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Bericht von der Leipziger Buchmesse 2017

Ein schönes Motto

Ich erreichte mein Hotel am späten Nachmittag, bezog mein Zimmer, warf allen überflüssigen Ballast ab und bergab mich zurück in die Stadt, die in den nächsten paar Tagen für alle Arten von Literaten zur ganzen Welt werden sollte.

Ein Ort, wie geschaffen für eine Kriminacht, wo heruntergekommen aussehen zum Stilmittel erhoben wurde, ein Platz zum Wohlfühlen und ein weiteres Bier bestellend den Abend um weitere mit anregenden Gesprächen gefüllten Minuten und Stunden zu verlängern.
Das ist für mich die Essenz der Buchmesse! Das gemütliche Zusammensitzen mit Autoren, Verlegern und all den anderen, die ihren Anteil am Buchmarkt haben, die meinen Job erst möglich machen, die ihn auch nach mehr als 20 Jahren noch aufregend und interessant gestalten.

Taxifahrt ins Hotel, die erste von mehreren kurzen Nächten. Zum Frühstück esse ich vier hartgekochte Eier.

Tag 1 der Messe. Sieht aus wie immer.

Das Jenseits ist in praktisch allen Religionen ein Idealbild der Lebenswirklichkeit des gläubigen Volkes. Die Indianer idealisierten ihre “Ewigen Jagdgründe”, ohne Weiße und mit vielen Büffeln, und so scheint es mir nur konsequent zu sein meine Idealvorstellung des Paradieses meiner Lebenswirklichkeit anzupassen.
Eine Buchmesse, ähnlich jener, welche mich die nächsten Tage in ihren Bann schlagen wird, nur mit weniger Dummdödeln mit Trolli, aber der gleichen Anzahl an Crossplayern!

Ich habe mir einige Termine notiert, Auftritte von Autoren vor Allem, aber kein wirkliches Konzept, Ich lasse mich treiben.

Als erstes treffe ich zufällig Hardy Ketliz, den ich bei einer Grillparty beim Golkonda Verlag kennengelernt habe und der jetzt für Festa arbeitet. Er ist geeignet eine Haufen Buchhändler zu Teilen der Einrichtung zu degradieren, und so sehr ich es bedaure von seiner Art nicht mehr bei uns zu haben hat er anderseits für die Verlagswelt einen unschätzbarem Wert, seine Begeisterung ist ansteckend – man hat nie des Eindruck er würde hier nur einen Brotjob für die Miete machen, er lebt seinen Job!
Und durch ihn lerne ich Frank Festa kennen, unter all den Schlips-und-Kragen-Verlegern, den Kaufmännern und Erbsenzählern einer jener Idealisten, die immer schon wichtig waren, weil die wahren Impulse, die echte Substanz unserer Branche von ihnen ausgeht. Mag auch ein guter Teil des Verlagsprogramms nicht meinem Geschmack entsprechen so muß doch jeder Verlegern wie Frank Festa seinen Respekt zollen.

Weiter, an Verlagsständen vorbei, bis zur Verlagsentsprechung von Sun Records aus Memphis, dem in Bielefeld heimischen Verlags Pendragon, während der Messe immer wieder einer meiner Anlaufpunkte.
Hier treffe ich nicht nur David Gray alias Ulf Torreck, sondern einen weiteren von mit sehr bewunderten Schriftsteller, Willi Achten, dessen “Nichts Bleibt” zu den Höhepunkten der Thrillerliteratur zählt, weil er alle Genrekonventionen unterläuft und ignoriert und Literatur erschafft, die sich einer eindeutigen Kategorisierung konsequent verweigert.

Am Abend dann eine Buch-Release-Party von Rowohlt. Das Buffet ist sagenhaft…….

Eine neue Nacht und ein nicht erquickender Schlaf. Drei hartgekochte Eier und Kaffee…..

Um auf die Messe zu gelangen müssen wir an Halle 1 vorbei, der Comic.- und Manga-Halle – wo ich nicht sicher bin ob ich die kunstvoll und mit viel liebe zum Detail gefertigten Kostüme bewundern soll oder dem nächstbesten orkigen Troll die Axt entreißen und mein Leben so teuer wie möglich verkaufen soll….
Ich tue so als sei ich als Buchhändler verkleidet, direkt dem Manga “書店” entsprungen…… Und ich komme durch.

Jenny Benkau stellt ihr Buch und ihre Arbeit als Deutschlehrerin im Flüchtlingsheim vor

Weiter in Halle 2, wo Jennifer Benkau ihre Erfahrungen als freiwillige Deutschlehrerin in einem Flüchtlingsheim mit dem Publikum teilt, womit sie unser aller Respekt verdient! Ihre Einblicke aus erster Hand empfinde ich persönlich als ungeheuer bereichernd.

Random House ist heute noch nicht so überlaufen, so bleibt Zeit für ein schönes Gespräch, weiter zu Rowohlt, ein zufälliges Treffen mit meiner ehemaligen und meiner aktuellen Vertreterin. Seit 7 Tagen habe ich nicht mehr gearbeitet, und ich kann kaum der Versuchung widerstehen irgendwas zu bestellen….. Man sollte in diesem Zustand nicht gerade bei Rowohlt stranden!

Zum ersten Mal hörte ich den Begriff “Lieblingsmensch” von Sarah Kuttner, die ihn vermutlich erfunden hat. Ich denke wenn sie die beiden Cass-Verlagslinge kennengelernt hätte würde sie meiner Verwendung dieses Begriffs nicht widersprechen!

Wir trafen und schon letztes Jahr auf der Messe, vorgestellt wurde ich von Günther Butkus, damals noch am Nachbarstand angesiedelt.
Nur etwa fünf Sekunden nach der Vorstellung hatte ich das Gefühl alte Freunde, die ich bisher nicht kannte, getroffen zu haben.

Die Tabledance-Bar in der die Cassverlagsler ihre Lesung abgehalten haben

An diesem Freitagabend bescherten sie uns eine Lesung der besonderen Art! Das Buch “Der Schlüssel” des japanischen Autoren Junichiro Tanizaki, welches aufgrund seines erotischen Inhalts in Japan für eine Skandal sorgte wurde für ihre Ausgabe neu übersetzt, wobei sich Katja Cassing des weiblichen und Jürgen Stalph des männlichen Part annahm.
Ort der Lesung: Das Metropolis, eine Tabledance-Bar am Fuße eines Burgerladens, der Rockabilly in die leipziger Nacht herausbläst.
Ich hatte das Vergnügen schon zahlreiche originelle Lesungen an sehr kreativ ausgewählten Orten erleben zu dürfen, doch diese Lesung muß als Höhepunkt meiner Lesungsbesuchskarriere in zumindest meine Annalen eingehen. Kaum jemals war eine Umgebung passender für eine Lesung.
Leider musste ich nach dem Ende der Lesung aufbrechen, um mir von einem lustlosen italienischen Kellner einen Campari servieren zu lassen…..

Wieder vier hartgekochte Eier……

Am Samstag dann das von mir lang ersehnte Treffen mit Michelle Raven, dem ich sehnsuchtsvoll entgegengeblickt hatte, da mit ihr Roman “Tödliche Verfolgung” seltsamer Weise wirklich gefallen hatte.
Wow! Was für eine Frau! Ich hatte auf einmal das Bedürfnis irgend einem orkischen Elfenmonster das Beil zu entreißen und sie, unter Einsatz meines eigenen Lebens vor allen Gefahren zu beschützen, nur um am Ende des Gemetzels festzustellen, das sie mit Hilfe ihres Degens mein Leben dutzende male gerettet hatte….

In einer Verfilmung ihrer Werke kann sie problemlos jederzeit die Hauptrolle spielen, und auch wenn ich in ihrer Entourage etwas herausstach (Ich war etwa 20 Jahre älter als der Rest und der einzige Mann – was sie allerdings nicht im Mindesten irritierte. Keine Ahnung was sie nach meinen Facebook-Posts erwartete…. Augenscheinlich: Mich….)

Den Rest des Tages ließ ich mich eher treiben, bis zum Stand des Unionsverlages, den ich schon einige Male passiert hatte.
Matthias Gräzer ist ein langjähriger Messerfreund, dh. wir sehen und zweimal im Jahr auf den Buchmessen, und dann ist das halbe Jahr dazwischen quasi nicht mehr existent.

Seit ich vor Jahren einmal eine Reisebuchaktion mit ihm geplant habe ist zumindest ein Besuch am Stand ein fester Bestandteil meiner Messerunden. Gleichzeitig sind die Bücher des Unionsverlags nicht nur eine Bereicherung meiner Lesezeit, sie bereichern auch unsere Buchhandlung in jeder denkbaren Weise.

Abends dann der Pendragon-Krimiabend mit Willi Achten – der “linken Faust des Thrillers” und Gudrun Lerchbaum, der Olivia de Haviland des politischen Thrillers. Sie ist weiß Gott keine Frasu die man je wieder vergisst, sie führt ihren Witz wie D’Artagnan seine Klinge, sie pariert jeden Verbalstoß in ihre Richtung mit einer unnachahmlichen Eloquenz – eine Unterhaltung mit ihr ist eben so vergnüglich wie herausfordernt.

Das Lokal “Kune” ist einer jener Orte der heruntergekommenes Aussehen als Teil des Ambiente begreift und zeigt, das kein Putz an den Wänden auch Gemütlichkeit ausstrahlen kann!

Kennt ihr die III-Musketiere-Verfilmung mit Gene Kelly? Die erste große Fechtszene mit den Kardinalsleuten? So ungefähr fühlt es sich an neben Gudrun Lerchbaum an der Theke zu stehen! (Wobei wir abwechselnd Gene Kelly oder Jackie Chan sind……) Diese Frau ist eine Naturgewalt an Witz und Charme – sie ist eine jener Personen bei denen man schon fünf Minuten nach dem Kennenlernen froh ist, sie getroffen zu haben!

Sonntag Abend. Alles ist vorbei….. Gerade noch habe ich bei Pendragon gestanden, die restlichen Werbe-Giveaways eingesackt….. Für den Laden….

Langsam durchquere ich die Messehallen, einige Stände schon vollständig demontiert….

Eine leise Wehmut steigt in mir auf… Ich gehe weiter und sie tritt mir mit aller Kraft in die Eier…..
Es ist vorbei…….

Ich habe viele alte Freunde getroffen….

Neue Freunde gefunden…..

Tolle Menschen allesamt………. Viel zu kurz war unser Zusammentreffen!

Doch spätestens wenn nächstes Jahr das Scheißwetter vom Frühling in den Arsch getreten wird

Sehen wir und wieder!

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Lesung Anna Kim aus Die große Heimkehr, 23.03.2017, ARD-Forum Leipziger Buchmess

Anna Kims neuster Roman führt nach Korea und Japan, in die 1960er Jahre. Sie selbst ist Österreicherin. „Die Große Heimkehr“ ist ihr erstes Buch, das in Korea spielt. In ihren anderen drei Büchern habe sie sich auch immer mit der Beziehung zwischen Individuum und Politik beschäftigt. Korea in jener Zeit sei dafür der ideale Ort, weil dort viel Weltpolitik zusammengelaufen sei.

Ihre Mutter wurde 1942 in Korea geboren, die ersten Jahre noch unter japanischer Besatzung und von ihr habe sie viel über den Krieg (1950-1953) und die Flüchtlingspolitik gehört.

Vorbild für die Hauptfigur Yunho sei ihr Onkel aus Korea gewesen. Er sei schon sehr alt und habe ihr sehr viel über koreanische Geschichte erzählt, habe viel persönlich miterlebt. Für die Recherche sei sie drei Monate nach Südkorea gereist und er habe die fast täglichen Treffen genossen.

Kern des Romans sei eine Geschichte über Freundschaft. Hanna, eine junge Frau koreanischer Abstammung, die früh in Deutschland adoptiert wurde, will in Korea ihre leibliche Mutter finden. Zufällig lernt sie Yunho kennen, der sie darum bittet, einen Brief aus den USA zu übersetzen. Dann wurde ein Abschnitt vom Anfang des Romans gelesen.

In diesem Roman spiele Musik eine größere Rolle und sie liebe die Stimme und Lieder von Billie Holiday, in denen es um melancholische Themen ginge, oft um enttäuschte Liebe. Das sei ihre Inspiration für den Ton des Romans gewesen. Eine gewisse Alltagssprache, die Freiheiten bei der Interpretation lasse. Die Geschichte des Romans sei auch keine freudige, daher passe eine melancholische Stimmung.

Es sei ihr wichtig gewesen, eine Erzählebene in der Gegenwart zu haben, nicht nur das große Historiendrama in den 1950er/60er Jahren. Sie wollte nicht die Illusion erzeugen, man sei in einer anderen Zeit. Das käme ihr wie eine Lüge vor. Auch wenn es in dem Buch um Lügen und Propaganda ginge, sei die Gegenwartsebene eine gute Technik gewesen, diese Illusion zu durchbrechen.

Ein wichtiger Punkt sei der Begriff „Heimat“, der auch heute wieder stark politisiert wurde. Damals habe man anders über die Begriffe Heimat und Identität gedacht. Nationalstaaten und Sprache würden sich verändern, auch wenn man sich im Ausland unverändert als Koreaner fühle.

Zuhörer musste eine Figur sein, die von außen kommt, Hanna. Diese ausländische Perspektive sei für Yunho befreiend, denn so wurde er beim Erzählen nicht in ein bestimmtes Korsett gepresst. Einer Südkoreanerin hätte er die Geschichte nicht so erzählen können, ohne in einer bestimmten Schublade zu landen. Bis heute sei der Kommunismusvorwurf in Südkorea virulent und habe einen k.o.-Effekt. Es sei erschreckend, welche Auswirkungen dieser Vorwurf noch heute habe, zumal man das Gegenteil nicht beweisen könne.

Bewusst wählte sie keine allwissende Perspektive, sondern wollte die begrenzten Erfahrungen einer Figur zeigen, basierend auf den eigenen Erlebnissen. Damit wollte sie die Objektivität von Geschichte dekonstruieren, indem sie einen subjektiven Erzähler gegenüberstellte. Geschichtsschreibung sei immer wieder ein Streitobjekt. Das Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität fasziniere sie.

Eine weitere Figur namens Johnny kommt von Land und trifft seinen Freund Yunho in Seoul wieder, wo die amerikanische Lebensart sehr präsent ist. Inzwischen hat Johnny eine Freundin, die sich Eve nennt und einen Hang zum westlichen Lebensstil hat. Eve habe eine wandelbare Identität und erfinde sich immer wieder neu, instrumentalisiere Identität gezielt um etwas zu bekommen, so wie es in der Politik üblich sei. Mit der Rolle, die Frauen damals üblicherweise in Asien zugewiesen wurde, gebe sie sich nicht zufrieden. Ganz im Gegenteil sei sie eher ein Machtmensch. Johnny sei die schwächste Figur, schaue gerne westliche Filme und sei derjenige, der am meisten um das Überleben kämpfe. Yunho versuche unpolitisch zu bleiben und sei eigentlich ein Romantiker. Er lese gerne, wolle mit seiner Freundin ein gutes Leben haben, werde jedoch aufgrund seiner Herkunft immer wieder in die Rolle des Arbeiters geschoben und solle sich für deren Rechte einsetzen.

Viele hätten damals die Fronten gewechselt, auch mehrmals. Soldaten aus den USA, Koreaner aus Nord und Süd. Das wirke unübersichtlich, aber damals sei sehr viel in Bewegung gewesen. Wichtiger als die eigene Überzeugung war das Überleben. Individuen konnten meist nur reagieren, kaum selbst agieren. Es war die Zeit vieler Kriegskrüppel und Südkorea sei sehr arm gewesen, die Industrieanlagen befanden sich im Norden.

Korea war damals japanische Kolonie und deshalb lebten viele Koreaner in Japan. Im Rahmen der Aktion namens „Die große Heimkehr“, sollten möglichst viele Koreaner nach Nordkorea repatriiert werden. Viele dieser Menschen stammten jedoch auch Südkorea. Sie habe zufällig ein spannendes Sachbuch über jene Zeit gelesen und sei sogar nach Genf zum Roten Kreuz gereist, wo sie in den Archiven lesen durfte.

Die Zeit der großen Heimkehr habe sie nicht selbst miterlebt, die Beschreibungen der Orte stammen von ihrer Mutter. Sie selbst wurde 1977 noch dort geboren und wanderte 1979 mit ihren Eltern aus, zuerst nach Deutschland, dann nach Wien. Der Zeitpunkt sei sicher kein Zufall gewesen. Ihre Eltern hätten die Diktatur unter Pak selbst miterlebt, wie hart besonders gegen Studenten und Katholiken vorgegangen wurde. Es sei ein bewusstes Auswandern, keine Flucht gewesen. Paks Tochter wollte gegen Ende ihrer Amtszeit die Geschichtsbücher umschreiben lassen, damit ihr Vater nicht mehr als Diktator dargestellt werden soll.

Eine wichtige Rolle spielt die Nordwest-Jugend. Die Wurzeln der paramilitärischen Organisation lägen in Nordkorea. Es seien gezielt arbeitslose junge Menschen eingesammelt worden, die vor dem nordkoreanischen Regime nach Südkorea flohen. Die Nordwestjugend habe den Kommunismus gehasst und sei von Präsident Pak gezielt eingesetzt worden, um seine Macht zu festigen. Die Idee habe er von Chiang Kai Shek, Mao, Hitler und der Sowjetunion gehabt.

Viele Koreaner seien damals nach Osaka geflohen und sollten Position beziehen. Interessanterweise entschieden sich viele für den Norden, aufgrund der vielen Versprechungen über ein gutes Leben und Bildung.

Früher habe es sie aufgeregt, wenn sie für eine Chinesin oder Japanerin gehalten wurde, obwohl sie akzentfrei Deutsch spricht. Heute finde sie es spannend, wie die Optik die Identität definiere, was die Außenwahrnehmung und die eigene Wahrnehmung bestimme, sowie in welche Auswirkungen dieses Definiert-Werden auf einen selbst habe, je nach dem wo man sich gerade befinde.

Heimat sei immer wieder Thema in ihren Büchern. Ein stark politischer Begriff, der verwendet werde, um zu manipulieren. Es habe sie interessiert, wie die Politik mit den Emotionen spiele, die am Begriff Heimat haften und politische Versprechen an sentimentale Gefühle hefte.

Viel zu schnell war die interessante Veranstaltung vorbei, die einige Wissenslücken bei mir füllte und mich noch neugieriger auf das Buch machte.

P.S. Aufmerksam wurde ich zufällig durch zwei Lesungen von Anna Kim aus ihrem Buch beim Deutschlandradio, die mich sowohl sprachlich auch inhaltlich neugierig gemacht hatten.

Teil 1
https://www.phonostar.de/radio/anna-kim-…4160/2017-02-15

Teil 2
https://www.phonostar.de/radio/deutschla…/lesezeit/s/189

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Cao Wenxuan – Bronze und Sonnenblume

242 Seiten (ohne Bilder)

Zum Autor (Vom Verlag)
Cao Wenxuan wurde 1954 in einem kleinen Dorf in Yancheng in der Provinz Jiangsu als Sohn eines Grundschuldirektors geboren. Seit 1974 studierte er an der Universität Beijing Philosophie, Ästhetik, Literaturtheorie und Kinderpsychologie. Damit legte er auch den Grundstein für seine späteren Jugendromane. Heute ist Cao Wenxuan an der Universität Beijing als Professor für Chinesische Literatur und Kinderliteratur tätig.
Cao hat bereits mehr als 50 Romane und Erzählungen verfasst und zählt heute zu den herausragendsten Schriftstellern der chinesischen Gegenwartsliteratur. Seine Bücher werden an Schulen als Pflichtlektüre eingesetzt, viele von ihnen gelten bereits als Klassiker.
Cao Wenxuan hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den British Pen Award und im Jahr 2016 als erster chinesischer Autor, den renommierten Hans-Christian-Andersen-Preis.

Zum Inhalt (Vom Verlag)
Das siebenjährige Mädchen Sonnenblume wird während der Kulturrevolution mit ihrem Vater aufs Land verschickt. Ihr Vater, ein Künstler, soll dort in der Kaderschule Siebter Mai im sozialistischen Sinne umerzogen werden. Durch einen tragischen Unfall kommt er plötzlich ums Leben. Sonnenblume wird von der ärmsten Familie des Dorfes aufgenommen. In ihrem taubstummen Ziehbruder Bronze findet sie einen Freund.

Meine Meinung

„Friedlich floss der Fluss durch die Nacht. Der Mond hing am Himmel und das Wasser glitzerte, als wäre es mit Silbersplittern übersät. Die Lichter der Laternen auf den Fischerbooten, die auf dem Fluss vor Anker lagen, schaukelten hin und her. Wenn man lange auf die Laternen blickte, bekam das Gefühl, dass es nicht diese Lichter waren, die schaukelten, sondern Himmel und Erde, Schilf und Fluss. Der Sommer in Gerstenfeld war voller Magie.“ (S. 31)

Durch Zufall entdeckte ich letztes Jahr beim Drachenhaus-Verlag in Leipzig das Buch „Bronze und Sonnenblume“ von Cao Wenxuan, das in China in vielen Schulen Pflichtlektüre ist.

Der in seiner Heimat sehr bekannte Cao Wenxuan erzählt die Geschichte der beiden Kinder Bronze und Sonnenblume. Schauplatz ist ein Dorf namens Gerstenfeld, irgendwo auf dem Land während der so genannten Kulturrevolution (1966-1976) und die auf der anderen Seite des Flusses neu errichtete Kaderschule. Der Vater von Sonnenblume ist Künstler und wird mit seiner siebenjährigen Tochter Sonnenblume zur Umerziehung aufs Land geschickt. Beide genießen die Natur in ihrer neuen Umgebung, einer Sumpflandschaft. Tagsüber ist Sonnenblume anfangs einsam, in der Kaderschule sind keine anderen Kinder. In Gerstenfeld wohnt der etwas ältere Bronze mit seiner bitterarmen Familie in einer kleinen Hütte, seit einem großen Feuer ist er stumm. Zwischen den beiden Kindern entsteht eine besondere Freundschaft und nachdem Sonnenblumes Vater bei einem Unfall stirbt, wird sie als Tochter in Bronzes Familie aufgenommen.

Ihre neue Familie liebt das kleine Mädchen sehr und opfert viel, um ihr den Besuch der Dorfschule zu ermöglichen. Sonnenblume fühlt sich geborgen und bemüht sich durch Hilfe im Haushalt und gute Leistungen in der Schule, den Eltern und der Großmutter Freude zu bereiten. Zwischen Sonnenblume und Bronze braucht es keine Worte, er beschützt sie und sie versucht, ihm zu helfen, wo sie nur kann. Das Leben in Gerstenfeld ist hart, doch die Familie hält immer zusammen. Ganz in konfuzianischer Tradition opfern sich die Eltern für ihre Kinder auf und auch die Kinder übernehmen früh Verantwortung, auch wenn sie nach Möglichkeit geschont werden sollen.

In poetischer Sprache und gemächlichem Tempo erzählt Cao Wenxuan meist durch die Augen der Kinder vom Alltag in jener Zeit, von den schönen und schrecklichen Ereignissen. Er ließ beeindruckende Bilder in meinem Kopf entstehen. Seine jungen Leser werden nicht geschont. Kinder sollten früh lernen, dass Leid genauso zum Leben gehört wie Vergnügen. Jugendliteratur solle nicht nur vergnügliche Inhalte transportieren und es sei falsch, Kindern nur Vergnügungsparadiese schaffen

Die Übersetzung von Nora Frisch ist einerseits sehr dicht am chinesischen Original, Maßeinheiten werden mit den chinesischen Begriffen genannt und in einem Glossar erklärt, genau wie z.B. Kaderschule, Drachenbootfest und einige der kaiserlichen Dynastien. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Namen der Personen und Orte ins Deutsche übersetzt wurden, wodurch die besondere Atmosphäre verstärkt wird. Die Kapitelüberschriften bestehen aus dem deutschen Titel und den Schriftzeichen des chinesischen Originaltitels.

Im Nachwort prangert Cao Wenxuan die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen an: „In unserer hedonistisch geprägten Gegenwart hinterlässt Bronze und Sonnenblume zweifelsohne einen ganz besonderen Nachgeschmack.“ In China hat das noch eine ganz andere Bedeutung, denn als das Buch erschien, galt dort noch die Ein-Kind-Politik, doch auch hier ist seine Intention nicht abwegig.

Fazit
Ein beeindruckendes Buch in genauso beeindruckender Übersetzung, dem ich auch hier viele Leser wünsche. Es zeigt die schönen und unschönen Seiten des Landlebens in jener Zeit in poetischer Sprache, sowie den besonderen Zusammenhalt der Familie und in Notzeiten auch den der Dorfgemeinschaft. Für die jüngere Zielgruppe wäre eine kurze Einführung in die Kulturrevolution schön gewesen.

P.S. Mit einer Altersempfehlung tue ich mich schwer. Die beiden Hauptfiguren sind im Grundschulalter, andererseits sind es 242 Seiten ohne Bilder, in anspruchsvoller Sprache und praktisch ohne Erklärung zum geschichtlichen Hintergrund.

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Lesung Sascha Hommer, 25.03.2017, Konfuziusinstitut Leipzig

Sascha Hommer ging 2011 für einige Monate nach Chengdu. Dort lebten Freunde von ihm, die er schon 2006 besucht hatte. Diesmal war sein Ziel, eine Graphic Novel über sein Leben dort zu entstehen zu lassen. Der Blick des Westens auf diese Stadt aus der Perspektive eines Ausländers, der kein Chinesisch versteht.

Dann folgte eine längere Präsentation einiger Abschnitte aus “In China”, untermalt mit Musik und zu den Bilder passenden Geräuschen (Verkehr usw.). Sascha Hommer las dazu mit sehr sachlicher Stimme die deutschen Texte.

Die Figuren haben ausdruckslose Gesichtsmasken, er selbst trägt anfangs eine Katzenmaske, später wechselt er zu einer Maske der Sichuan-Oper. Seine Freunde, ein Deutscher und dessen chinesische Freundin tragen andere Masken, die ebenfalls nie ihren Gesichtsausdruck verändern und keiner speziellen Kultur zugeordnet werden können. Die Umschrift der chinesischen Zeichen ist mal im aktuellen Pinyin, mal in einer älteren Version. Der Hintergrund bleibt eher vage, schwarz-weiß und mit wenig Details.

Die Erzählung über seine Ankunft in Chengdu und die Wohnungssuche dort wird unterbrochen von Visionen über die Vergangenheit oder Zukunft, in denen Katzen die Hauptfiguren sind. Chengdu lag an einer Kreuzung bedeutendes Handelswege und man sieht z.B. wie die Katzen auf die 20.000-jährige Geschichte (sic) Chengdus zurückschauen. Eine andere Vision zeigt, wie Ausländer Rauschblätter in die Heimat der Katzen brachten und diese dann als Währung galten, jeder dem Müßiggang frönte und irgendwann das Faustrecht galt. In einer dritten Vision wechselt der Schauplatz auf den Mars, auch mit den Katzen im Mittelpunkt.

1961 habe Chengdu so viele Einwohner wie Hamburg gehabt, heute seien es 14 Millionen. Die Stadt und Kultur hätten ihn sehr interessiert, auch das Essen habe ihm geschmeckt.

Dann folgten Fragen aus dem Publikum.

Wie er darauf gekommen sei, 2005 und 2011 nach China gehen, warum nach Chengdu.
Ein Freund aus seiner Zivizeit sei dorthin ausgewandert und habe dort mit seiner Freundin ein englischsprachiges Stadtmagazin herausgegeben. Dank ihrer Hilfe und Erfahrungen habe er nicht nur die typische Touristenperspektive erlebt. Schon bei seinem ersten Buch habe er ein grafisches Tagebuch geführt und sich 2008 sehr über die Berichterstattung in den deutschen Medien geärgert, während der Olympischen Spiele in Peking und als das Erdbeben war. Ihm sei eine ehrliche Darstellung sehr wichtig.

Er sei überrascht gewesen, wie sehr sich Chengdu innerhalb von fünf Jahren verändert hatte. Beim ersten Besuch 2006 habe sein Freund am Ende einer Straße gewohnt, umgeben von Baustellen. 2011 waren überall Häuser, die Straßen und Häuser eingesäumt mit Pflanzen.

Um das Alltagsleben simulieren (sic) zu können, habe er sich dort eine eigene Wohnung und einen Arbeitsplatz gesucht. Von Anfang an sei ihm klar gewesen, dass er rund 2,5 Monate brauchen würde, um sich an die anderen Geräusche und Gerüche, Gewohnheiten im Alltag zu gewöhnen. Die Geräuschkulisse und der Verkehr hätten das Einleben sehr schwierig gemacht, vermutlich hätte er mehr Zeit gebraucht.
Auf die Frage, warum das Buch komplett in Schwarz-Weiß gehalt sei, antwortete er, dass er Chengdu und das Leben dort so wahrgenommen hätte – obwohl China oft so bunt sei, überall grelle Lichterreklamen usw. Doch durch den Smog und Regen sei es ihm eher grau vorgekommen.

Seiner Wahrnehmung nach, sehen Europäer in Chengdu eher seltsam aus, daher auch die Masken, die an Tiere und Aliens erinnern sollten. („aliens“ kann Ausländer und Außerirdischer bedeuten) Die chinesischen Figuren sollen eher menschlich wirken, jedoch alle gleich. Europäer seien ihm wie übersteuerte Individualisten vorgekommen, die sich dort anders ausleben konnten als in ihrer Heimat.
Die Maske habe immer den gleichen Gesichtsausdruck, um zu verhindert, dass der Leser sich in diese Figur einfühle. Er habe bewusst das einfühlende Lesen verhindern sollen. Es ginge um die Stadt und seine Freunde, nicht ihn. Seine Figur sei eher passiv und beobachtend.

Die traumartigen Einschübe seien eine Mischung aus Reise- und Sprachführer, sowie eine Anspielung auf einen Verhaltensratgeber aus der Kolonialzeit, sowie „Die Stadt der Katzen“ von Lao She an, das auf dem Mars spielt. **

Seine chinesische Probeleserin habe ständig gelacht und die Darstellung ihrer Stadt sehr treffend gefunden, inklusive der Ratten, des Verkehrs und des Drecks. So sei ihre Stadt nun mal.

Eine andere Zuhörerin hatte den Eindruck, dass der gezeigte Ausschnitt des Buchs recht gewöhnliche Szenen zeige, die auch anderswo hätten stattfinden können. Sascha Hommer antwortete, dass er nicht im Ausnahmezustand des Backpackers verweilen wollte und es auch speziellere Szenen gebe.

Es sei ihm um eine Darstellung des normalen Alltags gegangen, um zu zeigen, dass vieles auch für Europäer eher normal ist. In den Medien hier gebe es keine Einblicke in das Alltagsleben der chinesischen Bevölkerung, sondern es ginge immer um größere politische Themen. Es klinge trivial, aber die Menschen dort hätten auch ein ganz normales Leben mit den gleichen Sorgen wie die Menschen in Deutschland.

Anfangs habe er ein politisches Buch schreiben wollen, jedoch schnell festgestellt, dass er das nicht könne. Er könne mit einzelnen Menschen sprechen, aber es fehle ihm an Wissen über Land und Sprache.

Im Buch seien auch Interviews mit Karl und Linda, die in den USA geboren wurde und einen chinesischen Elternteil hat. Karl wollte gerne in Chengdu bleiben, Linda hatte das Gefühl, die Stadt verkürze ihre Lebenszeit. Ein weiterer Besuch bei ihnen sei nicht möglich, da die beiden sich getrennt hätten und Linda wieder in den USA lebe.

Sascha Hommer bzw. der Erzähler seines Buchs sei ohne Chinesisch-Kenntnisse völlig abhängig von den beiden gewesen. (Andererseits gibt es Szenen, in denen er alleine ein WG-Zimmer suchen geht.) Die beiden seien als Expats Experten über das Leben dort, sie könnten die Sprache und hätten jahrelange Erfahrungen. Aber andererseits würden auch sie Aliens bleiben, würden nie zu Chinesen werden.

Eine Chinesin aus dem Publikum merkte kurz an, dass das Buch viele Wahrheiten enthalte.

Die letzte Frage war, ob die Geschichte (Graphic Novel) „Transit“ auf dem Quart Heft 19 ihn inspiriert habe, die Handlung sei sehr ähnlich. Laut Sascha Hommer sei die Ähnlichkeit rein zufällig. Auf Nachfrage antwortete er, dass er “Transit” mal gesehen habe. (Genauere Informationen zu dieser anderen Geschichte konnte ich leider nicht finden.)

Danach wurde noch signiert.

Damit endete eine Veranstaltung, die mich etwas ratlos zurückließ. Vieles in dem Buch wirkte auch auf mich sehr beliebig, zu oberflächlich und sehr sprunghaft. Der Roman von Lao She ist auf meinem Wunschzettel gelandet. Aber ich bin vermutlich auch nicht die Zielgruppe des Buchs. Augenzwinkern

*Leseprobe beim Verlag*

** (von Amazon)
Lao She (1899-1966) gehört mit Werken wie Der Rikschakuli und Das Teehaus zu den wichtigsten Schriftstellern der chinesischen Moderne. Die Stadt der Katzen entstand Anfang der dreißiger Jahre, nachdem der junge Autor von einem mehrjährigen Englandaufenthalt in die Heimat zurückgekehrt war. Zu Beginn der Kulturrevolution hielten ihm Rote Garden die Satire als Nestbeschmutzung vor. Er kam unter tragischen Umständen ums Leben. Die »Stadt der Katzen« liegt auf dem Mars, und doch wird der Besucher vom Planeten Erde mit nur allzu vertrauten Verhaltensweisen konfrontiert. In der Katzengesellschaft herrschen Selbstsucht und Verlogenheit, alles Trachten richtet sich auf den betäubenden Genuß der Rauschblätter. Selbst als schließlich der Feind die Grenzen überschreitet, kann nichts und niemand diese degenerierte Gesellschaft aus ihrer Lethargie reißen. Sie ist zum Untergang verurteilt. Der Roman ist eine durch das Gewand der Utopie nur notdürftig verhüllte Satire auf das China der dreißiger Jahre, das zu einem Spielball der ausländischen Mächte herabgewürdigt worden war und sich in Bürgerkriegen zerfleischte. Die Rauschblätter spielen dabei eine ähnlich verhängnisvolle Rolle wie das Opium.

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Denn in Julianes Leben überstürzen sich gerade die Ereignisse. Neben einer großen Enttäuschung in Sachen Liebe und dem Verlust ihres Jobs erhält sie überraschend die Nachricht, dass ihre Großmutter Ada, mit der sie nie Kontakt hatte, ihr ein Haus samt zugehörigem Leuchtturm auf der Hallig Fliederoog hinterlassen hat. Einmal dort angekommen, ist Juliane wie verzaubert – von Adas liebevoll eingerichtetem Zuhause, das das ihre werden könnte, von den besonderen Menschen auf der Hallig, von der unvergleichlichen Natur der Nordsee-Küste und von den Ausblicken und Einsichten, die man nur auf einem Leuchtturm erleben kann und von denen Juliane schon als Kind träumte.
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Gabriella Engelmann wurde in München geboren. Seit ihrem Umzug nach Hamburg fühlt sie sich im Norden pudelwohl und entdeckte dort auch ihre Freude am Schreiben. Nach Tätigkeiten als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin genießt sie die Freiheit des Autorendaseins von Romanen sowie Kinder – und Jugendbüchern.

Weiterführende Links:

Interview zum Buch

Leseprobe

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