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Das Durchhalten

Das Durchhalten

„Monsieur Wagner a de beaux moments, mais de mauvais quart d’heures.“
Nicht, dass er selber, der Signore Rosssini dagegen gefeit wäre, doch er hat recht. Ja manchmal – und bei Gott eben nicht nur beim Bayreuther Marathon – zieht es sich und selbst als größter Enthusiast spürt man die Längen gerade auf den Stehrängen und in den Schenkeln. Den Oberkörper auf die Brüstung geladen, ein Bein auf dem Tritt, das andere voll belastet und der Sopran will und und will noch immer nicht sterben…
Ausdauer und theatrale Sportivität sind natürlich Voraussetzung für den Begeisterten, doch manches Mal könnte es einem die Regie wirklich einfacher machen. Müssen die Nonnen denn ohne Umbau und Unterbau stundenlang in diesem Bunker verharren und die Serailbewohner auf diesen abwechslungslosen Sofas dahinsimmern und –singern?
Würd nicht ein bisserl Licht und Bums und Nebel und Feuerwerk alles ein bisserl aufpeppen? Meister Goethe hat doch die richtige Einkaufsliste fürs Spektaktel, dass bitte nicht nur beim Vorspiel sondern allüberall am Theater Verwendung finde:
„Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“
(natürlich Vorspiel, Faust I)
Aber bitte zur rechten Zeit!
Nicht nur ewig Hölle und ein Hauch Himmel am Ende. Das ko(s)mische Feuerwerk und Wasserspiel am Ende des Münchner Liebestrankes (Verzeihung: Elisirs) konnte mich nicht mehr aus der Einödenstimmung von zwei Akten in postzivilisatorischem Grau samt Mähdrescher und Endzeitstimmung reißen. Musste das ganze Budget auf dreißig Sekunden Schlussbammbamm aufgespart werden, wo man schon bei der Ouvertüre ein paar Sterne werfen könnte?
Bei einer 3D-Turandot kürzlich war die ganze Eishockeymannschaft zumindest samt Schlittschuhen und Eisfläche schon im ersten Akt auf der Bühne. Die haben sie sich nicht (auf)gespart. Und kurzweilig wars zumindest. Auch was für den Sportschaufan.
Bei einer Zauberflöte am Gärtner dacht ich gar im Rang, ich sei eingenickt und zu lang geblieben, als eine Putzfrau über die Bühne kehrte. Aber nein, keine Sorge, es war die Pamina im, …äh mit Eimer.
Es muss ja nicht immer Bregenz mit Wackelkopf und Schifferlfahrt und Stunt und Feuer und Wasserballett sein. Wir sind ja auch im Kleinen geduldig und duldsam. Wenn die Qualität stimmt, dann stehen wir es durch und denken gar nicht ans Bein, weil Bass und Bariton und und und uns schweben ließen.
Na ja spätestens zum Applaus kann man sich ja kräftig ausschütteln und gymnastisch rhythmisch ein Bewegungsintermezzo hinlegen. Einige ölen ja sogar schon zwischen den Akten ihre Stimmbänder neu, vom langen Schweigen mit gutturalen Buhu-Lauten. Dazu zähle ich aber nicht. Viele müssen dann halt auch – wohl wegen Arthritis früher gehen. Verständlich vielleicht, wenn man am regem Wehnenleiden oder wehem Regieweinen leidet.
Wieder andere nutzen ein Zwischennickerchen um sich fürs Finale neu zu erwecken. Nur ein Herr verschnarchte leider kürzlich das lucevan le stelle, weil halt da das Vorspiel zu leise war. Das konnte bei der himmelschreiend lauten und lauteren Lola in Cuv nicht passieren, da heizten die Pollyestersounds so lautstark ein, dass einige Abonnenten ihr eigenes Kopfschütteln nicht mehr hören konnten. Dafür waren sie wach. Und durften im Sprechtheater noch dazu sitzen oder manchmal aussitzen bis diese verquaste Reise ans Ende der Geduld und in die frühen Morgenstunden am Resi sein schwer identifizierbares Ende nahm. In der Oper steht Sänger und Stehplatzender bis zum Abbruch oder Zusammenbruch, wie Wotan zu Zeiten der ersten Krampfader weiß:
Zusammenbreche,
was ich gebaut!
Auf geb’ ich mein Werk;
nur Eines will ich noch:
das Ende,
das Ende! – Walküre II.,2.
Na Meister Wälse, das kommt doch dann auch 2 Stunden bzw. 2 Tage später. Aber was soll’s Vergessen wir nicht:
Tja, die Oper hat die großartigste Stunden, doch einige zähe, wehe Momente.

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Christine Kabus – Töchter des Nordlichts

Christine Kabus schafft es auch mit ihrem zweiten Roman Töchter des Nordlichts ein spannendes Familiendrama mit der Geschichte eines Landes zu verweben, das den meisten Lesern relativ unbekannt sein dürfte.

Der Debutroman Im Land der weiten Fjorde handelt von der Geschichte Norwegens im zweiten Weltkrieg und die Besatzung durch Deutschland. Kabus greift eine Figur aus diesem Roman, Nora, auf und erzählt deren Lebens- und Familiengeschichte. Dabei geht sie weiter zurück an den Beginn des 20. Jahrhunderts und die Bemühungen der Norweger, die Ureinwohner, Sami genannt, zu unterdrücken und die Kultur auszulöschen. Zwar schließt Töchter des Nordlichts zeitlich direkt an den ersten Norwegenroman der Autorin an, kann aber eigenständig gelesen werden.

Nora ist ohne Vater aufgewachsen und begibt sich mit ihrer Mutter auf die Suche nach ihren Wurzeln. Sie erfährt, dass sie samische Vorfahren hat und lernt die Familie ihres Vaters endlich kennen. Neben Liebe und Anerkennung schlägt ihr aber auch Hass entgegen, denn auch unter den Samen gibt es radikale Gruppen. Parallel dazu wird die Geschichte von Áilu erzählt, einem neunjährigen samischen Mädchen, dass 1915 in der Finnmark, dem nördlichsten Teil Norwegens, von den Behörden entführt und in eine Umerziehungsanstalt gesteckt wird, um aus ihr die gute Norwegerin Helga zu machen. Áilu passt sich zunächst an und verleugnet ihre Identität, kann aber ihre samischen Wurzeln nicht vergessen.

Christine Kabus erzählt mit leichter Hand den Weg dieser beiden unterschiedlichen Frauen auf der Suche nach ihrer Identität. Dabei flicht sie geschichtliche Hintergründe ein, ohne zu werten. Der Leser erfährt viel über das Volk der Samen, ihre kulturelle Tradition und den Versuch, diese auszulöschen. Im deutschen Geschichtsunterricht lernt man dazu leider nichts, aber die Autorin versteht es, dem Leser die nicht ganz unproblematische Vergangenheit Norwegens nahe zu bringen. Aus jedem Satz leuchtet ihre Liebe zu diesem Land wie eine Fackel im Wintersturm.

Die Bücher der Autorin stechen aus dem Einheitsbrei der Familiensagas durch glaubwürdige Entwicklung der Figuren, wunderbare Landschaftsbeschreibungen und einen ungewöhnlichen Handlungsort hervor. Auf den nächsten Roman darf man gespannt sein.

Christine Kabus, 1964 in Würzburg geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte als Dramaturgin und Lektorin bei verschiedenen Film- und Theaterproduktionen, bevor sie sich 2003 als Drehbuchautorin selbstständig machte. Schon als Kind zog sie der hohe Norden, den sie zunächst durch die Bücher von Astrid Lindgren und Selma Lagerlöf kennenlernte, in seinen Bann. Vor allem die ursprüngliche, mythische Landschaft Norwegens beflügelte ihre Phantasie. Sie begann, die Sprache zu lernen und sich intensiv mit der Geschichte Norwegens zu beschäftigen.

 

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Uraufführung Arsen – ein Rokokothriller, 20.03.2014, Gärtnerplatztheater im Cuvilliéstheater

Arsen - ein Rokokothriller | HPO  | 13.03.2014 Die Zusammenarbeit des norwegischen Choreografen Jo Strømgren mit dem Gärtnerplatztheater versprach spannend zu werden, ist der Norweger doch dafür bekannt, genreübergreifend zu arbeiten. Herausgekommen ist ein Handlungsballett, das meine Erwartungen weit übertroffen hat, ich habe noch nie einen so unterhaltsamen Ballettabend erlebt.

Zur Zeit Max III Joseph – eine sehr schöne Referenz an den Spielort, das Cuvilliéstheater wurde in seinem Auftrag erbaut – vertreibt man sich im Schloß und Parks von Baron und Baronin die Zeit mit mal lustigen, mal weniger lustigen Spielchen und ausufernden Festen. Die Adeligen sind bunt gemischt und kommen aus vieler Herren Länder. Als jedoch ein Paar aus Ungarn anreist, das ein bisschen anders ist, wird es ausgegrenzt. Bals darauf stirbt die Baronin unter ungeklärten Umständen und die höfische Gesellschaft bekommt es mit der Angst zu tun. Seelischen Beistand können sie von dem etwas kopflos agierenden Pfarrer auch nicht erwarten. Bald geht man jedoch wieder zur Tagesordnung über, bis das Böse erneut zuschlägt.

Arsen - ein Rokokothriller | HPI  | 17.03.2014 Jo Strømgren gelingt ein fast schon genialer Mix aus Schauspiel und Tanz, es ist lustig, es ist böse, manchmal werden Grenzen überschritten und dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Er hält uns einen Spiegel vor, wir erkennen uns selbst, wollen es aber nicht wahrhaben. Das spielt doch im Rokoko, was kann das mit unserer Zeit zu tun haben? Sehr viel.
Da kommen zwei, die aus dem Rahmen fallen. Die eingeschworene Gemeinschaft beobachtet sie kritisch, lässt sie außen vor, zerreißt sich das Maul über sie, lässt sie auflaufen, imitiert sie dabei heimlich. Höfische Schreittänze gegen modernen Tanz. Dabei sind sie doch alle nur Versuchskaninchen. Da werden Menschen als Sklaven gehalten, dürfen nur Lendenschürze tragen. müssen die anderen bedienen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es sind die Gastarbeiter aus dem Osten, es fehlt eigentlich nur das “Ferner” und schon sind wir in der heutigen Zeit, wo Menschen in Fabriken sterben, damit wir billige Kleider kaufen können.
Da wird Blinde Kuh gespielt und als nächstes Weiber abknallen im Stile einer Schießbude. Ich zumindest fühle mich da an einige Verbrechen auch in letzter Zeit erinnert. Die Kunst von Jo Strømgren, der im letzten Jahr bereits mit dem Ballettensemble einen Akt von Minutemade erarbeitet hat, ist es, dies alles mit leichter Hand zu servieren, man merkt gar nicht, was sich da eigentlich vor einem abspielt. Sicher, ich hab auch nicht alles verstanden und einiges verpasst, denn es ist meistens ziemlich viel los auf der Bühne. In einem entscheidenden Moment gibt es einen Rewind und man kann sich die Szene dann nochmal in Zeitlupe ansehen. Und für alles andere gibt es einen zweiten und dritten Besuch, der sich auf alle Fälle lohnt. Es sind einige tolle Gags dabei, die sicher auch bei einer Wiederholung zünden. Da werden Tänzer als Statuen weggetragen, da gibt es eine orientalische Version des höfischen Schreittanzes, da wird viel gemordet, nicht nur mit Arsen, und wieder auferstanden. Der Abend lebt von der Situationskomik, die das Ensemble präsentiert als ob sie nie etwas anderes machen würden. Ganz großes Kino.

Arsen - ein Rokokothriller | HPI  | 17.03.2014 Die Bühne, ebenfalls von Jo Strømgren, bezaubert mit federleichten Umbauten von der Kapelle zum Schloss und wieder zum Garten, die Kostüme von Bregje van Balen lassen Rokokopracht erkennen, ohne die Tänzer allzu sehr einzuschränken.

Die Tänzer zeigen, dass sie nicht nur ausgezeichnet Tanzen, sondern auch sehr gut Schauspielern können, ohne das hätte der ganze Abend nicht funktioniert. Denn es wird beileibe nicht nur getanzt, sondern auch sehr viel gespielt. Eine tolle Leistung des Ensembles, die auch noch zusammen mit Strømgren die Choreografie entwarfen. Ich empfinde den Abend als ideal geeignet für den Ballettneuling, aber bitte nicht zu jung, das Theater empfiehlt einen Besuch ab 13 Jahre. Einerseits wird toll getanzt, zum Beispiel wirklich wunderbare Pas de Deux, andererseits kann man auch herzhaft Lachen. Man verbringt einen sehr unterhaltsamen Abend, dessen Tiefgang sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Einzig am Ende plätscherte es mir etwas zu sehr dahin, hier hätte mir ein Schlussakkord mit einem Paukenschlag besser gefallen.

Arsen - ein Rokokothriller | HPI  | 17.03.2014 Unterlegt ist das Ganze mit Stücken von Antonio Vivaldi, Tomaso Albinoni, Arcangelo Corelli, Heinrich Ignaz Franz Biber und Rabih Abou-Khalil, präzise dargeboten vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter dem musikalischen Leiter Jürgen Goriup. Besonders gefallen haben mir die Cello-Soli von Hans-Peter Besig. Es war nichts dabei, was wirklich ins Ohr ging, aber es passte immer hervorragend zu dem Geschehen auf der Bühne.

Weitere Vorstellungen am Sa. 22. März 2014 19.30 Uhr*, So. 23. März 2014 18.00 Uhr, Di. 1. April 2014 19.30 Uhr, Do. 3. April 2014 19.30 Uhr, Mo. 7. April 2014 19.30 Uhr, Mi. 9. April 2014 19.30 Uhr*, Fr. 11. April 2014 19.30 Uhr * KiJu-Vorstellung es gibt noch Restkarten für alle Vorstellungen von 14€ bis 50€ online oder unter 089 21 85 19 60

Musikalische Leitung Jürgen Goriup, Choreografie Jo Strømgren mit den Tänzerinnen und Tänzern des Staatstheaters des Gärtnerplatz, Bühne Jo Strømgren, Kostüme Bregje van Balen, Licht David Bofarull (aai), Dramaturgie David Treffinger, Tanz Rita Barão Soares, Anna Calvo, Ariella Casu, Aina Clostermann, Marta Jaén, Natalia Palshina, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Lieke Vanbiervliet, Francesco Annarumma, Alessio Attanasio, Matteo Carvone, Davide Di Giovanni, Giovanni Insaudo, Neel Jansen, Javier Ubell, Russell Lepley, Filippo Pelacchi, Morgan Reid, Isabella Pirondi, Sprecher Patrick Teschner

 


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Lesung Inge Löhnig, 19.03.2014, Stadtteilbibliothek Allach-Untermenzing

Inge Löhnig 15 Monate mussten die Fans der Dühnfort-Reihe von Inge Löhnig auf den neuen Fall Deiner Seele Grab warten, vor ein paar Tagen ist er endlich erschienen. Im Rahmen des Münchner Krimifestivals las Inge Löhnig daraus in der Stadtteilbibliothek Allach-Untermenzing.

Zunächst stellte sie die vier Personen vor, aus deren Sicht sie diesen spannenden Fall erzählt. Da ist zum einen Dühnfort selbst, dann die freiberufliche Lektorin Clara Lenz, die moldawische Putzfrau Elena und Kirsten Tessmann, die Neue in Dühnforts Team. Sie begann mit dem Prolog, der vorgelesen noch mehr unter die Haut geht als wenn man selbst liest. Dann folgten vier Szenen mit den jeweiligen Protagonisten, die diese sehr treffend und genau charakterisierten.  Dazwischen erklärte sie immer wieder die Zusammenhänge, ohne zu viel zu verraten und machte damit extreme Lust aufs Lesen, was sich auch in dem leergekauften Büchertisch niederschlug. Ich hatte das Buch ja erst ein paar Tage zuvor beendet und die Stellen waren wirklich klug gewählt.

Im Anschluss daran beantwortete sie jede Menge Leserfragen, zum Beispiel erklärte sie, dass sie mit dem Taschenbuch als Verkaufsform sehr zufrieden sei, denn Krimileser seien Vielleser und griffen tendenziell eher zum Taschenbuch als zum Hardcover. Leider würden Taschenbücher von den professionellen Rezensenten eher nicht so wahr genommen, hierzu erzählte sie eine sehr lustige Anekdote. Die Designänderung der Cover ab Dühnfort Fünf hatte seinen Grund in der Nähe zu Covern von amerikanischen Krimis und Thrillern. Die Dühnforts wurden damit nicht als eigenständige deutsche Krimis erkannt. Sie als Grafikerin hat die Titel nicht selbst gestaltet, dafür gibt es Spezialisten in den Verlagen.

Als Nächstes erscheint der erste Erwachsenen-Standalone im November. Er trägt den Namen Mörderkind, spielt in Freising und München und ist kein Ermittlerkrimi. Fans von Tino Dühnfort dürfen sich freuen, denn danach ist der siebte Band der Reihe geplant. Ebenfalls in Planung ist ein Standalone mit Gina, der Partnerin von Dühnfort, im Mittelpunkt. Der Arbeitstitel des aktuellen Romans lautete “Seelenfrieden”, es gab aber schon einen Roman mit diesem Namen und so schlug Inge Löhnig Deiner Seele Grab vor, das passt auch gut zu den anderen Bänden. Anders als bei einigen anderen ist es aber kein Zitat, sondern bezieht sich auf die Seelenverfassung des Täters.

Wichtige Schauplätze schaut sich die Autorin natürlich ausführlich selbst an, ansonsten bekannte sie aber, ein großer Fan von Google Maps zu sein. Überhaupt sei die Recherche mit dem Internet um ein vielfaches einfacher geworden, sei es die Suche nach bestimmten Experten oder eben Nebenschauplätze, für die ein Streetviewblick genügt. Sie entwickelt ihre Fälle nicht von Rückwärts, sondern weiß schon, wo sie hin will. In einem Roman stecken 1200 bis 1400 Arbeitsstunden, das ist ein enormer Aufwand und wir Leser inhalieren dann das Ergebnis oft in ein oder zwei Tagen. Sie sei in der glücklichen Lage, mittlererweile vom Schreiben Leben zu können, seit zwei Jahren hat sie ihren eigentlichen Beruf Grafikerin aufgegeben und widmet sich dem Schreiben Vollzeit. Im Moment reiche es für die Margarine auf dem Brot, aber sie arbeite an der Butter.

Zum Abschluß signierte die sympathische Autorin noch fleißig Bücher und beantwortete noch weitere Fragen, bis alle 70 Zuhörer glücklich von dannen zogen. Ein sehr schöner Abend, wer die Möglichlichkeit hat, eine Lesung von Inge Löhnig zu besuchen, sollte dies unbedingt tun.

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Lesung Tereza Vanek, 15.03.2014, Literaturcafé Leipziger Buchmesse

Tereza Vanek Tereza Vanek las auf der Buchmesse in Leipzig aus ihrem neusten Roman Die Rebellin von Shanghai, der Fortsetzung von Das Geheimnis der Jaderinge.

Die Autorin erklärte, dass sie für ihr Buch vier sehr unterschiedliche Hauptfiguren wählte, um ausgewogen die damalige Situation in China darstellen zu können. Charlotte, das chinesische Adoptivkind der Hauptfiguren des Vorgängerromans, Viktoria und ihres chinesischen Ehemanns Jinzi. Dann ein junger englischer Offizier namens David, der sich in Charlotte verliebt, jedoch an den Konventionen seiner Zeit zu scheitern droht. Elsa Skerpov, eine junge Deutsche, die sehr unkonventionell ist und ihren Weg in China finden will. Zu guter Letzt noch Wenrou, ein junger chinesischer Adliger, der die Sicht der chinesischen Oberschicht vermittelt. (Und dann ist da noch Shao Yu, ein weniger betuchter chinesischer Freund von Charlotte.)

Durch diese Struktur und auch die ausgewählten Textpassagen wurde die große Stärke der Autorin deutlich: show don’t tell. (zeigen, nicht erklären)

Die gelesenen Abschnitte vermittelten eindrucksvoll die damalige Atmosphäre in Peking, die politische Situation und die völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen der chinesischen Bevölkerung und der in Peking lebenden Ausländer. Die Vorurteile der so unterschiedlichen Nationalitäten kamen auch nicht zu kurz, sowie welche davon begründet und welche völlig erfunden waren. Nicht ganz zu unrecht wurde China im Westen als korrupt und teilweise dekadent wahrgenommen, gleichzeitig auch als verarmt und wirtschaftlich wie politisch unterlegen – was natürlich bei der chinesischen Bevölkerung nicht für große Sympathie sorgte… Andererseits gingen Gerüchte um, die Menschen aus dem Westen würden chinesischen Kinder verspeisen oder sie ihrem Gott opfern. Die Drahtzieher des Boxeraufstandes versprachen, es gäbe einen Zauber für ihre Anhänger, der gegen die Waffen der weißen Teufel unverwundbar mache. Das Wort “Sha” wurde zum Kampfruf der Boxer, es bedeutet “töten”…

Es wurde in den Textpassagen deutlich, dass sie ein heftiger Konflikt anbahnt, der am 13./14. Juni 1900 eskalierte. Zwei der drei Kathedralen in Peking wurden niedergebrannt, die dritte (Bai Tang) steht heute noch.

Während der gesamten Veranstaltung war die Leidenschaft der Autorin für den Schauplatz und dessen Bevölkerung, sowie ihre Kenntnisse der Landessprache spürbar und viel zu schnell waren die nur dreißig Minuten vorbei.

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Lesung Sahar Delijani, 14.03.2014, Berlitz Leipzig

Sahar Delijani Lesungen bei Berlitz waren bisher immer besondere Ereignisse und auch diese war keine Ausnahme. In diesem Fall kannte ich das Buch schon, hatte es vor kurzem als englisches ungekürztes Hörbuch gehört und die deutsche Übersetzung von Juliane Gräbener-Müller vermittelt auch heikle Textpassagen einfühlsam und passend.

Sahar Delijani stellte ihren weitgehend autobiographischen Roman Kinder des Jacarandabaums vor.

Im eher kühlen Klima Teherans können die tropischen Jacarandabäume nicht gedeihen. Die Großmutter der Autorin hatte mehrfach vergeblich versucht, einen Jacarandabaum wachsen zu lassen. So steht der titelgebende Baum für eine Utopie, ist ein Symbol für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – jene Hoffnung, die ihre Eltern und die anderen Anhänger der Revolution im Iran hegten. Anfangs sei es keine islamische Revolution gewesen, niemand habe geglaubt, dass die Anhänger zu ihren ersten Opfern werden könnten.

Im Alter von 12 Jahren zog sie mit ihrer Familie von Teheran in die USA, heute lebt Sahar Delijani in Turin.

Wie die Hauptfigur ihres Romans wurde auch Sahar Delijani im Gefängnis in Teheran geboren. Das Schicksal ihrer Familie seit nichts besonderes, sie teile es mit Tausenden anderen Iranern. Sie wolle zeigen, welche Folgen die gescheiterte Revolution für das Leben der normalen Menschen hatte und vor allem für deren Kinder. So nahm die Autorin ihre eigene Familiegeschichte als Grundgerüst des Romans, in dem auch deutlich wird, wie aus einer Revolution voller Hoffnung eine Diktatur entstand. Die Verhaftungswellen 1983 und die Massenhinrichtungen 1988 trafen auch ihre Familie und heute sieht sie das Evin-Gefängnis als Symbol für die damalige Entwicklung und Ungerechtigkeit, für politische Gefangene. Schon vor der Revolution wurde das Gebäude als Gefängnis genutzt, in dem auch politische Häftlinge gefangenhalten wurden. Derzeit gäbe es rund 800 politische Gefangene im Iran, von denen ein Großteil im Evin-Gefängnis inhaftiert sei.

Als Kind habe sie als aufregend empfunden, im Gefängnis geboren zu sein und sie habe keinerlei Erinnerung an ihre Monate dort. Die Freunde ihrer Mutter machten Witze darüber, dass sie schon als Gesetzlose (outlaw) zur Welt gekommen sei. Heutzutage denke sie, ihr Körper repräsentiere die damalige Unterdrückung.

Für die 30 Frauen in der Zelle ihrer Mutter sei ein Säugling in vieler Hinsicht positiv gewesen. Hoffnung und eine neue Aufgabe hätten den Gefängnisaufenthalt verändert. Kurz vor ihrer Geburt habe ein wahre Aufbruchstimmung und Zuversicht im Iran geherrscht, was daran deutlich zu erkennen sei, dass rund zwei Drittel der heutigen Bevölkerung dort in ihrem Alter sei. Es habe nie einen vergleichbaren Babyboom gegeben.

Im Alter von wenigen Monaten wurde zu ihren Großeltern gegeben und sah ihre Mutter das erste Mal mit 1,5 Jahren wieder. Das erste Treffen verlief unbefangen, spätere wohl eher problematisch. Vermutlich auch deshalb, weil oft lange Monate oder gar ein ganzes Jahr zwischen den Treffen lag. Ihrem Vater begegnete sie das erste Mal mit 3,5 Jahren und sie hat nur eine einzige Erinnerung an ihn. Er hob sie hoch und sie brach in Tränen aus, weil sie panische Angst vor seinem riesigen Schnurbart hatte.

Mitte der 80er Jahre war der Iran durch den Krieg mit dem Irak stark geschwächt und die Auswirkung auf ihre Familie und den Rest der allgemeinen Bevölkerung war vernichtend. Kaum etwas Essbares in den Geschäften, junge Männer wurden ohne Waffen an die Front geschickt. Nachdem die militärischen Anführer hingerichtet wurden und die Waffen aufgebraucht bzw. verschwunden waren, blieben nur die Körper der Bevölkerung als Kriegsmittel. Hier spürte man deutlich die Fassungslosigkeit der Autorin über das Vorgehen der damaligen Regierung.

Auf die Frage, warum sie so ein komplexes Geflecht an Figuren geschaffen habe, antwortete Sahar Delijani, dass sie zeigen wollte, wie eine große Familie aus Personen entstehen kann, die nicht miteinander verwandt sind. Wie Familie aus gemeinsamen Erlebnissen, Liebe und Schmerz entstehen können. Sie selbst nannte frühere Mitinsassen ihrer Eltern Onkel und Tante, während die eigenen Verwandten größtenteils gestorben waren. Die Figur des Amir im Roman sei aus ihrem eigenen Vater und einem Onkel entstanden.

Als es 1988 zu kurzen Gerichtsprozessen für die politischen Häftllinge kam, wurde schnell klar, dass ihre Antworten auf die gestellten Fragen nicht wichtig waren. Es ging darum, wie reuig sie wirkten. Bis heute ist nicht bekannt, wie viele hingerichtet wurden, geschätzt zwischen 4-12.000, die dann in flachen Massengräbern beerdigt wurden. Rund zehn Jahre später kamen Bulldozer und der Inhalt der Gräber verschwand. Sie weiß bis heute nicht, wohin die Knochen ihres Vaters verschwunden sind.

Marian, die Mutter im Roman, flüchtet sich in tiefes Schweigen. Aus Angst spricht sie nie über das, was geschah, erzählt der Tochter nichts vom Schicksal ihres Vaters. Sie hat den Eindruck, die Geschichte selbst (history) hätte ihr Leben übernommen und würde jetzt alles bestimmen. Dass sie selbst keinen Einfluss mehr auf die Ereignisse hätte. So versucht sie, das Schicksal wieder in den Griff zu bekommen, indem sie der Tochter nichts erzählt. Will den Fluss der Ereignisse unterbrechen und verhindern, dass die Tochter in die Fußstapfen des Vaters tritt.

Die Autorin sieht diese Kinder als eine verletzte Generation, oder verbrannt von den Eltern mit Wunden, die sich nicht schließen können, weil die verlorenen Elternteile nicht zurückkommen können. Ihre Eltern hätten sich entschieden, “eine Revolution zu machen” ohne ihre ahnungslosen Kinder zu fragen. Heutzutage würden sie von den überlebenden Eltern die “Generation der Hoffnung” genannt, doch viele Kinder können ihren Eltern nicht vegeben. Sie fühlen sich verraten, glauben, die Eltern hätten der Revolution einen höheren Stellenwert eingeräumt als den eigenen Kindern und seien hohe Risiken eingegangen, für die jetzt ihre Kinder bezahlen würden.

Bei ihr selbst sei es anders, denn sie habe mit ihrer Mutter immer wieder ausführlich über die damalige Zeit gesprochen und sich irgendwann entschieden, darüber zu schreiben. Wobei ihre Mutter anfangs nicht gerne darüber sprach und so nutzte Sahar Delijani ihre Chance als auf einem gemeinsamen Flug nach Vancouver die “bitte anschallen” Zeichen aufleuchteten. Grinsen Sie habe ihr Notizbuch gezückt und diesmal sei ihre Mutter von der eigenen Tochter befragt worden.

Nicht nur durch ihre intensive Recherche hat Sahar Delijani das Gefühl, die Geschichte würde sich wiederholen. Sie begann bereits bevor dem arabischen Frühling mit der Arbeit an Kinder des Jacarandabaums, doch die damaligen Ereignisse begleiteten sie ständig. Wieder wurden Menschen erschossen, wieder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft… Die neue Revolution gab nicht den Impuls zu Entstehung des Buchs, aber sie zeigte ihr ein passendes Ende.

Noch heute reist sie in den Iran, besucht Freunde und Verwandte. Als sie 2011 dort war, spürte sie eine Welle der Traurigkeit. Als mit einigen Freunden das Gespräch auf die Niederschlagung der Proteste kam, musste die Gruppe vom Hinterhof ins Haus gehen, weil ein starkes Misstrauen gegenüber möglicherweise lauschenden Nachbarn herrscht. Einerseits war sie schockiert, andererseits planten ihre Freunden drinnen bereits die nächsten Schritte und jetzt könne man das Ergebnis sehen. Bei den Wahlen habe der moderate Kandidat gewonnen – die Hoffnung liege jetzt auf Wandel durch Reformen, statt wieder eine neue gefährliche Revolution.

Der arabische Frühling im Iran habe die Menschen erschreckt und habe ihr deutlich gemacht, dass sie genau überlegen muss, was und wie sie etwas sagt.

Derzeit arbeitet sie in Paris an ihrem zweiten Buch, in dem es um die Kinder der Revolution geht, um den Einfluss der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse auf deren Leben.

Die Geschichte des ersten Buchs ereignete sich in kompletter Stille. Ihre Großmutter durfte noch nicht mal eine Beerdigung für Sahar Delijanis Vater abhalten. Alles musste in Stille und hinter verschlossenen Türen geschehen, der Name des Evin-Gefängnisses durfte nie genannt werden.

So ist es für sie jetzt die größte Befriedigung, dass heute alles laut ausgesprochen wird und auch der Name des Gefängnisses in Gesprächen genannt werden kann, sowie die Ereignisse dort.

Eine engagierte Autorin, auf deren zweites Buch ich schon sehr gespannt bin.

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Lesung Margaret Atwood, 15.03.2014, Bibliotheca Albertina

Margaret Atwood Im Rahmen von Leipzig liest las Margaret Atwood in Biblioteca Albertina aus ihrem gerade auf Deutsch veröffentlichten Roman Die Geschichte von Zeb. Die interessante Veranstaltung wurde von Susanne Becker moderiert, die ich mir für nächstes Jahr für das blaue Sofa wünschen würde. Ausführliche Passagen der ausgezeichneten Übersetzung von Monika Schmalz wurden lebendig von Katharina Hartwell gelesen.

Vor 35 Jahren kam Margaret Atwood das erste Mal zu einer Lesung aus einem ihrer Bücher nach Deutschland und ist seitdem auch hier in den unterschiedlichsten Genres sehr erfolgreich.

Die Geschichte von Zeb ist der dritte Teil einer Trilogie, die in einer nicht allzu fernen Zukunft auf unserer Erde spielt, dessen erster Teil Oryx und Crake ist. Die Ideen zu dieser Geschichte kamen ihr, als sie bei Vogelkundlern in Australien war und das Gespräch immer wieder auf das Aussterben bestimmter Gattungen kam. Was wäre, wenn die Menschheit aussterben würde? Was wäre, wenn das schneller passieren würde, als wir es uns vorstellen können?

Ihre Bücher sieht sie nicht als Science Fiction, sondern nannte sie eher spekulativ. Die Frage “was wäre, wenn…” würde ihr viel Spaß machen. Bei Science Fiction spiele die Handlung in einer fernen Zukunft wie z.B. bei “Star Wars”. Sie hingegen bevorzuge es, mit den Möglichkeiten zu spielen, die uns Menschen schon heute zur Verfügung stehen. Dieses Genre sei von Jules Verne begründet worden.

Rückblickend könne sie leider sehen, dass schon Einiges aus dem ersten Teil der Trilogie passiert sei, weitere Ereignisse daraus würden vermutlich nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Der englische Titel MaddAddam konnte nicht ins Deutsche übersetzt werden, da es sich um ein vorwärts wie rückwärts lesbares Wortspiel handelt. “Mad” bedeute auf Deutsch verrückt und auch verärgert, es gebe auf Deutsch kein passendes Pendant. Den deutschen Titel empfindet sie jedoch auch als passend zum Inhalt.

Auf die Frage, ob Liebe in dieser zerstörten Welt möglich sei, antwortete Margaret Atwood mit einem entschlossenen “of course” (=selbstverständlich). Die Natur der Menschen würde sich nicht ändern. Wobei es um Liebe zwischen Erwachsenen gehe, Figuren, die bereits über 35 seien und nicht um heißverliebte Jugendliche.

Die im Buch beschriebene Gegend gibt es wirklich, im Norden Kanadas im Yukon Territorium und sie spiele in der Trilogie mit den Legenden der dortigen Ureinwohner. Der dort heimische Grizzlybär spielt im Buch eine Rolle, ein Tier, das nur töte, um zu überleben.

Ein wichtiges Element der Handlung ist, wie Menschen Geschichten erzählen und warum. Was war der entscheidende Punkt, an dem wir zu Menschen wurden. Ihrer Meinung nach ist die Erzählkunst sehr alt und gab uns mit Hinblick auf die Evolution einen entscheidenden Vorteil. Geschichten könne man jungen Menschen erzählen und sie so davor bewahren, alles selbst ausprobieren zu müssen. Dies helfe beim Überleben. (Wobei die Evolution vielleicht noch an der Fähigkeit zum Lernen aus den Geschichten arbeiten könnte… )

Margaret Atwood sammelt Geschichten, die sich mit der Entstehung befassen und sie ist fasziniert von der Frage nach der Herkunft. Ihr persönlicher Favorit ist, dass die Menschen aus einer Muschel gekommen wären. Auch in der Trilogie ist diese Thematik von Bedeutung.

Ihr rabenschwarzer Humor und ihre feine Beobachtungsgabe waren sowohl während der Gespräche als auch der gelesenen Textpassagen deutlich spürbar. So spielt im Buch die “Church of Petroleum” (Kirche des Erdöls) eine wichtige Rolle und sie legt den Finger in mehr als eine der Wunden unserer heutigen Gesellschaft. Es gibt “haptische Echtfühlseiten”, bei denen man für Geld z.B. Lady Jane Grey oder Mary Stuart enthaupten kann und auch andere Gedankenspiele, die vermutlich schon technisch machbar sind.

Margaret Atwood sieht sich nicht als Politikern oder eine Person, der Politiker zuhören würden. Deshalb würde sie lieber beim Schreiben von Büchern bleiben, wobei sie sicherlich hofft, dadurch etwas bewegen zu können.

Am Ende der Veranstaltung bemerkte die Moderatorin, dass sie nach der Lektüre der Trilogie unsere Welt mit etwas anderen Augen betrachte.

Eine besondere Autorin mit feinem Humor in ebenso besonderer Umgebung. Eine Veranstaltung, die vermutlich nicht nur mich noch eine Weile beschäftigen wird.

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Es ist erstaunlich, wie viel Zeit man mit und in der Vorbereitung zum eigentlichen Auftritt verbringt. Ähnlich wie beim Gepäckbank am Flughafen oder im Wartezimmer des Arztes nimmt dabei die Garderobe des Künstlers – neben der Kantine und der Hinterbühne – den zentralen Aufenthaltsraum vor dem Auftritt ein. Allerseltenst bewohnt man diese allein. Was auch sehr einsam sein kann. Meist und vor allem auf Gastspielen drängt sich dort auf engen Raum das ganze Ensemble oft auch nicht geschlechtergetrennt zusammen, um übereinandergestapelt mit einem Teilblick auf den Spiegel noch kurz das Gesicht und den Kragen für das Stück zu richten. Besonders liebe Veranstalter bessern die Stimmung gescheiterweise mit Butterbrezen oder selbstgemachten Keksen auf, in guten Stätten liegen dort alle Necessaires der Maske schon zur freien Verfügung aus. In besonderen Locations sitzt man allerdings auch schon mal zu siebt in einem Baucontainer vor dem Hallentor zum sympathischen Summen des Elektroheizgeräts und dem penetranten Regenprasseln auf dem Blechdach oder noch schlimmer in Hörweite offen hinter der Bühne, was jegliche private Unterhaltung oder Freizeitgestaltung zwischen entfernteren Auftritten konsequent unterbindet. Bei einem Festengagement wird einem typischerweise ein fester Platz mit festem Maskenkoffer zugewiesen, der nicht selten neidisch und stringent gegen Neulinge, die auch gerne einmal im Koffer herumwühlen, verteidigt wird. Zweimal gelang mir der große Clou aufgrund von massivem Herrenüberhang in das versteckte, vorhangverdeckte, geheimnisvolle Elysium der Damengarderobe hinübergebucht zu werden. In Gedanken schweben dort nicht bekleidete Akteursschönheiten umher, kichern und stauben mit Puder. Es roch so fein, allerlei Tand, Perücke und Stola breitete sich über die Kostümständer und der Hauch des Exklusiven, Verbotenen umgarnte das Männerherz. Einmal schmuggelte mich sogar die Soubrette ins Allerheiligste, dem Manne ansonsten niemals Zugängliche, wo Strumpfhalter und beidseitiges Klebeband mit Rouge und falschen Wimpern den Divenzauber bereiten. Den eigenen, männlichen wie weiblichen Fleck stattet man nach Möglichkeit gemütlich aus. Die Nippes-Sammlung aus vielerlei Toitoitoipackerln, die vielen Erinnerungsfotos – gerade älterer Kollegen oft der eigenen jugendlichen Vergangenheit – rahmen oft ein mehrstöckiges Papiertheater um den fleckigen Schminkspiegel herum. Daneben die kahlen oder behaarten Perückenköpfe mit ihrem immer gleichen kalten Styroporausdruck, hat sich niemand erbarmt und ihnen ein Gesicht gemalt. An diesem kleinen Flecken kann ich dann noch einmal ernst mit mir zu Gericht gehen, die Grundierung für den Abend anlegen, die Pointen am Wangenknochen nachziehen, die Dramenfalten glätten oder furchen und oftmals eine Rolle mit ein paar Pinselstrichen erschaffen. Dann überprüfe ich meinen Charakter, steige in mein Kostüm, ver(un)gewissere mich und verlasse das Buben- oder Mädchenstübchen über die Treppe oder Ecke zum Auftritt und das Warten am Band, im Zimmer, vorm Garderobentürl hat ein Ende. Dann muss man hinaus und danach wieder zurück in die Heimat vor dem Schminkspiegel oder die große weite Welt an der Rampe.

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Premiere Kabale und Liebe, 06.03.2014, Ensemble Südsehen im Einstein Kultur

Kabale und Liebe Kann man einen Klassiker wie Kabale und Liebe von Friedrich Schiller und das damit verbundene Lebensgefühl auch heute noch vermitteln? Das Ensemble Südsehen hat es auch ohne brachiale Modernisierungen geschafft.

Ferdinand liebt Luise und Luise liebt Ferdinand. Dummerweise kommen sie nicht aus der gleichen Schicht und deshalb sind beide Eltern aus unterschiedlichen Gründen gegen die Verbindung. Luises Vater, weil er seine Tochter beschützen möchte vor einer Enttäuschung, Ferdinands Vater, weil er seinen Sohn für seine politischen Zwecke einspannen möchte. Und dann ist das noch der Sekretär mit dem passenden schleimigen Namen Wurm, der ein Auge auf Luise geworfen hat und fleißig mitintrigiert. Am Ende erreicht keiner sein Ziel und zwei Familien sind zerstört.

Kabale und Liebe Das Bühnenbild von Aylin Kaip bietet mit wenigen Mitteln eine ausgezeichnete wandlungsfähige Spielfläche. Die schräg verlaufenden Holzbalken, die mit Papierbahnen bespannt sind, erlauben scherenschnittartige Bilder wie die Eingangssequenz, die mir ganz großartig gefallen hat, genauso wie die Symbolisierung von Standesgrenzen. Ein Steg bringt die Spielenden nahe ans Publikum. Die Kostüme sind der Entstehungszeit angelehnt.

Regisseur Robert Ludewig hat sich etwas wirklich Geniales einfallen lassen, um den Standesunterschied zu betonen: die Familie Miller spricht untereinander bayerisch, mit dem Hochgestellten wie dem Präsidenten und Lady Milford aber Hochdeutsch. Dabei wirkt das aber keinesfalls bäuerlich oder einfältig, sondern ganz natürlich. Es schärft die Grenzen zwischen den Familien, überspringt sie aber auch gleichzeitig, denn im Umgang mit den Höhergestellten spricht die Familie Miller durchaus Hochdeutsch. Zusammen mit einer hervorragenden Personenregie ergibt sich ein spannender  Abend, der den Zuschauer mitten ins Herz trifft und den Atem raubt. Hier zeigt sich, dass eine intelligente, behutsame Bearbeitung viel mehr in die heutige Zeit transportieren kann als so manche Kopftotgeburt des sogenannten Regietheaters.

Kabale und Liebe Die schauspielerischen Leistungen sind grandios. Ulrike Dostal spielt die beiden gegensätzlichen Charaktere Lady Milford und Frau Miller einfach großartig. Sie schreit, sie wimmert, sie bettelt, sie lässt den Zuschauer direkt teilhaben an ihren Gefühlen und Gedanken. Ebenso präsent ist die zarte Désirée Siyum in der Rolle der Luise Miller. Sie ist gleichzeitig Geliebte, Tochter und Untertanin, vereint diese Personen in einer Figur, aber verleiht ihnen auch eigene Persönlichkeiten.

Kabale und Liebe Robert Ludewig gibt dem Wurm eine Schleimigkeit, die ausgezeichnet zur Rolle passt. Da fliegen Blicke, die töten könnten und viel vom Inneren preisgeben. Amadeus Bodis ist ein starker Präsident, aber ihm ist auch der Schmerz über den Tod seines Sohnes nicht fremd. Erwin Brantl ist der ideale liebevolle Vater, der alles riskiert, um seine Tochter zu schützen, nur sie am Ende  doch zu verlieren. Das hochkarätige Ensemble wird von Thomas Trüschler ideal ergänzt, der als Ferdinand erst Liebender ist und sich dann in seiner Seelenqual nicht mehr anders zu helfen weiß als mit der Geliebten gemeinsam zu sterben.

Eine wirklich frische, entstaubte Version von Schillers Klassiker, die man unbedingt gesehen haben sollte.

Ulrike Dostal – Lady Milford, Frau Miller, Désirée Siyum – Luise, Amadeus Bodis – Der Präsident, Erwin Brantl – Miller, Hofmarshall von Kalb, Thomas Trüschler – Ferdinand, Robert Ludewig – Wurm, Regie: Robert Ludewig, Bühnenbild und Kostüm: Aylin Kaip, Dramaturgie, Mitarbeit am Text: Nikolai Steinhart, Erwin Brantl, Regieassistenz: Constanze Hörner

Weitere Vorstellungen: 08.03.2014, 09.03.2014, 23.03.2014, 24.03.2014, 26.03.2014, 27.03.2014, 28.03.2014, 29.03.2014, 30.03.2014, 28.05.2014, 29.05.2014, 30.05.2014, 31.05.2014, 01.06.2014 jeweils 19:30 Uhr im Einstein Kultur, Kartenreservierung online, Tickets von 12 bis 17€, Dauer 110 Minuten ohne Pause

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