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Tuomas Kyrö – Bettler und Hase

Als Sozialkritik, Roadmovie, modernes Märchen wird der Roman beworben. Lustig soll er sein. So was würde mir gefallen, dachte ich.
Vatanescu ist ein Wirtschaftsflüchtling aus Rumänien, der sich der Bettlermafia anschließt, um seinem Sohn Miklos Stollenschuhe kaufen zu können, damit dieser mal ein großer Fußballstar wird. So weit so tränendrüsenreich. In Finnland erwartet ihn ein hartes Los, betteln bei jedem Wetter, nie darf er lächeln, sondern muss immer möglichst abgerissen und mitleidheischend aussehen. Dazu muss er noch 75% seines Verdienstes an den Schleuser abgeben, der ihn ins gelobte Land gebracht hat. Als Vatanescu sich gegen diesen auflehnt, beginnt eine abenteuerliche Flucht quer durchs Land. Bald sind ihm Polizei, Fernsehen und natürlich der Schleuser auf den Fersen. Ein Kaninchen, das er vor einem jugendlichen Mob gerettet hat, ist sein einziger Begleiter.
Der Stil, in dem der Roman geschrieben ist, gefällt mir durchaus, knallhart und trocken präsentiert Tuomas Kyrö einen Streifzug durch Vatanescus Leben. Allerdings reissen seine kurzen Abschnitte die Personen, denen Vatanescu auf seiner Reise begegnet, nur an, obwohl sie eingehend mit Vorgeschichte vorgestellt werden. Das geht so weit, dass ich ein Paar, das am Ende eine große Rolle spielt, total vergessen habe, obwohl ich den Roman innerhalb weniger Tage gelesen hatte. Das mag eine Eigenschaft des Roadmovie sein, aber ich fragte mich beim Lesen schon, warum dann alle Personen so eingehend, und zwar nicht im Dialog mit Vatanescu, vorgestellt wurden.
Sozialkritisch ist der Roman, sicher insbesondere für Finnland, aber auch dem Rest Europas gegenüber. Dies geschieht aber so holzhammermäßig und holzschnittartig, dass es sein Ziel weit verfehlt. Da fehlt nix, Raubbau an der Natur, Ausbeutung von Menschen, Medienhype, auch Naturschützer kriegen ihr Fett weg. Anstatt zum Nachdenken anzuregen, schüttelte ich nur den Kopf angesichts dieser geballten Schwarz-Weiß-Malerei. Dazu kommt noch, dass vieles Finnlandspezifisch ist und die Finnen vermutlich alle Anspielungen verstehen (ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass in der Beschreibung der Politiker einiges Potenzial steckt), aber für mich als durchschnittlichen Europäer, der mit Finnland hauptsächlich die Sauna und übermäßigen Alkohholgenuß verbindet, war nichts davon Lustig.
Modernes Märchen? Ja, das letzte Viertel des Buches muss man unbedingt unter diesem Aspekt sehen, sonst ist es nur abstrus.
Ich kann mir schon vorstellen, warum das Buch in Finnland auf den Bestsellerlisten gelandet ist, für mich war es aber einfach nur klischeebeladen und mühsam konstruiert.

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T.R. Ragan – A dark Mind

Diesen dritten Band der Serie um die amerikanische Privatdetektivin Lizzy Gardner habe ich gelesen, ohne die beiden vorherigen zu kennen. Das tat dem Lesevergnügen keinen Abbruch.
Lizzy Gardner ist Privatdetektivin mit Hang zu Serienmördern. Ihre Vorgeschichte, die immer mal wieder miteinfließt, so dass man sich ein gutes Bild von ihr machen kann, ist tragisch. Sie wurde als Jugendliche von einem Serienmörder gekidnappt und lebt seitdem mit einem ständigen Angstgefühl. Vor kurzem ist sie mit ihrem Freund Jared zusammengezogen, einem FBI-Agenten, der die Fälle des sogenannten Lovebird-Killers bearbeitet. Dieser Name kommt von dem Muster des Täters, immer Paare zu entführen und umzubringen. Als einer ihrer Fälle sie in die Nähe des Killers bringt, bricht für Lizzy die Hölle los.
Der Aufbau der Story hat mir gut gefallen. Die Abschnitte sind kurz und aus wechselnden Perspektiven. Mal verfolgt man die Detektivarbeit von Lizzy und ihren Gehilfinnen und mal ist man mit dem Innenleben des Killers konfrontiert. Dabei verzichtet die Autorin gänzlich auf unnötige Cliffhänger. Das schafft mehr Spannung als anders herum, zumindest bei mir.
Es ist nicht zu blutig, ich bin da eher empfindlich, konnte aber alles lesen ohne dass mir schlecht wurde oder ich das Kino im Kopf abschalten musste. Die Personen sind gut skizziert, wobei ich mir an der ein oder anderen Stelle noch etwas mehr Tiefgang gewünscht hätte. Vor allem Jared ist völlig außen vor, obwohl er einer der Hauptfiguren ist. Es las sich insgesamt gut, der Stil der Autorin ist eher sachlich als beschreibend.
Für Leser des Genres sicher eine gute Wahl, weil ich nicht so der Thrillerfan bin, würde ich weitere Bände nur lesen, wenn sie mir zufällig in die Hände fielen.

T. R. Ragan grew up in a family of five girls in Lafayette, California. As an avid traveler, her wanderings have carried her to Ireland, the Netherlands, China, Thailand, and Nepal, where she narrowly survived being chased by a killer elephant. Before devoting herself to writing fiction, she worked as a legal secretary for a large corporation. She is the author of Dead Weight, the second Lizzy Gardner book. Also, writing under the name Theresa Ragan, she is the author of Return of the Rose, A Knight in Central Park, Taming Mad Max, Finding Kate Huntley, and Having My Baby. She and her family live in Sacramento.

 

 

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Werner Gerl – Der Goldvogel

Dies ist der zweite Teil einer Serie um die Münchner Kommissarin Barbara Tischler. Den ersten, Eine Art Serienmörder, hatte ich bisher nicht gelesen. Trotzdem bin ich gut hineingekommen in die Geschichte.

Ein türkischer Kickboxer ohne Kurzzeitgedächtnis meint einen Mord gesehen zu haben, aber die hinzugerufene Münchner Kommissarin Barbara Tischler findet keine Leiche. Jedenfalls nicht an der Stelle, die Kemal Üzli beschreibt. An anderer Stelle taucht nämlich ein toter Kunstdieb auf, der schon vor Jahren von der Bildfläche verschwand. Dazu kommen Spuren des sogenannten Goldvogels, einer Adlerskulptur, die angeblich Hitler selbst angefertigt haben soll. Schon bald muss sie sich mit Künstlern, Jägern, Sammlern und der Russenmafia rumschlagen.

Barbara Tischler ist eine interessante Figur, die mit ihrer Meinung nie hinterm Berg hält, was ihr oftmals auch schadet, aber auch zu erheiternden Situationen führt. Zusammen mit Rolf Mangel bildet sie ein Team, von dem ich gerne noch mehr lesen würde. Witz und Esprit der beiden machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen.

Die Story ist geschickt aufgebaut, hat mich immer wieder in die Irre geführt, die Spannung blieb bis zum furiosen Schluß erhalten. Werner Gerl zeichnet seine Figuren sehr genau und macht so aus diesem Münchenkrimi viel mehr als einen bloßen Regionalkrimi. Dabei verfällt er aber nicht in Klischees, sondern verleiht seinen Figuren Individualität. Er hat die Atmosphäre Münchens gut eingefangen und transportiert jede Menge Lokalkolorit, der das Lesen auch für einen Münchner zum Vergnügen macht.
Ein gut konstruierter, spannender Krimi, der Lust auf mehr macht.

Werner Gerl ist Kabarettist, Satiriker und Krimi-Autor. 2010 erschien »Mordsgaudi« (Schardt-Verlag), eine Sammlung bayerischer Kurzkrimis, 2011 Tischlers erster Fall »Eine Art Serienmörder«. 2013 wird seine bayerische Krimi-Komödie »Der Schweinskopfmörder« am Münchner Volkskunsttheater uraufgeführt. Werner Gerl ist Mitglied im Syndikat und Mitveranstalter des Münchner Krimitags.

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Gott, Kot und Fleisch – Die Präsidentinnen im Peppertheater

Die Wichtigkeit dieser kleinen Münchner Keller- und Privatbühnen steht ohne Zweifel. Doch den Abend den drei Vollblut- und sicherlich unkommerziell motivierten Bühnentiere mit ihren Präsidentinnen hingestellt haben, beweist erneut, das Qualität nicht vom Kapital abhängt und Großes auch im kleinen, armen Theater geschaffen werden kann.

Nicht gerade leicht haben es die dreisten Drei sich dabei gemacht, indem sie Werner Schwabs schweren Brocken auf die Pepperbühne gehievt haben. Denn wenig passiert bei dem großen Textstück einer Sezierung dreier großer Frauenfiguren der Theaterbühne. Dialog und Monolog entschlüsseln langsam und grausam zynisch die Schicksale dieser kaputten Personen zwischen Geschlecht, Erinnerung und Lebensentwurf. Das braucht spielen und eine Distanz wie Nähe zu diesen kalten Karikaturen, diesen gebrochenen Menschen voller Leere und Boshaftigkeit und unendlicher Traurigkeit. Drei etablierte Bühnenfrauen haben sich diesem Schwab angenommen und bringen ihn brillant und pointiert auf die Bühne ohne dabei den Fehler zu machen, diesen Brocken als etwas anderes zu nehmen, als er ist – ein theatraler Seidlfilm, noch überzeichneter und in seiner Eindeutigkeit große Karikatur der modernen Vorstadt und der gebrochenen Frau. Manfred Lorenz Sandmeier nimmt sich in seiner Regie zurück, stellt die Frauen sparsam und auf den Text konzentriert im angedeuteten Wohnzimmer nebeneinander und lässt sie agieren, arbeitet die Rollen präzis heraus und lässt den Text sprechen. Mehr braucht es nicht.

Julia Mann gibt die Erna als verkapptes, spleeniges Wrack mit übermenschlichem Sohnkomplex. Mutig, sicher und mit Gespür für Komik gehört ihr die erste Hälfte mit manchmal etwas Hang zur Attitüde. Diese Ticks verträgt das Stück zu Auflockerung der harten Realität. Die macht die Enthaltsamkeit und Lebensverneinung von Erna spürbar, die sich alles spart, vom Gefühl zu Nähe zum Leben. Präsent und bühnenwohl und übersteigert authentisch in jeder Sekunde. Kongenial daneben die Spiegelfigur Grete von Raphaela Zick. Die regelmäßige Pepperdienerin und Bühnenliebling bekannt auch als Mephisto und Elisabeth aus Maria Stuart zeigt hier ihre beste Leistung auf hohem Niveau in der chargierenden, dem Wahn verfallenen Grete. Diese Frau ist zu bemitleiden und offenbart einen tiefen, grausamen Kern hinter der herzigen, schlampigen Oberfläche, den Zick auslotet und tief in die Figur blicken lässt. Mit jeder Träne über dem überzogenen Kajal überzeugt Zick vor allem in der zweiten Hälfte, die sie dominiert. Mann macht es ihr dabei nicht leicht, man sieht großen Akteurinnen immer dabei zu, wie sie miteinander ringen, die Figuren auf die Spitze treiben und sich immer auch einen gelungenen Darstellerwettbewerb liefern. Durch ihr junges Alter wird Schwabs Distanziertheit zu seinen Figuren, die gerne in der dritten Person von sich fabulieren nur noch deutlicher.

Dazwischen und witzigerweise alterstechnisch umgedeutet Waltraut Borchmann als rührenden, naive Mariedl. Zurückhaltend in der ersten Hälfte brilliert sie in ihrer großen Schlusserzählung ebenso wie in ihrer physischen Darstellung, die dem Zuschauer Mitleid für diese entrückte, alte Mariedl erzeugt, die wahrlich nichts trübt, bis sie an ihrer Zurückhaltung und dem Ausnutzen zerbricht. Sie komplettiert das Trio der verlorenen Seelen, die sich aneinander abarbeiten, da Hoffnung, Glück und Zukunft fehlen. Darum gehen sie aufeinander los, verachten sich und demütigen ihre gegenseitigen Schicksale. Der böse Witz funktioniert auch in der kühlen Lösung, die den Glauben an das Gute endgültig zu Grabe trägt. Hoffentlich aber arbeiten diese grandiosen Drei noch regelmäßig und auf diesem Niveau miteinander. München braucht diese Präsidentinnen.

 

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