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Wladimir Kaminer – Ausgerechnet Deutschland Geschichten unserer neuen Nachbarn

Cover ©Goldmann

Cover ©Goldmann

gekürzte Lesung

2:19 Stunden

Sprecher: Wladimir Kaminer

Hörprobe *beim Verlag*

zum Inhalt (vom Verlag)

Über neue Mitbürger und unerwartete Nachbar

Täglich beobachtet Wladimir Kaminer, wie die Flüchtlingswelle Deutschland durcheinanderwirbelt. Und er beobachtet, wie das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen zahllose Geschichten hervorbringt. Diese erzählt Wladimir Kaminer voll Humor und echter Neugier, aber ohne falsches Pathos. Er berichtet von … (gekürzt, weil hier sehr viel aus dem nur zweistündigen Hörbuch verraten wird.)

Wie immer mit russischem Charme gelesen vom Autor selbst.

zum Autor (vom Verlag)

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Meine Meinung

Obwohl die Hörversionen zu Wladimir Kaminers Büchern immer gekürzt sind, habe ich sie wegen seines humorvollen Vortrags immer lieber gehört als gelesen.

Schon das Titelbild macht deutlich, dass es diesmal nicht „nur“ um Russen und Deutsche geht – ein Gartenzwerg mit einer Wasserpfeife. Es geht um die Flüchtlingsproblematik 2015, aus der Perspektive der Einwohner des kleinen Dorfs in Brandenburg, in dem er lebt. Schnell wird klar, dass sich durch das Eintreffen der zwei (?) Großfamilien im Dorf einiges ändert und die sehr langsam zunehmenden Deutschkenntnisse und Google Translator das Miteinander fördern. Gewohnt warmherzig und selbstironisch beschreibt der scharfe Beobachter die Ereignisse.

Wladimir Kaminer ist ein Meister des humorvollen Erzählens auch drastischer oder peinlicher Begebenheiten, doch hier liest er stellenweise sehr ungelenk, fast als ob er den Text nicht kennen würde. Da wäre mir der Mitschnitt einer Lesung lieber gewesen.

Auch bei seinen Lesereisen durch Deutschland sammelte er Material für dieses Buch, in dem es mal nicht „nur“ um Russen und Deutsche geht. Die Dorfbewohner versuchen auf ihre Weise den Flüchtlingen zu helfen und es gibt zahlreiche interessante und auch peinliche Begebenheiten. Es entsteht der Eindruck, die Flüchtlinge würden keinen Kontakt oder Deutsch lernen wollen, andererseits wirken die Spenden eher wie das Ergebnis einer Kellerentrümpelung… Er macht deutlich, dass es „die Syrer“ an sich nicht gibt und es für beide Seite nicht einfach ist, zeigt, wie sich der Umgang im Dorf langsam ändert, durch wachsende Sprachkenntnisse auf beiden Seiten und nicht zuletzt dank Google Translator.

Gegen Ende gibt es noch ein so amüsantes wie treffendes Kapitel über die Gender-Manie. :grin

Das Thema liegt ihm am Herzen, das wird vor allem in der zweiten Hälfte deutlich. Die Auswahl der Kapitel wirkte auch mich etwas wahllos, die Handlung wechselte abrupt, es entstand oft der Eindruck, etwas würde fehlen.240 Seiten auf 2:19 Stunden, da wurde vermutlich viel ausgelassen.

Fazit

Die Buchversion ist in diesem Fall vermutlich deutlich besser, denn Wladimir Kaminer erzählt gewohnt humorvoll, auch wenn deutlich ist, dass auch er das Verhalten seiner neuen und alten Nachbarn nicht nachvollziehen konnte. Er hat sich eines schwierigen Themas angenommen, reißt viele Probleme an und vertritt die Ansicht, dass die Ereignisse 2015 weitaus tiefgreifendere Folgen haben als die deutsche Wiedervereinigung.

Vielleicht werde ich das 240 Seiten dicke Buch noch lesen, auf das mich das Hörbuch neugierig gemacht hat oder mal wieder zu einer seiner Lesungen gehen. Die vermutlich auf die Hälfte gekürzte und stockend vorgetragene Hörfassung kann ich leider nicht so recht empfehlen.

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Der bayerische Sturm, 05.05.2018, Stadttheater Landshut

Der Sturm von William Shakespeare ist wohl unangefochten mein liebstes Theaterstück. Daher besuche ich natürlich möglichst alle Inszenierungen dieses Werkes in meiner Nähe. Als ich im Programm des Landestheater Niederbayern vom Bayerischen Sturm gelesen habe, musste ich natürlich mal wieder ins schöne Landshut in das Theaterzelt reisen (das Stadttheater wird im Moment renoviert). Es war die siebte Inszenierung des Sturms, die ich bisher gesehen habe und sicherlich die interessanteste Interpretation dieses Werkes.

Foto: Peter Litvai

Regisseur Wolfgang Maria Bauer versetzte die gesamte Handlung des elisabethanischen Schauspiels an sich in den Kopf Prosperos, eines an Alzheimer erkrankten Patienen in einer bayerischen Pflegeanstalt. Der ältere Mann sitzt meist vor einem Computerbildschirm, der Bilder einer tropischen Insel zeigt. Um ihn herum diskutieren die Schwestern und Pfleger anfangs über ihren Berufsalltag und ein geistig verwirrter Mitpatient versucht mit ihm zu kommunizieren und setzt sich dann schließlich ins Publikum. Zunächst gibt es also nicht viel Shakespeare zu hören, bis man schließlich während eines Anfalls in die Gedankenwelt des Kranken eintaucht. Dort lernt man den Luftgeist Ariel kennen, den treuen Diener Prosperos, der sich nun völlig klar und würdevoll als verstoßener Herzog Mailands sieht. Auch trifft der Zuschauer auf den Wilden Caliban, der jedoch anfangs nicht die menschliche Sprache beherrscht, sondern erst vom gestrandeten Trinculo tiefstes Bairisch lernt. Alle anderen Figuren erscheinen in der Gestalt des Krankenhauspersonals. Von da an läuft die Handlung von Shakespeares Werk, wenn auch stark gekürzt und mit weniger Personen (so wurden unter anderem der König von Neapel und sein Bruder gestrichen) ab, immer wieder unterbrochen von Ausflügen in die „Realität“. So reicht der Patient Propsero etwa die Hand seiner Lieblingskrankenschwester bzw. in seiner Fantasie seiner Tochter Miranda dem sympathischen Pfleger Ferdinand alias Prinz von Neapel. Diese Wechsel werden durch das Lichtdesign immer deutlich angezeigt. Gerade gegen Ende werden diese Realitätswechsel immer häufiger. Und schließlich merkt man, dass die beiden reinen Fantasiegestalten für Prosperos Kampf mit seiner Krankheit stehen: Ariel für seinen klaren Verstand, Caliban für das Vergessen und die Unfähigkeit sich zu artikulieren.
Das Bühnenbild und die Kostüme von Aylin Kaip zeigen vor allem die Kontraste zwischen Fantasie und Realität. Das Krankenzimmer ist ein halbrunder, steriler Raum mit riesigen Milchglasfenstern, die in verschiedenen Farben beleuchtet werden und in denen sich verschieden große Öffnungen befinden, die ein wenig an die Schubläden erinnerten, mit denen Psychologen gerne die menschliche Erinnerung vergleichen. In die Kostüme fließen verschiedene Elemente aus der Klinik ein, Ariel ist zum Beispiel in reine, weiße Verbände gewickelt, während Caliban eine dreckige Zwangsjacke trägt. Die Decke des Kranken wird zum Herzogsmantel und stellt sich später als überdimensionaler Bucheinband heraus, da ja auch Wissen und Bücher für Shakespeares Helden eine wichtige Rolle spielen.
Olaf Schürmann zeigt als Prospero eine beeindruckende Leistung. Der Darsteller wirkt am Anfang tatsächlich wie ein kranker alter Mann, der sich nicht mehr richtig artikulieren und bewegen kann und nur noch wenige klare Momente zeigt. In seinen Gedanken ist er jedoch ein stolzer und würdevoller Herrscher. Katharina Elisabeth Kram macht dem Luftgeist Ariel mit fließenden, sanften Bewegungen und milder Stimme alle Ehre. Joachim Vollrath habe ich witzigerweise bei meiner allerersten Inszenierung des Sturms vor neun Jahren als Ariel gesehen, nun durfte er in die Rolle des Wilden Caliban schlüpfen, der anfangs trotz fehlender Sprache seiner Wut gegenüber Prospero Ausdruck verleihen kann. Reinhard Peer darf als Trinculo beziehungsweise Verrückter in der Klinik für die Lacher des Abends sorgen, was einem manchmal aber im Halse stecken bleibt, wenn uns die Tragik der Situation eines geistig kranken Menschen bewusst wird. Paula-Maria Kirschner, Mona Fischer, Laura Puscheck und Ella Schulz spielen zumeist die Krankenschwestern und zeigen zusammen mit dem „Kollegen“ Julian Niedermeier vor allem den Alltag des Pflegepersonals, der trotz allen Stresses auch noch Menschlichkeit und Güte beinhaltet.

Untermalt wird die Inszenierung von der Musik Johnny Cashs, die von einem Musiker, der jedoch nicht in die Handlung eingreift, life gespielt und zum Teil von den Darstellern auf Englisch und Bairisch gesungen werden.

Foto: Peter Litvai

Der einzig kleine Kritikpunkt war, dass ich mir unter dem Titel ein wenig mehr Einflüsse aus der bayerischen Kultur und Sprache erwartet hatte. Die einzig bairisch sprechenden Rollen sind Trinculo und Caliban und die Klinik befindet sich in Bayern. Trotzdem war ich jedoch in keinster Weise enttäuscht.
Man braucht eventuell ein wenig, um die Kombination zwischen der Pflegethematik und Shakespeares Stück zu verstehen, doch lässt man sich erst einmal darauf ein, ist Der bayerische Sturm ein spannender und bewegender Theaterabend. Noch bis 2. Juni haben Zuschauer in Landshut, Straubing und Passau diese herausragende Inszenierung zu sehen. Weitere Informationen können auf der Webseite des Landestheaters Niederbayern gefunden werden.

http://landestheater-niederbayern.de/events/235

Regie: Wolfgang Maria Bauer
Kostüme / Bühne: Aylin Kaip

Prospero: Olaf Schürmann
Antonia, seine Schwester: Paula-Maria Kirschner
Ferdinand: Julian Niedermeier
Caliban: Joachim Vollrath
Trinculo: Reinhard Peer
Miranda: Mona Fischer
Ariel: Katharina Elisabeth Kram
Zwei Krankenschwestern: Laura Puscheck, Ella Schulz
Johnny Cash: David Moorbach

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Pumuckl, 07.05.2018, Gärtnerplatztheater

Hurra, hurra, der Pumuckl ist wieder da! Ich denke ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass auch heute nicht nur junge (und junggebliebene) Bayern den frechen Kobold kennen und lieben. Seit 1962 begleitet die Kunstfigur der Autorin Ellis Kaut Generationen von Menschen und lässt sie in eine fantasievolle Welt eintauchen die – zumindest den Münchnern – trotzdem so vertraut ist. Ich selbst habe die Abenteuer von Pumuckl durch die Fernsehserie, die Bücher und die Sendung Pumuckl-TV kennen gelernt und mich sehr auf das neue Musical im Gärtnerplatztheater gefreut, wenn auch mit dem leisen Hintergedanken: wird es so sein wie früher?
Also habe ich mich bei der Vormittagsvorstellung unter die zahlreichen Schüler gemischt und war mindestens genauso gespannt wie sie. Das neue Musical von Anne Weber mit der Musik von Franz Wittenbrink spielt in der heutigen Zeit, was sich auch in der Musik widerspiegelt. Etwas jazzig, ein bissl bayerischer Flair mit Tuba und Zither und natürlich viel moderner Musicalsound. Auf der Drehbühne steht eine wundervolle, minimalistische Version von München, entworfen von Judith Leikauf und Karl Fehringer mitsamt Rathaus, Frauen- und Peterskirche. Die Kostüme von Tanja Hofmann sind knallbunt und passen definitiv in ein Kinderstück, das ja für die Jüngsten auch etwas fürs Auge bieten sollen.

Foto: Christian POGO Zach

Die Handlung des Stücks ist aus den verschiedensten Abenteuern Pumuckls zusammengemischt, die ein oder andere Szene kam mir also durchaus bekannt vor und ließ mich in Kindheitserinnerungen schwelgen. Und wie früher auch ist zwar alles sehr lustig, aber auch durchaus tiefgründig. Zum Beispiel erfahren wir im Musical, wie Pumuckl nach München gekommen ist. Die vielen kleinen Abenteuer wurden aber geschickt verbunden, wenn der Pumuckl etwa in Möbelstücken versteckt durch München reist.
Aber natürlich würde alles ohne gute Darsteller nichts nützen. Zwar muss man sich in dieser Hinsicht beim Gärtnerplatztheater selten Sorgen machen, aber ich war vor allem gespannt, wie Pumuckl und Meister Eder in die Fußstapfen ihrer Vorgänger treten würden. Gustl Bayrhammer war mein größter Kindheitsheld, aber Ferdinand Dörfler spielt die Rolle des grantigen Schreinermeisters wundervoll, ohne dabei zu versuchen seinen Vorgänger zu kopieren. Er gibt den eher gemütlichen Bayern (mit wunderbar ungetrübtem Dialekt), der trotzdem auch temperamentvoll werden kann. Dagegen ist Christian Schleinzer einen dauerquirligen Kobold, der sich von der ersten Sekunde in die Herzen der jungen (und älteren) Zuschauer spielt. Stimmlich ist der Gärtnerplatz-Pumuckl nicht ganz so krächzend wie der legendäre Hans Clarin und sein Nachfolger Kai Taschner, aber das ist zu verzeihen, weiß man doch wie sehr das auf die Stimme geht. Außerdem passt seine kindliche Art ebenfalls perfekt zu dieser Figur und lässt das Publikum unweigerlich mit ihm mitfiebern. Auch nach der Vorstellung machte sich Schleinzer übrigens bei den Kindern sympathisch, da er – noch im Kostüm – aus seiner Garderobe heraus Bonbons wirft.

Foto: Christian POGO Zach

Da ich mich mit dem Thema Dialekt im Theater viel befasse, fand ich es natürlich besonders spannend, dass nicht nur Meister Eder sondern auch viele andere Figuren wie das Schlosserehepaar Schmitt, gespielt von Ulrike Dostal und Stefan Bischoff oder die Stammtischbrüder Meister Eders im Biergarten. Eim komödiantisches Highlight ist Pumuckls Ausflug ins Schloss, bei dem die Dienstmädchen (Susanne Seimel und Ulrike Dostal) und der herrlich nervöse Butler (Peter Neustifter) mit dem Hausgeist inklusive blutiger Handabdrücke und stehen gebliebener Uhren zu kämpfen haben.
Der tosende Applaus der großen und kleinen Zuschauer zeigt mal wieder, dass Geschichten wie die von Ellis Kaut zeitlos die Menschen begeistern können und die ausverkauften Vorstellungen zeigen, dass der Pumuckl in München sehr gut ankommt. Aber für alle enttäuschten Fans, die keine Karten mehr ergattern konnten, gibt es eine gute Nachricht: Der Kobold darf auch in der nächsten Saison wieder das Staatstheater durcheinander bringen.

https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/Pumuckl-musical.html/m=364

Dirigat: Andreas Kowalewitz
Regie: Nicole Claudia Weber
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Judith Leikauf / Karl Fehringer
Kostüme: Tanja Hofmann
Licht: Jakob Bogensperger
Dramaturgie: David Treffinger

Pumuckl: Christian Schleinzer
Meister Eder: Ferdinand Dörfler
Frau Reitmayer, Lehrerin: Marianne Sägebrecht
Frau Steinhauser / Gräfin: Dagmar Hellberg
Monika Steinhauser, ihre Schwiegertochter: Angelika Sedlmeier
Hanna, ihre Enkelin / Vreni, Dienstmädchen: Susanne Seimel
Schlosser Schmitt: Stefan Bischoff
Gerti Schmitt, seine Frau / Vroni, Dienstmädchen: Ulrike Dostal
Schubert: Maximilian Berling
Bartel: Alexander Bambach
Wirt: Martin Hausberg
Butler Jakob: Peter Neustifter
Chauffeur: Frank Berg
Wirtshausgäste: Stefan Thomas, Dirk Lüdemann, Thomas Hohenberger

Kinderchor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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Blitzlichter, 03.05.2018, Hofspielhaus

Das Schauspiel-Business ist ein hartes Pflaster. Soviel sollte jedem, der sich mit dem Beruf befasst, klar sein. In seiner schwarzen Komödie Blitzlichter erzählt uns Schauspieler und Regisseur Moses Wolff genau davon.
Auf der Suche nach der großen Karriere landen zwei junge Frauen, die selbstbewusste Bella und die naive Isi bei einer Agentur, deren Chefin sich schon beim Vorsprechen sehr herrisch gibt: während sie auf einem Thron umgeben von Schauspielerbiografien sitzt müssen die Mädchen vor ihr knien. Obwohl alles im ersten Moment schon dubios scheint, freuen sich Isi und Bella über die Aufnahme in der Agentur. Schließlich wurden sie schon an mehreren Schauspielschulen abgewiesen und hier winkt ihnen neben dem großen Geld auch Unterricht. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Agenturchefin und ihr Assistent Ted lediglich Schauspielerinnen suchen, die sie mit einem Kredit an sich binden können und zur finanziellen Sanierung ihrer Firma an Werbungen, schlechte Serien und Sexfilmchen vermitteln. Außerdem müssen sich die beiden jungen Frauen nicht nur ein Zimmer sondern sogar ein Bett teilen. Der Frust über die Situation staut sich vor allem bei der forschen Bella an, sodass sie schließlich ihre Wut an Isi auslässt und sie nach allen Regeln der Kunst quält.

Foto: Verena Mittermeier

Die Idee und Geschichte des Stücks ist zweifelsfrei spannend und schlüssig, nur fand ich persönlich sehr schade, dass die Handlung eigentlich kaum die Gelegenheit hat, an Fahrt aufzunehmen. Ich weiß nicht, ob die Darsteller an diesem Abend einfach nur durcheinander waren oder das Stück so geplant ist. Auf jeden Fall wirkt der Text oft fast improvisiert, vor allem in den Dialogen zwischen den Agenturchefs. Das wirkte auf mich leider eher störend denn realistisch, weil es den Spielfluss stellenweise für mein Empfinden doch enorm bremste. Gegen Ende jedoch fieberte ich richtig mit den beiden Mädchen mit und das war auch wirklich großartig geschrieben und gespielt!
Bei den Darstellern und den von Wolff geschaffenen Figuren kann man tatsächlich nicht meckern, sie sind für eine schwarze Komödie passend überspitzt und bringen viel Situationskomik aber auch Nachdenkliches in den Abend ein. Der Kontrast zwischen den „Heldinnen“ könnte kaum größer sein. Isi, gespielt von Luzia Weiß ist in ihrem Auftreten völlig schüchtern und redet leise und unsicher. Sie will die Ausbildung eigentlich nur machen, um später als freie Künstlerin ernst genommen zu werden. Bella, dargestellt von Sandra Julia Reils dagegen weiß was sie will und scheut sich auch nicht, mit unfairen Mitteln für ihre Ziele zu kämpfen.
Der Autor und Regisseur selbst spielt den angeblichen Schauspielcoach Ted, der aber weniger am Unterrichten denn an den Körpern seiner Schülerinnen interessiert ist. Wolff gibt das Ekelpaket, der sich hinter einer kumpelhaften Fassade versteckt äußerst überzeugend. Völlig durchgeknallt wirkt die von Sandra Seefeld gespielte Agenturchefin Kim, die ihren Spielzeughund „Helene Fischer“ liebevoll hegt und pflegt und auch ihre Untergebenen behandelt wie Vierbeiner – inklusive Leckerlis, Halsbändern und Kommandos. Lustig sind die Situationen zwischen den vier sehr unterschiedlichen Figuren allemal, wenn einem auch manchmal das Lachen sehr schnell im Halse stecken bleibt.
Noch am 10, 24., 25. und 26. Mai sowie am 1. Juni sind die Blitzlichter um jeweils 20 Uhr im Hofspielhaus zu sehen. In jedem Fall wird hier dem Zuschauer die scheinbar heile Film- und Theaterwelt vor Augen geführt und das in einer durchaus unterhaltsamen Art und Weise.

https://www.hofspielhaus.de/spielplan/detailansicht/blitzlichter.html

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Musik und Menschlichkeit – Die Deutsche Orchestervereinigung setzt ein Zeichen

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens vlnr ©Maren Strelau

Ahmad Shakib Pouya, Albert Ginthör, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Halle an der Saale, 24. April: Die rund 300 Gäste in der Georg-Friedrich-Händel-Halle, fast alles Berufsmusiker, erheben sich geschlossen und applaudieren begeistert dem Kollegen auf der Bühne. Dort steht Albert Ginthör vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Doch nicht einer musikalischen Darbietung gelten die Ovationen sondern dem beispielhaften Mut und der Hartnäckigkeit, mit der der Geiger seinem afghanischen Musikerkollegen Ahmad Shakib Pouya das Leben gerettet hat.

Eine Geschichte wie ein Opernlibretto: Seit 2010 lebt Pouya, der in seiner Heimat wegen seiner pro-westlichen Einstellung von den Taliban mit dem Tod bedroht wird, in Deutschland, integriert sich vorbildlich und wirkt als Hauptdarsteller des Gomatz in “Zaide. Eine Flucht” (ein Opernprojekt auf Basis der unvollendeten Mozartoper Zaide) mit. Doch die deutschen Behörden wollen ihn in seine angeblich sichere Heimat abschieben. Da eine Abschiebung eine Wiedereinreisesperre nach Deutschland nach sich ziehen würde, entschließt sich Pouya, “freiwillig” nach Afghanistan zurückzukehren.

Albert Ginthör, der über das Opernprojekt mit Pouya in Kontakt kommt, erkennt, wie gefährlich diese Reise ist. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung des Kollegen zu verhindern. Doch alle Petitionen, auch an hochrangige Politiker, bleiben erfolglos. So entschließt sich Ginthör ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, Pouya nach Kabul zu begleiten. “Wenn die Behörden meinen, Afghanistan sei ein sicheres Land, dann sollen sie sich mal um meine Sicherheit kümmern” meint er beherzt und setzt sich als einziger Europäer (von den Abschiebebeamten einmal abgesehen) in den Flieger.

In Kabul angekommen erwarten ihn und Pouya Maschinengewehre und ständige Angst und Unsicherheit. Sie wechseln ständig ihren Aufenthaltsort, Kontakte mit Freunden und Familie von Pouya sind schwierig, um diese nicht zu gefährden. Eine Art Leben im Untergrund. Gleichzeitig versucht Ginthör, Pouya einen Termin in der Deutschen Botschaft zu verschaffen, um ihm die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen.

Dank der Intervention der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und eines neuen Rollenangebotes der Münchner Schauburg für das Fassbinder-Stück “Angst essen Seele auf” gelingt es schließlich, Pouya mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland wieder einreisen zu lassen.

Happy End also und gleichzeitig die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.

Wie bei fast jeder Geschichte, bei jedem Theaterstück frage ich mich: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich irgendwann aufgegeben? Hätte ich auch mein Leben riskiert? Bei Opernstoffen ist diese Identifizierung immer ein Stück weit Phantasie, aber hier, bei dieser Geschichte, da ist es etwas anderes. Und ich glaube, genau das ist es, was uns Albert Ginthör gezeigt hat: Wer von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt ist, wer Gerechtigkeit und Menschlichkeit liebt, der lebt auch dafür und da stellt sich die Frage nach dem “Ob” gar nicht, da gibt es nur eine Antwort, die das Gewissen einem gibt: Gib nicht auf, tu alles, um dein Ziel zu erreichen.

Das haben wohl alle Gäste im Saal gespürt und Albert Ginthör applaudiert, als er ein wenig schüchtern (“wenn ich Ihnen auf meiner Geige etwas vorspielen dürfte, wäre das etwas anderes”) den undotierten Sonderpreis des Hermann Voss Kulturpreises 2018 entgegennimmt.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerald Mertens ©Maren Strelau

Auch die Hauptpreisträgerin, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW hat mit Leidenschaft und persönlichem Einsatz etwas wertvolles erreicht, nämlich den Kulturhaushalt ihres Bundesland signifikant zu erhöhen. Das verdient gerade in einer Zeit, die von unsäglichen Neid-Debatten geprägt ist, großen Respekt. Ist es denn nicht so, dass Kultur zeigt, wie gut es um eine Gesellschaft bestellt ist, dass Kultur uns vereinfacht gesagt, erst zu “Menschen” macht?

Gerade für mich als Coach für Stressbewältigung war auch das restliche Programm des prall gefüllten Tages absolut spannend. In dem Forum, für das ich mich eingeschrieben hatte, ging es vorrangig um die “Arbeitsbedingungen für Musikvermittler(inne)n”. In der Diskussion mit einer der Referentinnen, der Psychiaterin Dr. Déirdre Makorn wurde aber schnell klar, dass nicht nur Musikvermittler (diese vor allem durch die wirtschaftliche Unsicherheit ihres Berufsfeldes) sondern auch alle Orchestermusiker einer erhöhten Stressbelastung ausgesetzt sind. Das hat viel mit Ängsten zu tun (zu versagen, Fehler zu machen etc.) als auch mit den Konflikten in einem Team, das aus lauter hoch spezialisierten Individualisten besteht. Leistungsdruck bei Vorspielen sind nur der Anfang, auch im späteren Orchesteralltag bewegen sich die Musiker(innen) stets auf einer Gratwanderung zwischen Perfektionismus, Leistungsanspruch und der Be- und oft Ab-Wertung von Kolleg(inn)en und – nicht zu vergessen! – auch von sich selbst. Ich denke, das ist den wenigsten von uns bewusst, wenn wir ins Theater oder Konzert gehen und beim Genuss der Musik uns bereichern lassen.

Dieser Tag hat mir viele Erkenntnisse geschenkt und ich bin sicher, dass ich mit noch mehr Hochachtung als ich sie bisher schon hatte, auf die Bühne und in den Orchestergraben schauen werde.

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