Der Sommerurlaub ist ja die Zeit, wo viele Leute Gehirn und Handy ausschalten, zu lange schlafen und ständig Eis essen. Da die Luftfeuchtigkeit in diesen Tagen hoch genug war, brauchte ich mich nicht mal ins Schwimmbad zu bemühen, sondern unternahm stattdessen einen Ausflug in die Klosterkirche Fürstenfeld, wo es eine Ü50-Party gab, liebenswürdigerweise gesponsort vom Rotary-Club Fürstenfeldbruck. Ciricino Micheletto haute ordentlich in die Tasten, was ich gut verstehen kann, denn es muss wirklich verlockend sein, auf so einem wunderschönen Instrument wie dieser 275 Jahre alten Fux-Orgel zu spielen. Außerdem ist er ein renommierter Orgelprofessor, und die Devise war: Wer ko, der ko. Ich nehme an, damit kam er dem ursprünglichen Barock-Klang auch ziemlich nahe, denn wenn man alle Register zieht, schwingen halt auch viele Zwischenfrequenzen mit, was für einen Musikbanausen mit modernen Hörgewohnheiten gerne mal unsauber klingt. Mein Hund heult schon ganz jämmerlich, wenn er nur eine Querflöte hört. (Die Fans der historischen Aufführungspraxis würden vermutlich mit den Ohren schlackern, wenn sie eine Zeitreise in die Musikszene des Barock machen könnten.)
Gleich das erste Stück, ein Concerto von Vivaldi, transkribiert von Bach (BWV 972), war große Klasse: Der erste Teil war sehr peppig und ließe sich problemlos in eine Disco-Version umarbeiten, der zweite Teil ging eher in die Richtung Easy Listening, und der dritte Teil, naja, der klang ziemlich beliebig, aber man kann ja nicht alle fünf Minuten einen großen Wurf landen. Dann hörte man, ebenfalls von Vivaldi, bei einem sehr schönen Domine Deus zum ersten Mal die Sopranistin, Nami Shighara (geboren in Fukushima, Studium in Tokio und Verona). Sie hat eine wundervolle Stimme und ihr Italienisch war hervorragend. Alles, was sie sang, und dann noch begleitet von dieser Orgel, klang einfach toll. Das nächste Stück war mein ganz persönlicher Liebling : ein wirklich berührendes Ave Maria von Giulio Caccini. Es waren für eine Sopranstimme sehr tiefe Passagen dabei, aber Nami Shighara hat den erforderlichen Tonumfang. Beachtlich. Dann gab es einen Lückenfüller von Francesco Durante, Vergin tutt’amor, und ein Concerto von Allessandro Marcello, das mir auch nicht besonders gefiel und mit dem man hervorragend die Grenzen der Fux-Orgel austesten kann: Die hohen Töne pfeifen manchmal. Danach eine Fantasia, die seltsam verwaschen klang, mit ein paar durchaus hübschen Motiven, die aber sinnlos aneinandergereiht waren – vielleicht wäre das Stück auf einem anderen Instrument ganz nett gewesen. Ich kann nicht sagen, ob das Problem bei der Fux-Orgel lag oder bei dem Komponisten, einem gewissen W.A. Mozart, und letztendlich ist es ja auch egal, ob ich hier mit dem rechten oder dem linken Gummistiefel ins Fettnäpfchen steige: gefallen hat es mir jedenfalls nicht, das KV 397. Das nachfolgende Ave Maria, ebenfalls von Herrn Mozart, fand ich dagegen ausgesprochen schön, wozu natürlich auch die Stimme von Frau Shighara beitrug, und absolut herrlich, gesungen und überhaupt, war dann das weltberühmte Ave Maria von Franz Schubert (1797 – 1828). Etwas zum Aufmuntern war danach eine Fantasia von Padre Davide da Bergamo, offensichtlich ein Mann der Praxis, denn gleich am Anfang wird es richtig laut, damit die liebe Gemeinde wieder wach wird, und in der Folge sehr possierlich, mit vielen tänzerischen Elementen. Die beiden letzten Programmpunkte waren von Verdi, ein Ave Maria aus Othello und La Vergine degli Angeli aus La Forza del Destino. Wunderschön. Es gab großen und wohlverdienten Applaus von den Zuhörern, leider nur siebzig oder achtzig an der Zahl. Diesem Konzert hätte man ein größeres Publikum gewünscht. Zum Schluss noch ein zauberhaftes, ganz bekanntes Ave Maria von, eh, Dings, ich komme gleich drauf, jedenfalls auch sehr gut gesungen, und das Erlebnis wäre noch viel inniger und kontemplativer gewesen, wenn ich nicht im Rahmen der Nachwuchsförderung drei Kinder mitgenommen hätte. Aber wie Nietzsche schon sagte: Man wird immer für seine guten Eigenschaften bestraft (oder so ähnlich). Jedenfalls habe ich das Thema dann nicht weiter recherchiert, sondern bin gegangen, um? - ja, genau, noch ein Eis zu essen. In der Süddeutschen stand dann später, dass es sich um das Ave Maria von Bach/Gounod handelte. Na also. Für sowas hat man doch ein Zeitungs-Abo.
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