Es gab tatsächlich Premierenbesucher, die über offene Fragen jammerten. Ausgerechnet bei dieser sehr konkreten, ausführlichen Inszenierung. Werden bei diesen Leuten zuhause auch alle offenen Fragen zuverlässig sofort geklärt? Zugegeben, ein “Tatort” dauert auch 90 Minuten, da ist die Kritikerelite schon mal verwöhnt. So können wir in München ja noch froh sein, dass wir hier keine allzu avantgardistische Inszenierung ans Gärtnerplatztheater bekommen haben, sondern eine, wo das Libretto und der Regisseur den Zuschauer quasi mit dem Blindenhund durch die Geschichte führen. Ich schätze das übrigens sehr, weil ich mich dann auf die Emotionen der Figuren konzentrieren kann. In diesem Stück sind sie komplex gezeichnet und werden von den Darstellern auch so gespielt: echte Menschen mit Eitelkeiten, Launen und Schwächen. Dass das möglich ist, und man in diesen 90 Minuten, die die Oper Joseph Süß dauert (und die einem viel kürzer vorkommen) nicht auf holzschnittartige Schemenzeichnungen für die Charaktere zurückgreifen muss, ist gleichermaßen eine Meisterleistung der Librettisten und der Regie. Beachtlich ist auch, dass die Übergänge zwischen den einzelnen Bildern so weich und organisch wirken – wo die Musik eigentlich kaum Zeit lässt, zu wechseln, sondern weiterdrängt, als wolle sie keinen Augenblick verlieren. In der Beschränkung erst zeigt sich der Könner, und der Vorteil ist, dass die Spannungsbögen gehalten werden, ohne dass Unruhe oder Nervosität aufkommt. Diese Balance fand ich faszinierend: Emotionen unterschiedlichster Art sind hier intensiv, aber nicht zuviel. Spannung und ruhige Passagen sind perfekt austariert.
Gerade die Hauptfigur, Joseph Süß Oppenheimer, ist kein passiver Akteur. Zwar stürzt eines schönen Tages (historisch belegt: am 12. März 1737) mit einem Schlag der Himmel über ihm ein, aber er weiß sofort ganz genau, was sein Fehler war: So weit, wie er gekommen war, durften Juden es seinerzeit nicht bringen. Wie Ikarus flog er zu hoch und bezahlte dafür mit seinem Leben, denn: “Keiner schaut ungesühnt in die Sonne.” Joseph Süß ist in diesem Stück keineswegs ein Gutmensch, sondern eine willige Hofschranze (hier im Gegensatz zu seinem Antagonisten Weissensee von imposanter Statur, aber trotzdem genauso eine Hofschranze wie dieser) … ein Mann, der bei jeder Entscheidung die Stimme seines Herzens vom Ruf der Karriere übertönen lässt. Magdalena, die Tochter Weißensees, dient er dem unersättlichen Herzog als Bettspielzeug an, und plant schon, sie für sich selbst zu nehmen, wenn der Herzog erst einmal mit ihr fertig ist. Erst soll sie durch die Hölle des Herzogs gehen, sagt er kühl. Erst später verliebt er sich heftig in die traumatisierte Frau und behandelt sie dann tatsächlich mit Zärtlichkeit. Ganz schlicht, und in seiner Schmucklosigkeit um so packender, ist das letzte Gespräch zwischen Joseph Süß und seiner Geliebten. Magdalena hofft noch auf eine gemeinsame Zukunft: “Lass uns gemeinsam das Brot brechen, wie Mann und Frau.” – Ihr zuliebe sich selbst aufgeben, seiner Religion entsagen, um sich zu retten? Nein! (Vielleicht auch mit dem Wissen im Hintergrund, dass es sowieso nichts genützt hätte: Vom Tag seiner Verhaftung an war Joseph Süß ein toter Mann.) Er bittet sie, zu fliehen, aber sie weigert sich. Beide wissen, dass ihr Schicksal nun besiegelt ist, und wenn alles zu Ende ist, dann kann man ebensogut erhobenen Kopfes sterben, anstatt sich auch noch selbst zu verraten.
Auch diese Vorstellung war äußerst sehens- und hörenswert, das gesamte Ensemble war wieder sehr gut. Sehr gelungen ist übrigens auch die Beleuchtung von Ralf Essers, die viel dazu beiträgt, das dramatische Farbschema dieser Inszenierung richtig zur Geltung zu bringen. Auf meinem Sitzplatz im Parkett war diesmal die Lautstärke genau richtig. Diese Komposition hat etwas Sperriges, so dass sie mir auch beim wiederholten Hören nicht wirklich vertraut vorkommt. Gleichzeitig aber hat sie viele Passagen, die dem Zuhörer intuitiv zugänglich sind, weil der Komponist viele Versatzstücke einsetzt, die unseren Hörgewohnheiten entsprechen. Ich meine, das ist ein durchaus gelungener Schritt in die Zukunft der Oper. Dieser Soundtrack wird allerdings nie in den Hitparaden auftauchen: ich glaube nicht, dass ich mir die Komposition getrennt vom Bühnengeschehen anhören könnte, aber zu dem Stück passt sie genau. Besonders aufgefallen ist mir an diesem Abend der Henker, hervorragend dargestellt von Thomas Peters; Carolin Neukamm als Naemi, mit ihrer wunderbaren Stimme, und vor allem Thérèse Wincent, die sowohl als Sängerin als auch als Darstellerin etwas ganz Besonderes ist und die Rolle der Magdalena mit einer unglaublichen Ausstrahlung singt und spielt. Der perfekteste Moment dieser Vorstellung war jedoch in der Szene, wo Joseph Süß verhaftet wird, der Chorgesang.
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