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Vorschau Spielzeiteröffnung kleines theater – KAMMERSPIELE Landshut, 06.10.2017

DIE DREIGROSCHENOPER
von Bertolt Brecht und Kurt Weill
Regie: Sven Grunert
Mit Cristina Andrione, Julius Bormann, Agnes Decker, Knud Fehlauer, Rudi Knauss, Oliver Koch, Christoph Krix, Monika Lachermeir, Carmen-Dorothé Moll, Peter Pichler, Nathalie Schott

Auftaktpremiere: Freitag, 06. Oktober 2017, 19.00 Uhr

Das kleine theater – KAMMERSPIELE Landshut feiert 25-jähriges Jubiläum! Zum Auftakt der Spielzeit 2017/2018 bringt Intendant Sven Grunert eine der spektakulärsten und erfolgreichsten Großproduktionen in der Geschichte des Hauses erneut auf die Bühne: „Die Dreigroschenoper“.
Macheath ist „Mackie Messer“, der Häuptling der Londoner Einbrecher. Seine Spezialität sind Raubüberfälle, Mord und Zuhälterei. Protegiert wird er von Polizeichef Tiger-Brown, geliebt von Polly Peachum, der Tochter des Chefs der Londoner Bettlergewerkschaft. Als Mackie sie in einem Pferdestall heiratet, setzt der Vater alles daran, den Verführer an den Galgen zu bringen. Im Herzen von Soho kommt es zum Kampf der Giganten, Kriegsschauplatz ist das Bordell.
Der Mensch – ein domestiziertes Ungeheuer? Ein genusssüchtiges, amoralisches Wesen, das sich hinter der Fassade geschäftstüchtiger Bürgerlichkeit verbirgt? Wo endet der Reichtum und beginnt das menschliche Elend? „Denn die einen sind im Dunklen und die anderen sind im Licht.“
Mit der Uraufführung seiner Dreigroschenoper 1928 hat Brecht Theatergeschichte geschrieben. Die grandiose Satire über die Verstrickungen von Bürgerlichkeit und Verbrechen, Moral und menschliche Begierden ist ein Spektakel mit bissigem Hintergrund und hat bis heute nichts von seiner Brisanz verloren. Regisseur Grunert inszeniert es mit teils neuer Besetzung und frischen Impulsen für das Landshuter Publikum.

Karten gibt es Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr an der Theaterkasse, Bauhofstraße 1, Telefon 29465. Onlinekarten: www.kleinestheaterlandshut.de. Die Abendkasse ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

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Lesung Karl Ove Knausgard, 23.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Das neuste Buch von Karl-Ove Knausgard Im Herbst entstand aus der Idee seiner noch ungeborenen Tochter Briefe über das Leben zu schreiben, das sie erwartet und darüber, was sein Leben in dieser Welt so lebenswert mache. So erzählt er seinem vierten Kind über ihre zukünftige Familie, das Haus und den Garten.

Dann fasste er den Entschluss, jeden Monat ungefähr 20 Essays zu schreiben, für den ersten Band einer Reihe von insgesamt vier Büchern. Das erste Essay war eine Auftragsarbeit einer amerikanischen Zeitschrift. Gleichzeitig arbeitete er an dem Tagebuch für seine Tochter, das ungefähr 150 Seiten umfassen sollte und ein Geschenk zu ihrem 18. Geburtstag werden. Beides zusammen kann man in Im Herbst lesen.

Als er jünger war, entdeckte er eine norwegische Übersetzung von Gedichten, die France Ponge verfasst hatte. Karl-Ove Knausgard war bis dahin eher Romane gewöhnt und es faszinierte ihn, wie unterschiedlich die Ausdrucksmöglichkeiten von Romanen und Gedichten sein können. Auf maximal zwei Seiten könne er Dinge ganz anders ausdrücken und auch ganz andere Dinge zum Ausdruck bringen als in einem langen Roman.
Ähnliches wollte er in den Essays versuchen und setzte sich eine Begrenzung von zwei Seiten pro Thema. Einige seien zwar etwas länger geworden, aber in der Regel sei er mit zwei Seiten ausgekommen. Jeden Morgen habe er sich ein Thema ausgedacht und einmal ausgewählt, durfte es nicht mehr geändert werden. Am einfachsten sei es gewesen, über die unscheinbaren, einfachen Dinge zu schreiben. Komplexere Themen wie Liebe seien viel schwieriger. Irgendwann kam er an den Punkt, an dem er seinen Verleger um Themenvorschläge bat.

Bei seinen vorherigen Büchern habe er stets in sich hineingeschaut. Jetzt änderte sich die Richtung, er schaute nach außen und ließ die Welt hinein. Er liebt Lexika, in der Welt in kleinen Abschnitten erklärt wird, aber stellt schnell fest, dass keine Beschreibung wirklich objektiv sein könne. Knausgards Ziel war, Dinge die wir kennen aus einem etwas anderen Blickwinkel zu beschreiben und verglich seine Essays mit Edvard Munchs Bildern eines Kastanienbaums. Dessen Werke seien ihm sehr vertraut und er war vor vielen Jahren Kurator einer Munch-Ausstellung in Oslo.

Munch habe auf seinen ersten Bildern immer in sich hineingeschaut, viel von sich preisgegeben. Nachdem er in einer psychiatrischen Klinik war, habe er auf seine Umwelt geschaut, nach außen. Das könne man deutlich bei seinen Bildern sehen. Vorher habe er sein Innenleben gezeigt, später nicht mehr. Er habe wie besessen gemalt, egal ob es ein Meisterwerk wurde oder nicht. Bei van Gogh sei es genau umgekehrt gewesen. Er habe mit schrecklichen Bildern begonnen, viel gelernt und sei brillant geworden.

Karl Ove Knausgard

Karl Ove Knausgard beim Signieren Foto CK

In seinem neuen Buch ginge es nicht um Beziehungen oder Menschen, sondern um die Welt wie sie sei. So hätten ihn zum Beispiel Adern fasziniert, die wie Flüsse in uns seien. Obwohl er kein traditionell religiöser Mensch sei, habe er Spiritualismus in der Natur entdeckt, wie zum Bespiel in der Landung eines Adlers. Voller Leidenschaft wollte er das intensivgrüne Gras beschreiben und stellte fest, dass es so gut wie unmöglich sei.

Auch das menschliche Gehirn könne man nicht begreifen. Es sei vermutlich die komplexeste Struktur im Universum und als er bei einer Gehirn-OP anwesend sein durfte, habe es auf ihn zuerst fast wie ein kleines Tier gewirkt. Dann habe er entdeckt, dass es wie ein eigenes Universum sei, mit Tälern und Flüssen. Auch wenn einige der ausgesuchten Themen unangenehm seien, habe er mit der gleichen Gewissenhaftigkeit über sie geschrieben wie über Autos oder das Gehirn. Er wollte über die Gesellschaft schreiben, über Scham und Identität.

Zum Schreiben stand er sehr früh auf, in der Regel um 03:30, dass er fertig mit dem Schreiben war, bis seine Familie wach war.

Warum gebe es Kunst und warum sei diese uns wichtig. Er beneide Maler, denn sie benötigen keine Worte, um ihren Gefühlen oder ihrer Botschaft Ausdruck zu verleihen.

Für seine früheren Bücher habe er nicht recherchiert. Bei Im Herbst habe er immer zuerst im Internet geschaut, welche Informationen zu dem gewählten Wort angezeigt wurden. Vor allem über die naturwissenschaftlichen Themen habe er viel gelesen.

Es sei ihm sehr wichtig, ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen oder zu verschweigen. Alles aufschreiben und auch veröffentlichen zu können sei wichtiger als die Privatsphäre andere Menschen. Sicherlich sei es schwierig zu entscheiden, wo eine Grenze gezogen werden solle. Aber er sei überzeugt, dass so gut wie alles erlaubt sein solle.

Umso ehrlicher man selbst sei, umso schwieriger sei es für die andere Person und natürlich gebe es viele verschiedene Möglichkeiten etwas zu betrachten. Aber wenn er z.B. über seinen Vater schreibe und sein Leben mit seinem Vater, warum sollte ihn jemand davon abhalten dürfen. Bekannt wurde er durch seine autobiographischen Bücher, die in Norwegen den Titel “Min Kamp” tragen.

Er sei wiederholt als frauenfeindlicher Autor bezeichnet worden, weil in seinen Büchern fast nur Männer vorkämen. Für ihn sei es kein Wettbewerb, dass bei fünf Männern automatisch auch fünf Frauen im Buch vorkommen müssten. Anderseits sei ihm auch schon vorgeworfen worden, er schreibe wie eine Frau – woran man so etwas überhaupt festmachen könne.

Sein letztes Buch Im Sommer habe er aus der Perspektive einer Frau schreiben wollen und sei überzeugt, dass er vom ersten Satz an diese Frau war. Genau dies mache das Schreiben und Literatur zu etwas Besonderem.

Zum Abschluss las er den Essay über eine Toilettenschüssel.

Damit endete eine etwas skurrile Veranstaltung mit einem Autor, dessen neustes Buch ich eher nicht lesen werde.

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Lesung Elif Shafak, 17.08.2017, Edinburgh International Book Festival

Auf diese Lesung hatte ich mich lange gefreut, weil Der Geruch des Paradieses (engl. Three Daughters of Eve), das neuste Buch von Elif Shafak, zu meinen Lesehighlights 2017 gehört. (Rezension des Users Beowulf im Forum Büchereule)

Elif Shafak wollte nicht als türkische Autorin vorgestellt werden. Ihrer Meinung nach ist nicht wichtig, die Nationalität oder das Geschlecht zu nennen. In der folgenden Stunde wurde klar, dass es ihr um die Vermeidung von Kategorien geht, um Verbindendes statt Trennendem.

In „Der Geruch des Paradieses“ wird Peri, Mitte 30, in Istanbul auf dem Weg zu einer Party ausgeraubt. In ihrer Handtasche befand sich ein 16 Jahre altes Foto, das sie gemeinsam mit ihren beiden damaligen besten Freundinnen zeigt. Elif Shafak beginnt ihre Bücher gerne mit Bildern. Nach und nach erfahren die Leser mehr über die Beziehungen der Freundinnen untereinander, über das heutige und frühere Leben von Peri. (Über den Inhalt möchte ich hier nicht allzu viel verraten. Augenzwinkern )

2016 habe es in der Türkei 35 Terrorattacken gegeben, die Lebensbedingungen veränderten sich sehr schnell. Die gesamte Handlung des Buchs finde während einer Dinner Party in Istanbul statt, unterbrochen von Rückblicken, meist in Peris Kindheit und Studienzeit. Die Beschreibung der Party sei ihr fast wie beißende politische Satire vorgekommen und „Das letzte Abendessen der türkischen Bourgeoise“ sei ein passender Titel. Die Türkei habe rasante Rückschritte gemacht, besonders in diesen Kreisen, wo man in einem kurzen Gespräch von Designer-Handtaschen über die jüngste Terrorattacke hin zu anderen Themen wechsele. Dies sei eine emotionale Achterbahnfahrt, dort jedoch Alltag.

Elif Shafak

Elif Shafak beim anschließenden Signieren Foto CK

Peri und ihre beiden Freundinnen sprächen zwar mit unterschiedlichen Stimmen, könnten jedoch alle drei nacheinander Teil der persönlichen Reise eines Menschen sein. Die Hauptfigur Peri wuchs in den 80ern in einer tiefgespaltenen Familie auf. Peri sei nicht autobiographisch. Elif Shafak sagte mit einem Lächeln, dass sie ihre Ansichten lieber in den männlichen Figuren verstecke. Peris Eltern sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während die Mutter bereits zu Beginn sehr religiös ist und ihre Religiosität immer extreme Züge annimmt (ähnlich wie Elif Shafaks Großmutter), ist der Vater nicht religiös und legt großen Wert auf die akademische Ausbildung seiner Tochter, die unbedingt im Ausland studieren soll.

Es folgte eine kurze Lesung aus dem Buch, in der die unüberwindbaren Gegensätze zwischen Peris Eltern deutlich werden. Peris Vater war fasziniert davon, dass im Westen ursprüngliche religiöse Orte später zu säkularen Zwecken genutzt werden können, wie zB. die Bodleian Library in Oxford und die Vergangenheit dieses Orts nicht gezielt in Vergessenheit geraten soll. Peri selbst steht zwischen allen Stühlen und hat keine neutrale Vertrauensperson mit der sie über Religion und andere Themen sprechen könnte.

Elif Shafak gefiel die Idee, diese junge türkische Frau in einen experimentellen Religionskurs bei einem provokanten Professor zu stecken. Hier träfen die unterschiedlichsten Ansichten aufeinander, fast alle von ihren Ansichten absolut überzeugt. Genau diese heute so verbreitete feste Überzeugung befremde sie, denn in der Vergangenheit hätte sich Agnostiker und Gläubige ausgetauscht, über ihre Zweifel und Gemeinsamkeiten, statt nach den Unterschieden zu suchen. Glaube sei nicht ausschließlich religiös, sondern man könne auch an andere Dinge glauben bzw. darin Vertrauen haben ohne die eigene Religion zu verraten.

Ungleichheit sei das größte Problem unserer Zeit und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch wenn es um Bildung gehe. Das führe zu zunehmenden Spannung innerhalb der Gesellschaft und es sei die Aufgabe der Schriftsteller Fragen zu stellen, nicht Antworten zu geben oder gar zu predigen.

Auf ihre guten Englischkenntnisse angesprochen, antwortete sie, dass Englisch ihre dritte Sprache sei. Sie habe als Zehnjährige in Madrid mit dem Englischlernen begonnen und es nie so gut gelernt wie ihre Kinder, die wirklich zweisprachig seien. Mit 15 las sie die ersten englischen Gedichte und verliebte sich in diese Sprache. Ihre Bücher habe sie anfangs auf Türkisch geschrieben, die letzten Bücher jedoch alle auf Englisch. Dann würden sie von einem Übersetzer auf Türkisch übersetzt und diese türkische Fassung dann von ihr überarbeitet. Englisch sei für zB. Satire besser geeignet und sie selbst hätte den „Bastard von Istanbul“ auf Türkisch ganz anders geschrieben. Eine andere Sprache zu sprechen verändere auch in einem gewissen Maße, Frauen würden zB. auf Englisch mehr Schimpfwörter benutzen als wenn die gleichen Personen Türkisch sprechen. Als bekannt wurde, dass sie die Originalfassungen ihrer Bücher inzwischen auf Englisch schreibe, habe es einen Aufschrei gegeben. Sie würde die Türkei und die türkische Kultur verraten – das sei jedoch nicht wahr.

Sie hasst es, sich für eine Seite entscheiden zu sollen und damit automatisch gegen die Andere. Ihre Mutter war Diplomatin und Elif Shafak lebte auch für längere Zeit in Istanbul. Dort fühlte sie sich einerseits sehr wohl, andererseits fühlte sie sich erstickt davon, entweder dazugehören zu können oder automatisch Außenseiter zu sein.

Heutzutage werden den Menschen nicht nur in der Türkei vermittelt, dass man bei seinem „Stamm“ (tribe) loyal bleiben solle, dass in dieser Gleichheit dort auch Sicherheit liege. Anderssein werde abgelehnt, dabei können man nur dann eine emotionale und intellektuelle Verbindung aufbauen, wenn man auch ihre Geschichte kenne – egal woher die andere Person stamme.

Es sei ihr bewusst, dass Vielfalt (diversity) auch viele Herausforderungen mit sich bringe, auf der anderen Seite würde das Leben durch Vielfalt um so viel reicher. Menschen, die einfache Lösungen versprechen machen ihr Angst. Es seien Demagogen, die anderen Menschen suggerierten, es habe eine großartige Vergangenheit gegeben und die Lösung liege im Ausschluss oder der Unterdrückung von Anderen bzw. Minderheiten. Leider gelinge es Demagogen oft besser, die Sorgen vieler Menschen anzusprechen – das müsse sich ändern. Auch dürfe man ihnen nicht die Begriffe „Heimat“ oder „Patriotismus“ überlassen, diese Worte sollten nicht politisch missbraucht werden.

Ihre Hoffnung sei, dass Bücher etwas in den Lesern bewegen, ohne aufdringliche Botschaften zu enthalten. Auch wenn sie selbst zB. Trump oder dem Brexit sehr kritisch gegenüberstehe, sei es ihr auch bewusst, dass nicht alle, die dafür stimmten, auch fremdenfeindlich seien.

Übersetzen sei eine Kunstform an, die kaum Anerkennung erfahre. Die Übersetzer steckten viel Leidenschaft und Zeit in ihre Arbeit, die zudem nicht gut bezahlt werde. Wenn sie selbst auf Türkisch schreibe, verwende sie zahlreiche alte Worte, die während der kemalistischen Sprachreform abgeschafft wurden. (Lehnswörter aus dem Persischen und anderen Sprachen) Ihrer Meinung nach gibt es für viele dieser Worte bis heute keine neue türkische Entsprechung, der Sprache sei etwas von ihrer Vielfalt genommen worden.

Jedes Mal, wenn eines ihrer Bücher in eine andere Sprache übersetzt werde, erscheine eine Version für eine andere Kultur. Vor allem die völlig unterschiedlichen Titel faszinieren sie. So heißt z.B. der Roman Die vierzig Geheimnisse der Liebe (orig. The Forty Rules of Love) in Frankreich Soufi, mon amour.

Hier endete die viel zu kurze Veranstaltung, die ein Plädoyer für Aufgeschlossenheit und Menschlichkeit war mit einer faszinierenden Autorin, die sich später beim Signieren viel Zeit für ihre Leser nahm.

PS. Einen Tag später moderierte Elif Shafak eine Veranstaltung mit Nicola Sturgeon and Heather McDaid. Die Aufzeichnung kann man bis zum 17.10.2017 bei BBC (http://www.bbc.co.uk/programmes/p05cqh3r) ansehen oder in diesem Youtube-Video<br

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