Die gemeinnützige GmbH Sarré Musikprojekte wurde gegründet von Verena Sarré, Kinderchorleiterin des Gärtnerplatztheaters, um die soziale Kompetenz und persönliche Entwicklung bei Kindern zu fördern. Die Kinder selber sehen das nicht so hochgestochen: Musiktheater macht in erster Linie Spass. Die Atmosphäre war super im praktisch ausverkauften Saal der Alten Kongresshalle. Ich kam nur durch einen Zufall zu der Karte: normalerweise bin ich bei sozialkritischen Themen am anderen Ende der Stadt zu finden. Der Roman Oliver Twist von Charles Dickens beschreibt die Lebensumstände der armen Leute im viktorianischen England. (Wenn ich es so bedenke: Ein Hilfsarbeiter, der Weltliteratur schrieb. Erstaunlich. Hatte der überhaupt einen Creative Writing-Kurs besucht?) Die Tatsache, dass Oliver! ein Musical ist, und noch dazu seit über 50 Jahren erfolgreich, hätte mich allerdings stutzig machen sollen. Tatsächlich war es so, dass durchaus ein paar kindgerechte Denkanstöße enthalten waren, aber der Abend wurde dominiert von pfiffigen, schmissigen Gesangsnummern für die ganze gutgelaunte Kinderbande. Das klang super, obwohl die Einstudierung wohl nicht ganz einfach gewesen sein kann: Auf der Bühne standen nicht nur Kinder und Jugendliche aus dem Theaterchor, die ja über eine gewisse Vorbildung verfügen, sondern in der Mehrzahl Laien aus unterschiedlichen Münchner Schulen. Die erfahreneren Darsteller ziehen die anderen mit: man sah keine großen Unterschiede in der Qualität, obwohl es die zweifelsohne gibt, aber in der geschickten Regie von Julia Riegel fällt das nicht auf.
Die Darstellung des Fagin, Boss der Bettlerbande, fand ich sehr interessant: Das Böse ist nicht nur fies, sondern durchaus auch liebenswürdig und leutselig (sehr, sehr gut: Malte Arkona). Der Darsteller des Oliver, Nicholas von der Nahmer, ist einer der Kleinsten auf der Bühne, mit großen, fragenden Augen, und der blonde Haarschnitt komplettiert das Kindchenschema. Man stellt sich also vor, wie er von der kurzsichtigen Verkäuferin an der Wursttheke freundlich gefragt wird: Kannst du denn schon sprechen? – Das kann er, und spielen und singen kann er auch. Die anderen Darsteller haben mir auch sehr gut gefallen: der skrupellose Bill Sykes (Mario Deger), die Räuberbraut Nancy mit dem goldenen Herzen (Katharina Schnagl), der selbstgefällige Mr. Bumble (Jonas Schleuning) und die berechnende Witwe Corney (Sophie Heier), der äußerst muntere und charmante Betteljunge Artful Dodger (Dominik Novak), die hübsche Bet (Bianca Novak), Charlie (Jonas Hensler), der Captain (Maximilian Wintergerst), Snake (Lorin Wäscher) und all die anderen. Die Musik fand ich sehr schön, obwohl sie ganz klar der Handlung untergeordnet war, eher wie Filmmusik. Das Orchester bestand aus acht Musikern des Gärtnerplatztheaters und wurde dirigiert von Martin Steinlein, der ganz kurzfristig für Andreas Kowalewitz eingesprungen war und seine Sache hervorragend machte.
Eines der mitgebrachten Publikumskinder (ein Teenager, übrigens, also gar nicht mehr sooo klein) war entsetzt und stinksauer, dass die entzückende Nancy, die Oliver Twist letztendlich rettet, dafür von dem skrupellosen Bill Sykes ganz einfach abgemurkst wird. Zwar sehr geschmackvoll und dezent in Scherenschnitt-Manier, und geschickterweise auch kurz vor dem Ende des Stückes, so dass man sie beim Schlussapplaus gleich darauf wieder quietschvergnügt und quicklebendig sehen konnte, aber da hilft kein Drumherumreden: Hin ist hin. Ich versuchte, zu erklären, dass in diesen alten Geschichten schon aus pädagogischen Gründen die Bösen bestraft werden mussten: Es ging nicht an, dass eine Kleinkriminelle wie Nancy straflos davonkam. Den interessantesten Aspekt musste ich glücklicherweise nicht ausdiskutieren: die Probleme fangen erst an, als Nancy Mut und Zivilcourage zeigt, für ihre Werte einsteht und einem Schwächeren hilft. Hätte sie nicht unvermittelt ihr gutes Herz entdeckt, wäre gar nichts gewesen. Aber lassen wir das. Es war ein ausgesprochen schöner Abend, soviel steht fest.
Was man wirklich erwähnen muss: Solche Projekte lassen sich nur mit der Hilfe von Sponsoren und Unterstützern stemmen, darunter die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung, Kalmund for Kids und die Werbeagentur Sternthaler Marketing. Die vielen Profis, die sich “nur” halbe oder ganze Nächte um die Ohren geschlagen haben, kann man gar nicht alle aufzählen. Da ist zum Beispiel Stefan Schwamborn, der an regulären Tagen für die Kostüme des Gärtnerplatztheaters verantwortlich zeichnet, Georg Boeshenz kümmerte sich um das Licht und Daniel Ployer um den Ton. Musikalische Einstudierung: Verena Sarré. Klavier und Korrepetition: Bronnie Berg.
Darsteller: Nicholas von der Nahmer, Mario Deger, Katharina Schnagl, Jonas Schleuning, Sophie Heier, Dominik Novak, Bianca Novak, Jonas Hensler, Maximilian Wintergerst, Lorin Wäscher, Viktor Nitsch, Veronika Bauer, Joshua Hofert, Oliver Haertel, Veronika Stephinger, Lilian von der Nahmer, Kilian Bohnensack, Franziska Bauer, Rebecca Berg, Alicia Grünwald, Melanie Richt, Arabella Wäscher, Lea Martial, Rosina Steinberg, Korbinian Heintze, Raffael Böer, Antea-Helena Ivancic, Gustav Kowalewitz, Samuel Levermann, Josephine Peter, Simon Riegel, Kai Sistemich, Marlene Slama, Lea-Maria Thaler, Seraphine Wäscher und Malte Arkona.
Diese sehr gelungene Inszenierung von “Oliver!” kann man am 15. Juli 2012 noch einmal erleben, wieder in der Alten Kongresshalle München.
Und hier schon eine Vorankündigung: Dieses Team wird im Dezember 2012 und Januar 2013 die Märchenoper “Hänsel und Gretel” von Engelbert Humperdinck auf die Bühne bringen, ebenfalls in der Alten Kongresshalle (ein sehr schöner Spielort, übrigens). Termine: 9.12.2012 (Premiere), 17.12.2012, 23.12.2012, 5.1.2013, 6.1.2013, 13.1.2013, 20.1.2013, 27.1.2013. Malte Arkona wird die Hexe spielen, mit seinem charakteristischen Charme, und Vater und Mutter werden gesungen von den hervorragenden Sängern Rita Kapfhammer und Torsten Frisch: zwei wunderbare Stars zur Weihnachtszeit. Das ist wahrer Luxus.
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