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Staccato – Fegefeuer in Ingolstadt in den Kammerspielen

Fegefeuer in Ingolstadt Diese Inszenierung gleicht mehr einer Installation, einer Versuchsanordnung, als einer herkömmlichen Adaption. Diese schied bereits bei der Premiere massiv die Geister.
Regisseurin Susanne Kennedy ließ den gekürzten Fleißertext im Studio aufnehmen und spielt ihn nun playback zu den lippensynchron agierenden Darstellern ein. Der Clou dahinter sei, die verschiedenen und gestörten Ebenen einer Sprache, die der Figur nicht mehr gehört – wie eigentlich im postdramatischen Theater üblich – aufzudecken. Welch technischer Aufwand und Arbeit für die Darsteller bei dieser Inszenierungsart erforderlich ist, macht den Effekt fraglich. Ironischerweise werden so die hervorragend sprechenden Kammerspielleute eingespielt, was man sich an so manchem anderen Münchner Haus zur Verständlichkeit wünschen würde.
Kennedy reißt Fleißers Text in Fetzen und lässt diese kurz aufflimmern. Zwischen unendlichen und bisweilen nervenden Lichtblitzen und Sauggeräuschen werden Texte, teils bis zur Belastungsgrenze, wiederholt, überhöht oder heruntergenudelt. Staccatohaft, knapp, verdichtet. Oft nur eine Geste, eine Satz, ein Szenenfragment, das uns die kurz aufgehellte Bühne mit dem grandiosen Licht von Jürgen Kolb erlaubt zu beobachten. Die Figuren agieren statisch, minimal, entrückt und mit einer Nonchalance und Emotionslosigkeit eingesprochen, die einen gewissen Sog entwickelt und die Szenerie noch irrealer erscheinen lässt. Ufos über Ingolstadt. So wirken auch die verbliebenen Figuren, die nicht der Kürzung zum Opfer fielen. Dank der gewitzten Kostüme von Lotte Goos stehen Popper, Zombies, Püppchen und blutleere Barbies in diesem tristen Puppenhauszimmer von Lena Müller, dessen Kruzifixmetronom samt der Wand unheilvoll vibriert.
Fegefeuer in Ingolstadt Einzelleistungen aus dieser Konzeptproduktion herauszustellen, wird aufgrund des inszenatorischen Korsetts schwierig. Allein die Bereitschaft sich der Idee auszuliefern, kann vielleicht in verschiedenen Frequenzen erkannt werden. Christian Löbers Roelle, eine Mischung aus Travestie, Avatar und Psycho, nutzt seine Präsenz und wird zu recht als Mittelpunkt des Hasses der Kleinstadt prominent ausinszeniert. Er würgt seine Sätze ebenso souverän aus seinem Inneren heraus, wie er fiese kleine Gedanken hauchen kann. Çigdem Teke kann trotz pulsierendem Babybauch, dem Konzept geschuldet, weniger zeigen, als die dämonische Anna Maria Sturm die überartikulierend ein klasse Biest aus dem Tim-Burton-Universum gibt. Kongenial Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper als ätherisches Bullyduo aus der Popperhölle. Heidy Forster als Suppe kleckernde Mutter gehören trotz der wenigen Chancen starke Momente im Zusammenspiel mit ihrem Roelle. Kristof Van Booven ersetzt gerade in dieser tontechnisch anspruchsvollen Angelegenheit den Vater beachtlich. Alle zeigen sie ihr Können in den engen Schranken, die ihnen Kennedys Traum lässt.
Am Ende offene Empörung aus dem Publikum über die gebetsmühlenartige, redundante Rosenkranzszenerie, die den Anspruch des Abends inhaltlich komprimiert und zum Ende pointiert: Ins Leere gesprochene Hülsen von unglücklichen Ingolstädter Wiedergängern breiten sich im Lamento über ihre eigene Existenz über den Zuschauerraum aus. Ein starkes Konzept mit schlüssiger Interpretation in einer fragwürdigen Bühnenwirksamkeit.

Besucht wurde die Vorstellung am 22.01.2014

Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Müller, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Jeroen Versteele, Ton: Katharina Widmaier-Zorn, Martin Sraier-Krügermann, Videogestaltung: Ikenna Okegwo
Mit: Marc Benjamin, Heidy Forster, Kristof Van Booven, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Edmund Telgenkämper

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