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Falstaff, 25.08.2013, Kammeroper München im Hubertussaal Schloß Nymphenburg

Falstaff, Foto Bernd Schuller

Über die neue Produktion der Kammeroper München habe ich drüben bei mucbook geschrieben.

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Man sind die gut – Chicago am Broadway

Beinarbeit

Natürlich will da nicht umsonst jeder hin. Die Musicaljünger von überall, um die besten Shows der Welt zu sehen, die dann oft abgespeckt eine Welttournee mit schwächeren Zwillingen antreten. Mehr noch will jeder Tänzer, Sänger, Musicalist und Künstler einmal am Broadway eine Show geben. Die wenigsten schaffen es und die meisten Theater sind und bleiben in amerikanischer Hand. Der Autor durfte nun seine erste Show im alteingesessenen Ambassador Theatre sehen und war gespannt wie skeptisch. Zu oft leidet für ihn das Musicalgenre an Blutleere, Taktsucht und Überperfektion, die wohl oft genug auch von überspielten Tourneen herrührt, bei denen die meist läppischen Stories zum Geht-nicht-mehr aufgekocht und Abend für Abend neu heruntergespult werden. Hunderte von Repertoirevorstellungen abzuspielen ist schließlich kein Zuckerschlecken. Und selten liefert dieses Genre außer drei Ohrwürmern und ein wenig Bühnenbudenzauber das, was die Oper bietet: Emotion via Musik mit Qualität.

Eine der Topshows der wichtigsten Amüsiermeile der Welt ist im Augenblick „Chicago“ – eine Revue und weniger Musical mit mehr Vaudeville denn Handlung und altmodischer, verjazzter Musik sowie dem Primat der Choreographie. Nach der beachtlichen Hollywoodglitzertorte des jüngeren Kinos wieder im Spotlight gibt der Broadway diese Show erneut und mit altbekannter Besetzung.

Das Ergebnis? Eine Schulstunde an Professionalität, Perfektion, Herzblut und der einen großen US-Gabe: Entertainment. Keine Rolle unterbesetzt, kein Tänzer nicht im Takt und die Solos alle dermaßen grandios, dass Premierengefühl aufkommt bei der lässig coolen und dabei frischen Performance – zum xten Mal perfekt sozusagen. All that Jazz eben.

NY,NY,Broadway und Chicago

Die glatte und energische Amra-Faye Wright lebt wohl seit Jahren ihre Velma und liefert eine Tanzperformance voller unangestrengter Bravour, ohne eine Bewegung zu viel zu machen und routiniert das Publikum mit den gedehnten Beinen dirigierend. Gesanglich besser, tänzerisch etwas schwächer Amy Spanger als quirlige Roxie, die mit ihrer präsenten Energie durch die Decke geht. Diese beiden Ladies würdigen sich dabei auf der Bühne keines Blickes, harmonieren dafür in den Tanznummern auf die Sekunde. Hier sieht man einen Divenwettkampf, dessen Ausgang egal ist, solange sie dermaßen unterhalten.

Unprätentiöser doch geliebter Sidekick ist der Edna-Turnblad-erfahrene Wuchtling Paul C. Vogt, der bei „Mister Cellophane“ beweist, wie wenig auf der Bühne bei einer großen Begabung und gescheiter Regie für eine gute Nummer von Nöten ist. Alexander Gemignani gibt einen schleimig schiagelnden Billy und liefert mit der Marionettennummer die beste Stelle des Abends. Selbst die Minirollen wie die sensationelle Travestie von R. Lowe als kolotarierende YellowPressNymphe lassen die internationale Audience schreien und jubeln. Zu Recht und ansteckend. Alleiniger Aussetzer des Abends ist der Namedrop Wendy Williams, die als bekannte Radiomoderatorin ihre Vorschusslorbeeren verschießt und weder gesanglich noch spielerisch überzeugen kann. Aber auch so funktioniert der Broadway – she has the name!

Fazit?

Dieser Bombencast, eine sichtbare Bombenband, faktisch kein Bühnenbild, keine Handlung außer Jazz und Chicks und Crime und eine Bombencompany verzaubern zwei Stunden bis zum durchexerzierten Applaus das alte Artdeco-Theater und entführen mit ihrer Mitreißfähigkeit in eine ferne Welt nur bestehend aus Glamour, fliegenden Beinen, wackelnden Hüften und perfektem Entertainment voller Jazz – man sind die gut…

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Lesung und Diskussion Christopher Aird, Ann Cleeves und Denise Mina, 13.08.2013, Edinburgh International Book Festival

Eine der interessantesten von uns besuchten Verantstaltungen wurde kostenlos angeboten und war natürlich zu schnell ausbucht – 8 Minuten vor Beginn bekamen wir noch zwei zurückgegebene Eintrittskarten und ab ging es in die Schlange vor dem Zelt…

Die Autorin Ann Cleeves und Christopher Aird von der BBC saßen links, Denise Mina wurde von ihrer Scriptschreiberin Emily (Nachnamen habe ich vergessen) begleitet. Geleitet wurde die Veranstaltung von einer kompetenten und sympathischen Moderatorin, deren Namen ich leider auch nicht mehr weiß und nirgends im Internet finden konnte.

Eingeleitet wurde mit einer Frage an Christopher Aird, Leiter der Abteilung für Drama bei der BBC: Großartige Bücher eignen sich nicht immer für eine Verfilmung. Worauf achten Sie bei der Auswahl?
Nach einer fantastischen Story, dem Potential noch mehr daraus zu machen und Figuren, mit denen sich die Zuschauer leicht identifizieren können.

Ann Cleeves ist sehr zufrieden mit der Umsetzung ihrer Bücher, vertraut Christopher Aird und seinem Team. Für sie ist es wie die Freigabe eines Kindes zur Adoption an Menschen, die man mag und denen man auch vertraut. Ihrer Ansicht nach sind die Drehbücher gut gelungen und dass an den Originalschauplätzen auf Shetland gefilmt wurde, sei ein zusätzlicher Pluspunkt – wobei sie (natürlich) sich keinen anderen Drehort hätte vorstellen können.

Auch Denise Mina gefällt die Umsetzung ihrer Bücher für das Fernsehen, wobei es anfangs wohl schwieriger war und ihrer Meinung nach die zweite Staffel besser gelungen ist. Diesmal habe sie vorher gewusst, welche Schauspieler ausgewählt wurden und es sei nicht so dicht am Buch gearbeitet worden. Ihr sei klar gewesen, dass innere Dialoge ersetzt werden müssten und sie vertrat gemeinsam mit ihrer Skriptschreiberin die Ansicht, dass es wichtiger sei, den Geist zu erhalten, die Stimmung rüberzubringen, statt sich sklavisch genau an die Buchvorlage zu halten.
Denise Mina stört es, dass die Hauptdarstellerin zu attraktiv ist, zu dünn und auch, dass nicht geraucht wird. In den Büchern seien einige der Figuren praktisch Kettenraucher, an schottischen Filmsets herrsche jedoch absolutes Rauchverbot. Die Änderung, dass Maloney in der Verfilmung eine Frau ist, findet ihre Zustimmung. Nach Meinung aller Vier können die ausgewählten Schauspieler ganz anders aussehen als die Figuren in den Büchern und so etwas Neues mitbringen, solange der Grundcharakter jener Figur erhalten bleibt, die Grundstimmung und das Zusammenspiel zwischen den Figuren getroffen werden.

Als ein Beispiel für verschenktes Potenzial nannte Denise Mina die schwedische Verfilmung von Stieg Larssons Millenium-Trilogie. Sicherlich sei diese Version deutlich besser als die US-Verfilmung, hätte jedoch noch besser sein können, wäre nicht so kapitelgetreu vorgegangen worden.

Wichtig ist nach Ansicht der beiden Autorinnen eine gute Zusammenarbeit mit den Skriptschreibern, sowie der Dialog mit den Zuschauern. Denise Mina war schockiert, wie viele Käufer der gerade veröffentlichten Comic-Version der Milleniums-Trilogie zwar auch die Romane besäßen, diese jedoch nicht gelesen hätten. Aber sie würden doch die Filme kennen…. Da fühle sie sich als Autorin des geschriebenen Wortes fast wie jemand, der eine abschreckende Wirkung habe.

Christopher Aird betonte, dass die Hauptfiguren so gestaltet sein sollten, dass man im wirklichen Leben Zeit mit ihnen verbringen wolle und ihr Charakter, ihr Leben sich immer weiterentwickeln müssten. Früher habe er nicht so gerne TV-Serien gemocht, inzwischen wären sie ihm lieber als Kinofilme, denn er könne länger Zeit mit den Figuren verbringen, sich schon auf die nächste Folge freuen.

Ian Rankin habe am Vortag beim Book Festival gesagt, dass er die Filmrechte für alle seine Bücher zurückgekauft habe. Seiner Ansicht nach müssten Bücher die Möglichkeit zum Atmen haben und derzeit sei ihm der Einfluss nordischer Krimis und deren Verfilmungen zu groß.

Als Beispiel für eine misslungene Verfilmung nannte Christopher Aird die Bücher von Susan Cooper, bei denen die Grundaussage völlig verfälscht worden sei.

Sowohl Ann Cleeves als auch Denise Mina bemühen sich sehr, ihre Schauplätze wirklichkeitsgetreu darzustellen, erforschen die Umgebung der Handlung gründlich. Gelegentlich erfindet Ann Cleeves einen Ort, Denise Mina erzählte, dass sie gelegentlich Namen von Orten und Geschäften verändert habe. An sich völlig grundlos, aber es sei ihr in dem Moment richtig vorgekommen.

Beide verbindet eine tiefe Liebe zu ihren Schauplätzen und sie sprachen mit großer Leidenschaft von Glasgow (Mina) bzw. Shetland (Cleeves). Ihre Skriptschreiber versuchen soviel wie möglich der Stimmung dieser Orte in die 59 oder 90 Minuten zu bekommen und gleichzeitig den Zuschauern maximal viel Handlung anzubieten. Um dies zu ermöglichen, werden manchmal Handlungelemente von einer Folge bzw. einem Band in einen anderen verschoben. Christopher Aird ist klar, dass er nie alle Leser des jeweiligen Buches zufriedenstellen kann, Kompromisse gemacht werden müssen, um die notwendigen fünf Millionen Zuschauer für BBC1 zu erreichen.
Am wichtigsten sei es, die Leidenschaft des Autors zu vermitteln und dessen Ideen authentisch zu vermitteln.

Gleichzeitig gebe es eine Grenze z.B. beim Thema Darstellung von Gewalt. Christopher Aird versuche, keinerlei Schmerzen zu zeigen. Gewalt in einem gewissen Maße, jedoch nicht das dadurch verursachte Leiden länger als unbedingt nötig.

Auf die Frage, ob die Verfilmungen sie beim Schreiben neuer Bücher beeinflusse, antwortete Ann Cleeves mit einem klaren Ja. Sie habe jetzt den Hauptdarsteller vor Augen. Denise Mina hingegen versucht die Verfilmungen auszublenden, da ihr Hauptdarsteller in ihrem Kopf ganz anders aussieht und sie möchte beim Schreiben auch nicht über eine mögliche Verfilmung nachdenken.

Die Reaktionen auf die letzte Verfilmung in einigen Blogs habe Denise Mina schockiert, wie rücksichtslos manche Menschen da urteilen und schreiben würden – auf eine Art und Weise, wie sie wohl nie tun würden, wenn da nicht der Bildschirm wäre, sondern die andere Person ihnen persönlich gegenüber sitzen würde.

Die 60 Minuten waren viel zu schnell vergangen, es war interessant, die verschiedenen Meinungen zu hören, kurze Ausschnitte der Verfilmungen zu sehen, die Lust auf mehr machten.

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Lesung Ma Jian, 12.08.2013, Edinburgh International Book Festival

Mein persönlicher Höhepunkt bei den Lesungen war jene von Ma Jian, den ich bei der Frankfurter Buchmesse nicht gesehen hatte, als China Gastland war und er vom offiziellen Teil ausgeschlossen war. Seine Werke sind in China seit 1987 verboten, seit 2011 besteht auch ein Einreiseverbot für ihn.

Die 180 Plätze im Lesezelt waren alle besetzt als Ma Jian, seine Ehefrau Flora Drew und die Moderatorin Rosemary Burnett auf die Bühne kamen. Ma Jian selbst sprach durchgängig Chinesisch, seine Frau dolmetschte die gesamte Veranstaltung.

Sein neustes Werk The Dark Road beschäftigt sich mit den Folgen der staatlichen Familienplanung in China, der Titel umschreibt auf Chinesisch auch den Geburtskanal der Frau,
für Ma Jian ein ganz besonderer Ort. Meili, die weibliche Hauptfigur steht für die Frauen im sich wandelnden China, die vom Land nach Guangzhou und Shenzhen ziehen, um dort in riesigen Fabriken zu arbeiten, die nach Selbstbestimmung und Freiheit suchen. Sie soll eine äußerst entschlossene Frau sein, die sich mit jeder Faser ihres Körpers gegen die Vorgaben der Regierung wehrt. Ihr Ehemann Kongzi ist ein direkter Nachfahre von Konfuzius (Chinesisch: Kongzi), dessen Charakter komplementär zu dem von Meili angelegt ist. Er repräsentiert die dunklen, konservativen Stimmen, die Druck auf Meili ausüben, einen Stammhalter zu gebären, der den Familiennamen fortführt.

In den letzten Jahre hat der lange verschmähte Konfuzianismus durch die chinesische Regierung eine Wiederbelebung erfahren, allerdings nach Ma Jians Erfahrungen auf der Grundlage eines nur vagen Verständnisses. Er hat nichts dagegen, dass traditionelles Gedankengut an modernes Denken angepasst wird, wie z.B. in Hinsicht auf die Rechte der Frauen. Traditionen sind wichtig für eine Gesellschaft und können Selbstsicherheit geben, so wie er es am Wochenende selbst bei den Highland Games erlebt habe. Es sei jedoch wichtig, diese Traditionen zu verstehen und vernünftig in unsere heutige Zeit zu übernehmen bzw. eben anzupassen.
In jedem alten Volk sei der Glaube an Geister verbreitet gewesen, egal wo auf der Erde und besonders ausgeprägt im alten China. In „The Dark Road“ spricht der Geist des ungeborenen Kindes von Meili. Diese Idee ist tief im chinesischen Glauben verwurzelt, nach dem der Geist eines ungeborenen Kindes bei der Frau bleibt, bis es geboren wird. D.h. bei einer Fehlgeburt oder Abtreibung würde der Geist des Kindes weiterhin bei der Frau verweilen.

Meili flieht immer wieder vor den Behören, drei Schwangerschaften in neun Jahren…. begleitet von der Stimme des ungeborenen Kindes. Auch dies passt zur traditionellen chinesischen Gedankenwelt, in der die Zeit als zyklisch empfunden wird und das Auge des all-sehenden Geistes uns stets beobachtet.

Ma Jian las einen kurzen Abschnitt auf chinesisch aus der in Taiwan erschienen Originalausgabe, dann las Flora Drew eine längere Passage aus der englischen Ausgabe seines neusten Werkes.

Nachdem Ma Jian den Rohentwurf zu „The Dark Road“ geschrieben hatte, reiste er zur Recherche nach China, dies war noch bevor ein Einreiseverbot für ihn verhängt wurde. Zuerst war es schwierig, Menschen zu finden, die ihm fundierte Auskunft über die negativen Auswirkungen der erzwungenen Ein-Kind-Politik geben konnten bzw. wollten. Seit dem Olympischen Spielen war von der Regierung ein dicker Mantel des Schweigens über dieses Thema gelegt worden. Schließlich wurde er in seiner alten Heimatstadt Shandong fündig und hörte grauenvollen Geschichten über Spätabtreibungen, bei denen der Arzt völlig abgestumpft nur kurz gesagt habe „Schade, war ein Junge“ oder Kinder trotzdem noch stundenlang weiterlebten. Ma Jian hörte nicht „nur“ über solche Ereignisse, sondern sah auch die enorme Umweltverschmutzung, die Lebensbedingungen der Menschen z.B. in Guangxi und in Sichuan, erlebte gewaltsame Demonstrationen gegen die Ein-Kind-Politik bei denen Beamte in Brand gesteckt wurden. Er reiste nach Guiyu, wo er sich als Arbeitssuchender ausgab und Furchtbares sah und hörte.

Nirgendwo sonst in China gäbe es so viele fehlgebildete Kinder, Fehlgeburten und sei es so schwierig, überhaupt schwanger zu werden. Gleichzeitig würden Frauen im gebärfähigen Alter wie Verbrecherinnen behandelt, sie würden alle drei Monate kontrolliert, ob sie schwanger seien. Nur Reiche könnten sich davon freikaufen und zur Geburt weiterer Kinder ins Ausland reisen. Ma Jian hörte von einem Professor, der durchsetzte, dass seine Frau in China ein zweites Kind zur Welt bringen durfte und daraufhin seinen Arbeitsplatz verlor und eine Strafe in Höhe von 20 Jahresgehältern bezahlen musste.

Eigentlich hatte Ma Jian nach der Geburt seiner ersten beiden Kinder über das Leben an sich schreiben wollen, nachdem es in Beijing Coma um den Tod ging. Gleichzeitig konnte er nicht schweigen, angesichts dessen was er in China sah und hörte. Er sieht seine Aufgabe als Schriftsteller darin, Probleme in der Gesellschaft aufzuzeigen. Er freut sich, wenn er hört, dass das Leben seiner noch in China lebenden Geschwister mit der Zeit besser wird und fragt sich, warum sie nicht so zornig über die Ungerechtigkeiten dort sind. Die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens hätten ihn zornig gemacht, diesmal sei er jedoch niedergeschlagen gewesen. 60 Millionen Kinder würden in China bei den Großeltern aufwachsen, weil die Eltern sich nicht selbst um sie kümmern könnten, ständig würden Kinder entführt, Kinderhandel sei überall präsent.

Die Gebärmutter sollte der sicherste Platz überhaupt für ein ungeborenes Kind sein, nicht ein Ort der Gefahr vor Menschen, die der Ansicht wären, dass Säuglinge, egal wie alt, vor der Geburt keine Gefühle hätten. Ihm sei bewusst, dass er mit einem Buch nicht die Gesellschaft verändern könne, hoffe jedoch, diese Dinge ins Bewusstsein zu rufen. Auch wenn Ma Jian immer wieder betonte, er sei nicht mehr zornig, waren seine Emotionen deutlich zu spüren und seine Frau musste ihn immer wieder an die eigentlichen Fragen erinnern und ein wenig ausbremsen.

Das Publikum war gefesselt und als Fragen gestellt werden durften, berichtete ein Frau, dass sie zwei Mädchen aus chinesischen Waisenhäusern adoptiert habe. Ma Jian bedankte sich bei ihr, dass sie den Kindern die Chance auf ein besseres Leben gebe.

Eine sehr bewegende Veranstaltung mit einem interessanten Autor, dessen neustes Werk hoffentlich bald auch auf deutsch erscheint.

Weiterführenden Links:
http://en.wikipedia.org/wiki/Electronic_waste_in_Guiyu
http://www.flickr.com/photos/52289342@N0…157620894755924
http://www.greenpeace.org/international/…llution-230707/

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Lesung Sarah Dunant, 11.08.2013, Edinburgh International Book Festival

Am 11. August las Sarah Dunant aus ihrem neusten Buch “Blood & Beauty: The Borgia” beim Book Festival in Edinburgh. (Infos zu einer deutschen Ausgabe konnte ich bisher keine finden.) Moderator war Jamie Jauncey, ein schottischer Schriftsteller mit großem Interesse an italienischer Geschichte.

Pünktlich um 19 Uhr betraten die beiden gut gelaunt die Bühne des ausverkauften Lesezeltes. Mit viel Leidenschaft (und italienischer Gestik) erzählte Sarah Dunant über die Familie Borgia, die ihrer Meinung nach bei den italienischen Geschichtsschreibern viel zu schlecht wegkam. Sicherlich wäre es keine “guten Menschen” gewesen, jedoch auch nicht schlechter als ihre italienischen Zeitgenossen. Weil die Borgias jedoch aus Spanien stammten und geschickt ihre wachsende Macht nutzten, wären sie als besonders übel dargestellt worden.

In “Blood&Beauty” möchte sie die Familie Borgia so realistisch wie möglich darstellen, denn auch die TV-Serie ist nicht gerade realitätsnah, zu romantisch und Jeremy Irons sei zwar ein sehr attraktiver Schauspieler – jedoch sicherlich nicht wegen irgendwelcher Ähnlichkeit zu Rodrigo Borgia ausgewählt worden sei. Grinsen

Auch sprachlich versucht sie, sich den damaligen Wendungen anzupassen. Die Sprache sei immer durch die Lebensumstände der Menschen geprägt, damals durch die Natur und religiöse Begriffe. So ist jemand so auffällig wie eine Krähe in einer Milchschale, andere Geräusche werden mit den Glöckchen eines Leprakranken verglichen und ganz nebenbei wird erklärt, woher das Wort “bombardieren” stammt.

Die Figuren, egal ob historisch belegt oder erfunden, sollen sich wie Kinder ihrer Zeit verhalten, ihr Verhalten gleichzeitig für heutige Leser nachvollziehbar sein. Rodrigo Borgia war Papst und hatte sieben Kinder. Heute unvorstellbar, damals nur deshalb auffällig, weil kein anderer Papst vor ihm so viele Nachkommen hatte.

Sarah Dunant brachte mir das Leben im Vatikan zu jener Zeit näher, in einer Zeit der großen Umbrüche, voller Brutalität, und erzählt einfühlsam von den verschiedenen historischen Persönlichkeiten. Gleichzeitig kommen Humor und Ironie nicht zu kurz, es wird deutlich, dass nicht nur Rodrigo Borgia mit beidem gesegnet war. Eine Zeit, in der plötzlich eine Seuche auftauchte, für die es kein Heilmittel gab und die Hoffnung auf Quecksilber lag… Trotz der ernsten Thematik wurde viel gelacht, auch weil Sarah Dunant herrlich selbstironisch ist.

Ihrer Ansicht nach haben sich historische Romane in den letzten 20-30 Jahren sehr verändert, sowohl weil inzwischen mehr Quellen frei zugänglich sind und weil mehr und andere Fragen gestellt werden, so wie z.B. nach dem Leben der einfachen Leute, wie es Frauen früher erging usw.

Bis heute seien die Folgen jener Epoche in Italien sicht- und spürbar, die großen Unterschiede zwischen Nord und Süd, die zwar schwindende jedoch noch vorhandene Macht der Kirche und auch einzelner Familien.

Nach einer Stunde ging es dann leider schon zum Signieren ins Nachbarzelt, wo sich Sarah Dunant viel Zeit für jeden nahm.

 

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Emmy Abrahamson – Widerspruch zwecklos oder wie man eine polnische Mutter überlebt

Alicija ist 15 und fühlt sich von ihrer Mutter ungerecht behandelt. Das kann wohl jeder, auch wenn er die Fünfzehn schon dreimal hinter sich gelassen hat, nachvollziehen.
Nun ist Alicijas Mutter aber zufällig polnisch, und das ist anscheinend doppelt peinlich. SIe erzählt jedem, ob Verwandtschaft oder nicht, von Alicijas Pickelproblem, kann nicht kochen und mischt sich in alles ein. Dabei stört es sie nicht, dass sie ihrer Familie ungenießbare Gerichte vorsetzt oder sie wochenlang ohne Küche und Bad auskommen müssen, weil Handwerker aus der polnischen Heimat angekarrt werden, um zu renovieren. Dabei fallen Alicijas eigene Probleme irgendwie unter den Tisch, zum Beispiel wie man sich verhält, wenn der Schwarm der besten Freundin plötzlich mit einem gehen möchte.
Emmy Abrahamson greift einige Probleme eines pubertierenden Mädchens auf und schreibt durchaus witzig darüber. Witzig wäre auch ihr Spiel mit der polnischen Abstammung von Alicija, wenn sie nicht so viele Klischees verwenden würde. Ihre Polen sind wie aus dem Lehrbuch und wir alle wissen, dass man normalerweise zwar die ein oder andere Eigenart des eigenen Volkes vertritt, aber sehr selten alle zusammen.
Dazu kommt, dass das Buch in den Achtziger Jahre spielt, also zu einer Zeit, in der ich in etwa Alicijas Alter hatte. Deshalb kann ich das Lebensgefühl, das in diesem Roman vorherrscht, sehr gut nachvollziehen, weil ich es selbst erlebt habe. Ein heute Fünfzehnjähriger kann das vermutlich eher nicht. Gleichzeitig ist der Roman aber nicht All-Age, dazu sind die Charaktere zu flach, das Geschehen zu vorhersehbar, wenn auch mit einer netten Moral versehen.
Deshalb empfinde ich den Roman als etwas an der Zielgruppe vorbeigeschrieben, ich hatte eher den Eindruck, dass die Autorin hier ihre eigene Jugend verarbeitet.

Emmy Abrahamson wuchs u.a. in Moskau auf, sie studierte in London und Manchester und arbeitete als Schauspielerin in Amsterdam und Wien. Heute lebt sie in Südschweden.

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Marc Ritter – Herrgottschrofen

Nach Josefibichl ist Herrgottschrofen der zweite Krimi aus der Reihe um den Garmisch-Partenkirchner Lokalreporter  Karl-Hein “Gonzo” Hartinger.

Es beginnt alles ganz harmlos. Hartinger möchte sich etwas mehr in Form bringen und beginnt zu joggen. Eines Morgens führt ihn sein Weg zum Herrgottschrofen, dort wird gerade der Spatenstich durch den bayerischen Ministerpräsident für den Bau eines Tunnels vorbereitet. In der Grube findet er Knochen. Die Lokalprominenz würde das gerne unter den Tisch kehren, schließlich kommt der oberste Bayer in ein paar Tagen vorbei. Als eine zweite, diesmal deutlich frischere, Leiche gefunden wird, gerät der Reporter unter Mordverdacht und wird aus dem Verkehr gezogen. Wer hat so ein dringendes Interesse daran, dass Gonzo keine nicht in Garmisch-Partenkirchens Vergangenheit stöbert und damit die Zukunft des Ortes gefährdet?

Marc Ritter versteht es herrlich, den Lokalkolorit einzufangen, seine Figuren authentisch zu zeichnen und die Geschichte spannend zu erzählen. Es entsteht ein Ort, der von Filz geprägt ist, in dem die Lokalpolitiker hauptsächlich auf ihren eigenen Vorteil schauen und dabei aber immer nach oben buckeln und nach unten treten. Fast könnte er einem leid tun, der echte Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, denn sein literarisches Gegenstück ist ein korrupter, machtgeiler Politiker, der über Leichen gehen würde. Ähnlichkeiten sind laut Nachwort aber nicht beabsichtigt. So aber passt die Figur ins Bild vom Kommunalfilz, der bis in höchste Ebenen reicht. Auch der bayerische Ministerpräsident kommt nicht so gut weg, Marc Ritter kombiniert Politsatire gekonnt mit wahren Begebenheiten, so dass einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt, weil man das Gefühl hat, genauso spielt es sich ab.

Die Figur des Gonzo Hartinger ist sympathisch hartnäckig, man nimmt ihm jede Handlung und jeden Gedankengang ab. Das restliche Personal ist teils skurril, teils liebenswert-schrullig, eine echte Mischung aus dem bayerischen Oberland halt. Die Geschichte ist spannend erzählt mit einem Ritter-typischen furiosen Showdown, der Spaß macht. Hier wird Fiktion mit historischen Fakten aufs Feinste verwoben. Was mir besonders gut gefallen hat, sind die Kleinigkeiten, auf die der Autor acht gibt, zum Beispiel dass der Onkel von Kathi, der ehemaligen Freundin von Gonzo, zu einem Termin in München viel zu spät kommt, weil er mit seinem Oldtimer wegen der fehlenden grünen Feinstaubplakette nicht in die Stadtmitte fahren darf und daraufhin eine Odyssee hinlegt, die eines Buchbinder Wannigers würdig gewesen wäre.

Ein sehr gut gelungener Krimi aus der Sparte Regional, der jedem Spaß machen wird, der ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen kann.

Marc Ritter, geboren 1967 in München, wuchs in Garmisch-Partenkirchen auf, wo er nach dem Abitur Zivildienst machte und für eine Garmisch-Partenkirchner Lokalzeitung über Politik, Sport und Nachtleben berichtete. Zum Studium von Germanistik, Politikwissenschaften und Werbepsychologie sowie einer Marketingausbildung kehrte er nach München zurück. Ritter arbeitete als Manager für große deutsche und amerikanische Print- und Online-Medien und ist seit mehreren Jahren als Unternehmensberater tätig. Er wohnt mit seiner Familie in München.

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