnis irgend einem orkischen Elfenmonster das Beil zu entreißen und sie, unter Einsatz meines eigenen Lebens vor allen Gefahren zu beschützen, nur um am Ende des Gemetzels festzustellen, das sie mit Hilfe ihres Degens mein Leben dutzende male gerettet hatte….

In einer Verfilmung ihrer Werke kann sie problemlos jederzeit die Hauptrolle spielen, und auch wenn ich in ihrer Entourage etwas herausstach (Ich war etwa 20 Jahre älter als der Rest und der einzige Mann – was sie allerdings nicht im Mindesten irritierte. Keine Ahnung was sie nach meinen Facebook-Posts erwartete…. Augenscheinlich: Mich….)

Den Rest des Tages ließ ich mich eher treiben, bis zum Stand des Unionsverlages, den ich schon einige Male passiert hatte.
Matthias Gräzer ist ein langjähriger Messerfreund, dh. wir sehen und zweimal im Jahr auf den Buchmessen, und dann ist das halbe Jahr dazwischen quasi nicht mehr existent.

Seit ich vor Jahren einmal eine Reisebuchaktion mit ihm geplant habe ist zumindest ein Besuch am Stand ein fester Bestandteil meiner Messerunden. Gleichzeitig sind die Bücher des Unionsverlags nicht nur eine Bereicherung meiner Lesezeit, sie bereichern auch unsere Buchhandlung in jeder denkbaren Weise.

Abends dann der Pendragon-Krimiabend mit Willi Achten – der “linken Faust des Thrillers” und Gudrun Lerchbaum, der Olivia de Haviland des politischen Thrillers. Sie ist weiß Gott keine Frasu die man je wieder vergisst, sie führt ihren Witz wie D’Artagnan seine Klinge, sie pariert jeden Verbalstoß in ihre Richtung mit einer unnachahmlichen Eloquenz – eine Unterhaltung mit ihr ist eben so vergnüglich wie herausfordernt.

Das Lokal “Kune” ist einer jener Orte der heruntergekommenes Aussehen als Teil des Ambiente begreift und zeigt, das kein Putz an den Wänden auch Gemütlichkeit ausstrahlen kann!

Kennt ihr die III-Musketiere-Verfilmung mit Gene Kelly? Die erste große Fechtszene mit den Kardinalsleuten? So ungefähr fühlt es sich an neben Gudrun Lerchbaum an der Theke zu stehen! (Wobei wir abwechselnd Gene Kelly oder Jackie Chan sind……) Diese Frau ist eine Naturgewalt an Witz und Charme – sie ist eine jener Personen bei denen man schon fünf Minuten nach dem Kennenlernen froh ist, sie getroffen zu haben!

Sonntag Abend. Alles ist vorbei….. Gerade noch habe ich bei Pendragon gestanden, die restlichen Werbe-Giveaways eingesackt….. Für den Laden….

Langsam durchquere ich die Messehallen, einige Stände schon vollständig demontiert….

Eine leise Wehmut steigt in mir auf… Ich gehe weiter und sie tritt mir mit aller Kraft in die Eier…..
Es ist vorbei…….

Ich habe viele alte Freunde getroffen….

Neue Freunde gefunden…..

Tolle Menschen allesamt………. Viel zu kurz war unser Zusammentreffen!

Doch spätestens wenn nächstes Jahr das Scheißwetter vom Frühling in den Arsch getreten wird

Sehen wir und wieder!

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Jim Kelly – Hot Potato

Der Film: Die Tochter eines Senators wird irgendwo in Asien entführt, und eine kleine Truppe unter Führung von “Black Belt” Jones macht sich auf sie zu befreien und alle zu verhauen, die dagegen sind.

In den 60er Jahren wurden in den USA sowohl Blaxploitationfilme sowie Martial-Arts-Filme populär, da war es nur eine Frage der Zeit bis jemand auf die Idee kam beides zu vermischen. Der Sportler Jim Kelly hatte gerade in “Enter the Dragon” gezeigt das er Leuten äußerst wirkungsvoll eine reinhauen konnte und war somit als Hauptdarsteller geradezu prädestiniert.

“Black Belt Jones” war noch ein zwar einfach gestrickter und dennoch recht unterhaltsamer Actionfilm für späte Samstagabende, sein Nachfolger hingegen ist an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten.
Wir sind jetzt im exotischen Asien, wo alles bunt und… naja, exotisch ist und wo böse Obergangster in beeindruckenden Behausungen hausen und auf der anderen Seite niedliche asiatische Kinder hinter dem Dorf ihren Wasserbüffel piesacken. Außerdem gibt es finstere Banditen, die in Bandenformation aus den Büschen springen und -wie all die anderen Finsterlinge die alle Nase lang auftauchen – von Jones und Kumpanen so lange gehauen werden bis sie A) wieder weggehen oder B) ohne Bewusstsein in der Landschaft verbleiben.

Wo wir gerade das Thema Bewusstsein haben: Das fehlte offensichtlich nicht nur den vertrimmten Finsterlingen, sondern auch Drehbuchautor (zumindest wird im Vorspann einer erwähnt – merkt man aber so nix von) und Regisseur, vom Rest der Belegschaft ganz zu schweigen.

Das unabhängige Kino der 70er Jahre hat einige zwar inhaltlich fragwürdige aber dennoch unglaublich unterhaltsame und originelle Filme hervorgebracht – und war darüber hinaus oft richtungsweisend und, was die Entwicklung des Mainstreamfilms angeht, einflussreicher als die Blockbuster der großen Studios. Es waren diese Independent-Produktionen die Grenzen niederrissen und oft auf geradezu anarchistische Art und Weise auf alle Regeln schissen und Unterhaltungskino machten.
Roger Corman ist sicherlich der König des Schundfilmreiches, doch auch viele andere Filmschaffende prägten diese oft sehr spassigen Unterhaltungsfilme denen eines gemeinsam war: Sie waren billig. Viele – nicht alle (!) – sahen auch so aus.

Das Handkanten-Kelly hier nicht wegen seines Schauspieltalents angeheuert wurde muß glaube ich nicht extra erwähnt werden. Und warum die Anderen vor der Kamera rumhängenden Hominiden erwählt wurden diese Zelluloidverschwendung mit Gesichtern und Körpern zu verschandeln wird wohl für immer eines der großen ungelösten Rätsel der Filmgeschichte bleiben – vor allem weil die Antwort sicherlich keine Sau interessiert!

Warum also all das hier? Warum nicht eine Rezension zu einem guten, sehenswerten Film?
Weil er so ein Schundfilm ist! Und zwar von der Sorte die den erstklassigen Schundfilm in Verruf bringt und für lange Zeit diskreditiert.

Und außerdem übt diese Art Film eine seltsame Faszination aus: War den Machern irgendwann klar was sie da tun? Denn für die Existenz von Filmen wie diesem scheint es kaum eine vernünftige Erklärung zu geben.

Und manchmal hat ausgelebte Fassungslosigkeit auch ihren Reiz!

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Louise Welsh – Tamburlaine muss sterben

Immer wieder ist er davongekommen – mit Glück, durch einflussreiche Freunde…
Doch als er nun vor dem Kronrat steht schwand es Christopher Marlowe, dem literarischen Tausendsassa und revolutionären Erneuerer des Theaters, das ihm seine Probleme dieses Mal über den Kopf wachsen könnten. Das Schriftstück – welches eindeutige Anspielungen auf Marlowes Werke, allen voran das umstrittene Stück “Tamburlaine” enthält – wird eindeutig ihm zugeschrieben.
Marlowe hat nur wenig Zeit der Sache auf den Grund zu gehen, und er kann sich nie sicher sein, wem er vertrauen kann.

Es ist meine Aufgabe als Buchhändler die Menschen, die mich im Laden – oder auch sonst – um Rat ersuchen mit guten Büchern zu versorgen, an welchen sie hoffentlich Gefallen finden.Über die Jahre entwickelten sich so gute Bekanntschaften oder gar Freundschaften mit jenen, die einen Buchgeschmack ähnlich dem meinigen haben. In vielen Fällen bleibt das Empfehlen lesenswerter Bücher mitnichten eine einseitige Sache….

So wurde ich auch auf dieses Buch aufmerksam, ein literarisches Kleinod, welches sowohl dem Leser historischer Romane wie dem Freund ausgefallenerer Krimis großes Vergnügen bereiten wird!
Es ist ein schmales Bändchen, kaum über 140 Seiten stark, der Inhalt entfaltet allerdings eine literarische Wucht, die in der heutigen Zeit ihresgleichen kaum zu finden vermag. Ausserdem setzt dieses Buch einem der einflussreichsten Dichter nicht nur seiner Zeit ein würdiges Denkmal.

Die Autorin führt uns hier in ein London jenseits der Paläste und des Adels – es sind dunkle Gassen und verkommene Spelunken, welche sie uns durch Marlowes Augen sehen lässt.
Über der ganzen Geschichte liegt eine bedrohliche Spannung, welche Louise Welch den gesamten Text über beibehält und die den eigentlichen Zusammenhalt der Geschichte darstellt, weniger die Frage nach der Auflösung des Rätsels, wer in der Gestalt des von Marlowe erdachten Tamburlaine hier für sein Verderben sorgen will.
Der gehetzte Dichter kann niemandem mehr vertrauen, denn auch der beste Freund wird auf der Folter irgendwann Verrat üben. Der Kronrat, immer darauf bedacht die eigene Macht und den Einfluss, der diesem Amt innewohnt zu erhalten, ist bereit alles zu tun dieses nicht zu gefährden. Die Verkommenheit der verrufenen Gassen durch welche sich Marlowe schlängelt setzt sich bis in die höchsten Kreise fort. Welch setzt hier die adligen Mitglieder des Rates der Bevölkerung von Londons Gosse irgendwie gleich: Beide versuchen zu sichern was sie haben und Reichtum und Einfluss wenn nicht zu vermehren beides doch zumindest zu erlangen.

Geschrieben in einer durchaus kunstvoll zu nennenden Sprache verleiht die Autorin Marlowes Erzählung durch die immer wiederkehrende Verwendung von Fäkalausdrücken eine große Authentizität – jenseits des Theatertextes ist das, was die Menschen sprechen ebenso profan wie heute auch immer noch.

Louise Welsh hat hier ein kleines großes Werk geschaffen, welches hoffentlich – durch eine längst fällige Taschenbuchausgabe womöglich – nicht, wie so viele Bücher, die besseres verdient hätten, der Vergessenheit anheim fällt.

Die in London geborene Louise Welsh studierte Geschichte und arbeitete lange in einem Antiquariat, bevor sie nach Abschluss eines “Creative Writing”-Studiums mit dem Schreiben begann.

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Garry Disher – Bitter Wash Road

Vor allem wegen seiner umstrittenen Rolle in einem Korruptionsskandal innerhalb der Polizei wird Constable Paul Hirschhausen – kurz Hirsch genannt – ins Nirgendwo der Australischen Provinz verbannt. Dort ist er nicht nur “Der Neue” in einer stetig gewachsenen Gesellschaft, welche schon seit Generationen verbunden ist, er gilt auch als Verräter, als “Ratte”.

Als ein junges Mädchen an einer einsamen Landstraße tot aufgefunden wird soll Hirsch den scheinbar klaren Fall – ein Unfall mit Fahrerflucht – untersuchen. Seine Versuche einige Ungereimtheiten zu klären werden von seinem Vorgesetzten abgewiegelt, und auch die von ihm befragten Zeugen scheinen einiges zu verbergen. Dann gibt es einen weiteren Todesfall, und wieder scheint der Tathergang keine Fragen offen zu lassen. Doch gegen alle Widerstände ermittelt Hirsch weiter, und er findet heraus, das in dieser Gegend nicht nur Straßen, sondern ganze Ortschaften aus Dreck gebaut sind….

Garry Disher wartet hierzulande noch auf seinen großen Durchbruch, der ihm mit diesem Werk durchaus gelingen könnte, zeigt dieses nicht nur einen großartigen Schriftsteller in der Nähe eines James Lee Burke, sondern gleichzeitig als kongenialen Chronisten des Australischen Hinterlandes.

Nun, Kleinstädte unter deren Oberfläche sich viele Schichten Schmutzes finden lassen gab es unzählige in der Kriminalliteratur, von Thompsons “180 Schwarze Seelen” über einige Werke Daniel Woodrells, William Days und Joe Lansdale – um nur diejenigen zu nennen deren Werke ich hier in meinem unmittelbaren Blickfeld habe.

Was Dishers Roman von vielen der oben genannten unterscheidet ist die Tatsache, das er – ähnlich dem ober erwähnten Burke – die Krimihandlung als Teil der Gesamtgeschichte der Gegend behandelt und sich nicht allein auf die Auflösung konzentriert.
Er verwendet viel Zeit und viele Seiten darauf zum Beispiel die Personen und ihre Verbindung untereinander und dem Land, das sie bewohnen zu schildern, so das wir als Leser ein recht genaues und umfassendes Bild des Hintergrunds der Geschichte erhalten.

Auch muß Hirsch neben seinen Ermittlungen noch die üblichen Arbeiten eines Constable verrichten, er muß verschwundene Schafe und gestohlene Rasenmäher suchen, eine Sportveranstaltung schützen und so weiter. Der eigentliche Kriminalfall ist hier nur Teil seiner Polizeiarbeit, auch wenn er die verschiedenen Spuren gegen den Willen seines Vorgesetzten – und eines Teiles der Bevölkerung – verfolgt.

Aufgrund seiner Rolle bei der Aufklärung eines Korruptionsfalles gilt Hirsch nicht nur bei seinen Kollegen als Verräter und Nestbeschmutzer, auch aus der Bevölkerung schlägt ihm unverhohlenes Mißtrauen und Ablehnung entgegen. Er erträgt dieses mit stoischem Gleichmut.
Er ist nicht etwa abgestumpft oder gleichgültig, er hat einfach – wie einige seiner Literarischen Brüder und Schwestern – einen moralischen Kompass, dessen Richtungsanzeige ihm wichtiger ist als die Strömung des ihn umgebenden Wassers.

Dabei macht ihn Disher nie zum oberschlauen Superhelden, Hirsch ist einfach ein guter Polizist, der seine Arbeit tut. Dabei haben seine vergangenen Erfahrungen sicherlich zu seiner defensiven Trotzhaltung gegenüber seinem Vorgesetzten und seinen Kollegen geführt.

Natürlich kann man Disher hier vorwerfen an der Landbevölkerung kein gutes Haar zu lassen. Allesamt sind sie entweder verkommene Perverslinge, tumbe Schläger oder einfach zu blöd, vor dem Pinkeln die Hose zu öffnen. Auch die Tatsache das der Handlungshintergrund – oben sprach ich dieses bereits an – nun wirklich alles andere als neu ist mag man ihm negativ ankreiden.

Auch wenn diese Vorwürfe sicherlich nicht ganz unberechtigt sind muß man jedoch folgendes bedenken:

Dieser Hintergrund – wie der gesamte Roman – funktioniert einfach. In den Händen eines minderen Autoren würden diese Vorwürfe sicherlich zutreffen, ein Schriftsteller wie Disher allerdings entkommt diesen Klischees durch die hohe Qualität seiner Arbeit. Und durch die Tatsache das er auch Nebenfiguren durchaus differenziert darstellt entgeht er auch dem Vorwurf, eine Gruppe von Menschen durch eine nicht zulässige Verallgemeinerung zu diffamieren.

Der australische Schriftsteller Garry Disher wurde vor allem durch seine Kriminalromane bekannt, neben seinen Thrillern um den Berufsverbrecher Wyatt (Ein “Verwandter” von Richard Starks “Parker) ist es vor allem Detective Inspector Hal Challis, der Dishers Ruhm begründet. Er schrieb des weiteren Sachbücher zur Geschichte Australiens, sowie einen Schreibratgeber und Kinderbücher. Garry Disher wurde für sein Werk mehrfach mit namhaften Preisen ausgezeichnet.

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