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Interview mit Sina Beerwald

Sina Beerwald Liebe Sina, herzlichen Dank, dass du dich bereit erklärt hast für ein Interview auf dem Blog „Nacht-Gedanken“. Du hast bisher vier historische Romane veröffentlicht. Stellst du dich uns bitte kurz vor?

Hallo Corinna! Vielen Dank für das Interview! Ich bin 1977 in Stuttgart geboren und habe, genau wie du gesagt hast, jetzt schon vier historische Romane veröffentlicht. Die spielen alle im 18. Jahrhundert und sind bei Heyne erschienen. Jetzt begebe ich mich auf kriminelle Abwege und arbeite an einem Thriller.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe mich mit zehn Jahren vor meinen Vater hingestellt und habe gesagt: „Papa, ich werde mal Schriftstellerin!“ Woraufhin er dann meinte: „Kind, lern was Ordentliches!“ Das habe ich dann eben auch brav gemacht, ich habe Bibliothekswesen studiert und habe sieben Jahre als leitende Bibliothekarin gearbeitet, aber das Schreiben war immer in mir drin. Ursprünglich wollte ich auch nur ein Buch schreiben, um für mich selbst zu sehen, ob ich so ein Projekt überhaupt stemmen kann, ob ich so ein Buch jemals zu Ende schreiben könnte. Dass das dann aber auch tatsächlich einen Verlag findet, hätte ich nie gedacht.

Du hast ja wie gesagt vier historische Romane mit sehr unterschiedlichen Geschichten veröffentlicht. Wie findest du deine Geschichten – oder finden sie dich?

Meine Romane haben alle ein Handwerk zum Thema. Das ist immer meine Ausgangsbasis: ein altes Handwerk, das wir bis heute noch kennen. Im ersten Buch war es das Goldschmieden, im zweiten Buch das Uhrmacherhandwerk, im dritten war es die Parfumherstellung. Und im vierten Buch die Medizin – die man im 18. Jahrhundert durchaus zum Handwerk zählen kann. Ja, ich würde schon sagen, ich mache mich auf die Suche, aber dann finden mich die Geschichten. Wenn ich in Archive gehe zum Beispiel. Bei der Goldschmiedin war es ein einziger Satz, und dann war die Idee da.

Hast du einen bestimmten Schreibrhythmus, und was tust du, wenn es mal nicht so gut läuft?

Ich bin ja mittlerweile komplett selbständig als Autorin und natürlich, da muss man einen gewissen Rhythmus einhalten. Auch eine Muse hat ihre Geschäftsstunden. Ich schreibe sehr gerne nachts. Nur meine Schreibtischlampe an und nichts um mich herum, was mich stören könnte. Aber natürlich ist vormittags auch viel Büroarbeit dran. – Was wolltest du noch wissen?

Was du tust, wenn es mal nicht so gut läuft.

Durchhalten. Das hilft alles nichts. Ich verzweifle daran nicht, sondern ich überlege mir: Warum läuft es gerade nicht gut? Meistens ist es deshalb, weil es irgendwo in der Geschichte klemmt. Dass ich vielleicht eine Figur in eine Richtung haben will, die die Figur nicht will, und da schaue ich dann mal, woran es liegt.

Deine Figuren sind also sehr lebendig.

Ich habe durchaus so meine Diskussionen mit meinen Figuren. Das ist mir jetzt erst bei meinem letzten Buch passiert, dass ich vor meinem Laptop saß und lauthals vor mich hinschimpfte und sagte: „Jetzt reichts aber!“, weil ich mich gerade so in Diskussion mit meinem etwas bärbeißigen Leibarzt befunden habe. Natürlich, man lebt mit den Figuren mit, und ab einem gewissen Punkt entwickeln die auch ihr Eigenleben, ja.

Und wer setzt sich am Ende dann durch?

Ja, natürlich ich, das ist ja ganz klar (lacht).

Welche Phase eines Buches ist für dich die anstrengendste?

Könnte ich so gar nicht sagen. Die Phasen sind alle, jede für sich, schön und anstrengend.

Du wechselst jetzt in ein anderes Genre. Du hast gesagt, du begibst dich auf kriminelle Abwege. Das heißt, du hast im historischen Bereich geschrieben, du schreibst jetzt im Thriller-Bereich. Gibt es noch ein weiteres Genre, in dem du gerne schreiben möchtest, und wenn ja, was hält dich davon ab?

Naja, abhalten tut mich so gesehen eigentlich gar nichts. Der Verlag hat auch sehr offen auf meinen Wunsch reagiert, mich jetzt auch noch in einem anderen Genre ausprobieren zu wollen. Ich bin Preisträgerin des „NordMord-Award“ geworden dieses Jahr, das ist der Krimipreis für Schleswig-Holstein. Ich habe schon auch mal vor, vielleicht auch etwas Lustiges zu schreiben, etwas Komisches. Ja, ich kann mir schon noch ein paar Sachen vorstellen.

Welche Bücher liest du selbst am liebsten, und hast du einen Lieblings-Autor?

Ich muss sagen, seit ich selber schreibe, ist es mir relativ mühsam geworden, selbst Bücher zu lesen, weil ich immer aufs Handwerk schaue. Ich kann gar nicht mehr genusslesen. Es ist schwer, mich zu überzeugen. Auf Texte von nicht-zeitgenössischen Autoren kann ich mich besser einlassen. Ich lese unheimlich gerne Goethe, aber auch Hermann Hesse, so in die Richtung dann.

Hast du literarische Vorbilder?

Nein. Könnte ich so nicht sagen.

Welche Musik hörst du am liebsten, und lässt du dich von Musik beim Schreiben inspirieren?

Also ich höre grundsätzlich gerne Musik mit kraftvollen Stimmen, das mögen männliche oder weibliche Stimmen sein. Natürlich gibt es immer bei jedem Buch gewisse Lieder, die mich begleiten. Das sind meistens nur zwei oder drei Lieder, die ich dann immer und immer wieder am Stück höre, so dass ich gar nicht mehr eigentlich auf die Musik selber achte, aber sie begleitet mich dann beim Schreiben, ja.

Kannst du da Beispiele nennen für deine Bücher?

Also gerade aktuell, ist es Wolfsheim, „Kein Zurück“, ist es Falco, „Out of the Dark“, und dann höre ich noch von Unheilig „Geboren um zu leben“.

Du hast vorhin gesagt, du schreibst am liebsten nachts. Brauchst du bestimmte Bedingungen dazu?

Komplett alle Lichter aus, nur die Schreibtischlampe an. Ich bin aber kein Mensch, der jetzt nur an einem bestimmten Ort schreiben kann. Ich kann auch in einem Cafe schreiben, ich kann im Zug schreiben, das ist völlig unabhängig. Kommt aber ein bisschen auf die Szene an.

In welcher Stadt würdest du gerne leben?

Gar nicht unbedingt in der Stadt. Große Städte besuche ich gerne, aber ich würde nicht dort leben wollen.

Du lebst jetzt nicht in der Stadt, demnach?

Ich lebe mittlerweile in Norddeutschland, auf dem schönen flachen Land, das Meer in der Nähe, und das ist für mich schön.

Wie hoch ist dein aktueller SUB?

Der ist – würde ich sagen – ich habe sie nicht gezählt, aber ich würde sagen, so irgendwo zwischen 50 und 100. Und ich befürchte, wenn ich irgendwann dann jetzt doch mal auf die EBook-Schiene komme, dann wird das noch mehr (lacht).

Machen dir Lesungen Spaß, und wie bereitest du dich darauf vor?

Lesungen machen mir sehr viel Spaß, weil das für mich auch eine der wenigen Gelegenheiten ist, mit den Lesern in Kontakt zu kommen, unmittelbar die Reaktionen zu bemerken. Ich bereite mich vor, indem ich die Szenen auswähle, die ich gerne lesen würde, die dann einen roten Faden ergeben. Aber ansonsten bin ich da sehr frei. Ich erzähle dann auch gerne das, was die Leute wissen wollen, was sie mich fragen – das ist dann jedesmal anders.

Du hast gerade den Kontakt zu den Lesern angesprochen – du hast ja auch immer schon Leserunden gemacht. Machst du sie gerne – ist es auch für dich ein Gewinn?

Ja. Unbedingt. Das möchte ich nicht missen, die Leserunden im Internet, denn da erlebe ich sehr engagierte Leser, die mir wirklich Kapitel für Kapitel Feedback zu meinem Buch geben. Das ist für mich wichtig, auch für die Weiterentwicklung, weil ich einfach merke: Wie kommen bestimmte Dinge an, und wie kann ich mich zum Beispiel auch beim nächsten Buch verbessern.

Du hast vorhin erzählt, es kann ein bestimmter Satz sein, der dich zu einem Buch inspiriert. Wie geht es dann weiter?

Ich bin jetzt keine Autorin, die komplett durchplant. Das heißt also auch: Ich kenne zwar das Ende, wenn ich anfange, zu schreiben, aber ich weiß nicht, ob es so ausgehen wird. Das heißt, da ist durchaus immer noch eine Eigendynamik drin bei mir beim Schreiben, und ich plane dann eher kapitelweise weiter.

Dein aktuelles Projekt hast du vorhin schon angesprochen. Kannst du uns ein bisschen mehr dazu sagen?

Mein Thriller wird „Hypnose“ heißen, und genau darum geht es auch in dem Buch. Es geht um die Frage: Inwieweit lässt sich ein Mensch unter Hypnose beeinflussen? Lässt sich der freie Wille eines Menschen überhaupt beeinflussen? Ich habe eine Protagonistin, die ist Journalistin. In deren Freundeskreis geschieht ein kaltblütiger Mord, und die Freundin ist auch geständig. Nur Inka, meine Protagonistin, die glaubt nicht an eine Schuld ihrer Freundin. Als sie nun versucht, herauszufinden, was da passiert ist, gerät sie selber in einen Strudel aus Angst und Paranoia, und schlussendlich ist ihr eigenes Leben in Gefahr.

Wie bist du zu der Geschichte gekommen?

Diese Geschichte hat mich genauso gefunden. Ich wusste, wenn ich jemals einen Thriller schreibe, was ich schon lange vorhatte, wird sich das um das Thema Hypnose drehen, weil das für mich ein ganz faszinierendes Feld ist: Auf der einen Seite ist Hypnose für Therapiezwecke äußerst geeignet, und auf der anderen Seite ist es ein Mysterium. Es ist der direkte Zugang zu unserem Unterbewusstsein. Und es ist die Frage: Können wir diesen Menschen, die diese Hypnose mit uns machen, können wir denen wirklich vertrauen?

Hast du dich mal selber in Hypnose versetzen lassen?

Ja, das gehört dazu. Wenn ich recherchiere – alles, was nicht im Strafgesetzbuch vorkommt, was ich recherchieren kann, recherchiere ich. Genauso gehört dazu natürlich auch, dass ich mich mehrmals in Hypnose habe versetzen lassen. Das ist natürlich schon sehr prickelnd und aufregend, wenn man auch schon so einen Plot im Hinterkopf hat.

Und wie war das Gefühl?

Ja, wenn man jetzt auch Hypnose beschreiben könnte! Man bekommt eigentlich alles mit. Es fühlt sich ein bisschen an wie autogenes Training, was vielleicht viele kennen. Es ist aber ein noch tieferer Trancezustand. Man merkt das insbesonders, wenn man wieder zurückgeholt wird aus der Hypnose. Es wird einem auch empfohlen, erst einmal eine halbe Stunde kein Auto zu fahren, denn man steht wirklich ein Stück weit neben sich. Was es natürlich dann noch gibt, das sind sogenannte post-hypnotische Suggestionen, wozu auch Amnesien gehören. Das heißt also auch, ein Hypnosetherapeut kann mir suggerieren, dass ich nicht mehr weiß, was innerhalb der Hypnose gesagt wurde oder was ich gesagt habe.

Hast du die Hypnosesitzung mit einem bestimmten Zweck – außer natürlich zu Recherchezwecken – hast du das mit einem bestimmten Hintergrund gemacht, oder nur, um es einmal auszuprobieren? Es gibt ja Hypnotisierungen zum Abnehmen und solche Sachen.

Nein, es war in der Tat die Recherche bei mir.

Ja, da dürfen wir dann gespannt sein. – Deine Romane sind erfolgreich. Was ist das Beste daran, eine erfolgreiche Autorin zu sein, und was ist das Nervigste?

Also, ich muss ganz ehrlich sagen, etwas Nerviges habe ich bisher an meinem Job noch nicht erlebt. Es ist ein toller Job. Es war für mich damals ein großer Schritt natürlich, in die komplette Selbständigkeit zu gehen, denn es ist einfach ein unsicheres Feld, nichtsdestotrotz – aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als einfach zu schreiben.

Die „Historica“ wird veranstaltet vom Autorenkreis der historischen Autoren Quo Vadis. Tauscht du dich mit deinen Kollegen aus über Recherchen, über Schreibmöglichkeiten – über welche Dinge?

Ja, durchaus. Das ist eine ganz wichtige Vereinigung, die damals von Ruben Wickenhäuser und Titus Müller ins Leben gerufen wurde und die ja mittlerweile über hundert Mitglieder hat. Der Austausch ist sehr wichtig, denn man sitzt alleine an seinem Schreibtisch. Oftmals, wenn es irgendwie klemmt, sei es bei der Recherche, sei es einfach mal, dass man mit irgendeinem Plot nicht weiterkommt – da ist es schon ganz wichtig, sich mit Kollegen austauschen zu können.

Erzählst du uns noch eine Anekdote aus deinem Schriftstellerleben?

Tja, dazu könnte ich eigentlich nur sagen: In Kurzfassung die Anekdote „Klein-Sina auf der Frankfurter Buchmesse“. Als ich zu meiner ersten Buchmesse eingeladen war und um zehn Uhr einen Termin mit meiner Lektorin hatte, dachte ich: Naja, wenn ich um acht Uhr in Stuttgart losfliege, müsste das locker reichen. Bis mir klar wurde, was für Dimensionen das eigentlich überhaupt auf dieser Messe selber sind. Als ich dann völlig abgehetzt vor meiner Lektorin stand – es war dann fünf nach zehn – meinte sie nur: „Ach, du bist die einzige, die es auf der Messe pünktlich schafft!“

Zum Schluss noch eine Frage: Welche Frage wurde dir noch nie gestellt, aber du würdest sie gerne beantworten?

Oh, du stellst Fragen! (Lacht. Pause.) Ja – vielleicht die Frage, wo ich mich in zwanzig oder dreißig Jahren sehe, denn die Frage stelle ich mir selber sehr häufig. Ich hoffe einfach, dass bis dahin noch ganz viele Bücher gelesen werden, dass das Medium Buch auch immer bleiben wird. Denn Geschichten habe ich, glaube ich, noch ganz viele zu erzählen, und ich hoffe auch, dass ich in zwanzig oder dreißig Jahren noch Geschichten erzählen kann.

Herzlichen Dank, liebe Sina!

Ich danke dir!

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